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Medizin

SARS-CoV-2: Afrika könnte zur Brutstätte neuer Varianten werden

Montag, 13. September 2021

/picture alliance / CHROMORANGE, Christian Ohde

Kapstadt – Die steigende Zahl von sequenzierten Virusgenomen hat in Afrika zur Entdeckung mehrerer unter Beobachtung stehender Varianten (VOI) von SARS-CoV-2 geführt, die sich vor dem Hintergrund einer sehr niedrigen Impfquote weiter entwickelt haben und laut einer Studie in Science (2021; DOI: 10.1126/science.abj4336) durchaus für Europa zu einer Gefahr werden könnten.

Das neue Coronavirus hat Afrika über den internationalen Flugverkehr schon früh erreicht. Die ersten Fälle wurden bereits Mitte Februar bis Anfang März 2020 in Nigeria, Ägypten und Südafrika gemeldet, und bis Ende März 2020 hatte es in den meisten Ländern (die danach gesucht hatten) Erkrankungen an COVID-19 gegeben. Aus Mangel an Ressourcen und Know-how wurden anfangs kaum Sequenzierungen durchgeführt. Dies hat sich erst in den letzten Monaten geändert. Mittlerweile wurden der Datenbank GISAID mehr als 40.000 Sequenzen aus Afrika übermittelt (von fast 1,5 Mio. insgesamt).

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Ein internationales Team um Tulio de Oliveira von der Universität in Stellenbosch bei Kapstadt hat die Daten von 14.504 Genomen analysiert, die bis zum 5. Mai bei GISAID gespeichert wurden. Die Ergebnisse erlauben einen Einblick in die Ausbreitung von SARS-CoV-2 und seiner Varianten in Afrika. Die bisher einzige besorgniserregende Variante (VOC) B.1.351 (Beta) wurde erstmals im Oktober 2020 in Südafrika entdeckt. Die phylogeographische Analyse der Forscher deutet darauf hin, dass sie früher, etwa im August 2020, aufgetaucht sein muss. Beta hat sich danach rasch in Südafrika ausgebreitet. Im November 2020 wurde die Variante auch im benachbarten Botswana und in Mosambik entdeckt.

Im Dezember 2020 erreichte sie Sambia und das zu Frankreich gehörende Archipel Mayotte in der Straße von Mosambik. Bis März 2021 war B.1.351 in den meisten südafrikanischen Ländern sowie in Mayotte und La Réunion (ebenfalls zu Frankreich gehörig) die dominierende Variante geworden. Mittlerweile hat Beta auch Ost- und Zentralafrika erreicht. Ein erster Fall in Westafrika wurde aus Ghana gemeldet. Interessanterweise hat Beta in Europa bisher nicht Fuß fassen können, weder während der Alpha- noch während der gegenwärtigen Delta-Epidemie. Warum Beta in Afrika erfolgreicher ist, kann das Team um de Oliveira nicht erklären.

3 weitere VOI sind bisher ebenfalls weitgehend auf Afrika beschränkt geblieben. Dazu gehört zum einen die VOI B.1.525 oder Eta. Sie wurde zwar erstmals Mitte Dezember 2020 im Großbritannien entdeckt. Die von de Oliveira durchgeführte phylogeografische Rekonstruktion legt jedoch nahe, dass die Variante im November 2020 in Nigeria entstand. Seitdem hat sie sich in weiten Teilen Nigerias und dem benachbarten Ghana verbreitet.

De Oliveira vermutet, dass sie sich auch auf die Nachbarländer in West- und Zentralafrika ausgebreitet haben könnte, in denen bisher kaum sequenziert wurde. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat Eta im Visier. Der Anteil lag in Deutschland in den ersten 25 Kalenderwochen jedoch nur bei 0,7 % ohne dass eine Tendenz zur weiteren Ausbreitung erkennbar wäre.

Die beiden anderen VOI, die de Oliveira erwähnt, sind in Deutschland noch nicht aufgetaucht. Dabei zeigen A.23 und C.1 eine Neigung zu weiteren Mutationen, die ihre Infektiosität beeinflussen könnten. A.23 wurde zuerst in Gefängnissen in Uganda gefunden, hat sich später aber in der Allgemein­bevölkerung von Kampala ausgebreitet. Die Variante ist weiter mutiert und hat sich als A.23.1 auf die Nachbarländer ausgebreitet. Zuletzt hat A.23.1. über den internationalen Flugverkehr Ghana erreicht – interessanterweise über einen „Zwischenstop“ in Europa. Südafrika scheint es dagegen über Ostafrika erreicht zu haben.

Auch die Variante C.1, die in Südafrika bereits im März 2020 einen Cluster verursacht hatte und sich dann regional ausbreitete, hat sich weiterentwickelt: C.1.1 ist vermutlich im September 2020 erstmals in Mosambik entstanden. Dort dominierte es das Infektionsgeschehen, bevor es von B.1.351 (Beta) verdrängt wurde.

Die Studie zeigt, dass Afrika ein fruchtbarer Boden für neue Varianten ist. Gefördert wird dies laut de Oliveira durch die niedrige Impfquote. Sie liegt in den meisten Ländern bei unter 1 % der Gesamtbe­völkerung. Ausnahmen bilden die Seychellen, wo 70 % der Bevölkerung geimpft sind, und Marokko mit einer Impfquote von etwa 16 % (Mitte März). Ruanda gelang es innerhalb weniger Wochen, 2,5 % der Bevölkerung einmalig zu impfen.

Sollte es vor diesem Hintergrund zur Entwicklung weiterer VOC mit dem Potenzial zur globalen Ausbreitung kommen, wäre Europa vermutlich das erste Ziel. Bisher wurden von dort die meisten Viren nach Afrika eingeschleppt, aber auch unter den Exporten aus Afrika liegt Europa derzeit mit einem Anteil von 41 % vor Asien (26 %) und Nordamerika (14 %). © rme/aerzteblatt.de

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