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Medizin

Umfrage offenbart psychische Belastung bei medizinischem Personal während der COVID-19-Pandemie

Dienstag, 14. September 2021

/H_Ko, stock.adobe.com

Erlangen – Mehr als 17 % des medizinischen Personals litt während der COVID-19-Pandemie in Deutsch­land unter psychosozialen Problemen. Besonders betroffen waren Medizinisch Technische Assistenten (MTA).

Zu diesem Ergebnis kommt eine prospektive Onlinebefragung (VOICE-Studie) von mehr als 8.000 Teil­neh­mern, die ein Team der Universitätsklinika Erlangen, Bonn und Ulm im Journal of Psychosomatic Research veröffentlicht hat (2021; DOI: 10.1016/j.jpsychores.2021.110415).

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Die Auswertung umfasste eine Subgruppe von 3.678 Mitarbeitern aus Universitätskliniken und Kranken­häusern, die zum ersten von 3 Messzeitpunkten zwischen dem 20. April und 5. Juli 2020 befragt wurden.

Unter den 1.061 Ärztinnen und Ärzten berichteten 17,4 % über klinisch signifikante Depressionen und 17,8 % über Angstsymptome. Bei 1.275 Pflegekräften traten Depressionen und Angst bei 21,6 % bezie­hungsweise 19,0 % auf.

Am häufigsten gaben jedoch MTAs (N=1.342) an, von diesen beiden psychosozia­len Problemen während der Pandemie betroffen zu sein: 23,0 % und 20,1 %. Sie hatten laut Onlinebefragung den häufigsten Kon­takt zu kontaminiertem Material (62,1 %) und fühlten sich aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen einer Risikogruppe zugehörig (31,5 %).

Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung waren die Belastungen durch psychische Probleme bei Mitarbei­tern des Gesundheitswesens damit geringer. Alle 3 Berufsgruppen wiesen im Vergleich zur deutschen Allgemeinbevölkerung vor der Pandemie signifikant erhöhte PHQ-2- (Screening einer Major Depression) und GAD-2-Werte (Screening einer generalisierten Angststörung) auf, jedoch niedrigere Werte im Ver­gleich zu den Werten während der Pandemie: Mittlerer PHQ-2-Wert während der Pandemie Ärzte: 1,48; Pflegekräfte: 1,7; MTAs: 1,86; Allgemeinbevölkerung vor der Pandemie: 0,94 und zu Beginn der Pande­mie: 2,11 (J. Affect Disorder, 2010; DOI: 10.1016/j.jad.2009.06.019 Brain and Behavior, 2020; DOI: 10.1002/brb3.1745).

Risikofaktoren für erhöhte psychische Belastung

  • weibliches Geschlecht
  • Beruf: Krankenschwester im Vergleich zu Ärzten
  • direkter Kontakt mit infizierten Patienten
  • Sorge, sich oder andere anzustecken

Quellen: u.a. Brain Behav Immun, 2020; Psychiatry Res., 2020; Folie Vortrag Eva Morawa, Suchtkongress 2021

Hohe Verlässlichkeit unter Kollegen am Krankenhaus

Die Forschenden um Yesim Erim, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen, haben anschließend nach Korrela­tionen bei den Arbeitsbedingungen gesucht. Eine Tatsache fand Morawa dabei besonders erfreulich: „Das Item mit der höchsten Zustimmung, war: Ich kann mich auf meine Kolleginnen und Kollegen verlassen, wenn es bei der Arbeit schwierig wird“, berichtete die Erstautorin Eva Morawa beim Deutschen Suchtkongress. Fast 70 % hatten dieser Aussage zugestimmt.

Fast 40 % konnten sich in ihrer Freizeit nur unzureichend erholen und jeder 4. gab an, mehr als vor der Pandemie zu arbeiten. Auch auf das Suchtverhalten hat sich die Pandemie ausgewirkt: 10 % haben mehr geraucht, 11 % haben mehr Alkohol getrunken und knapp 3 % haben mehr Antidepressiva oder Beruhi­gungs­mittel genommen. Morawa gab jedoch zu bedenken, dass diese Zahlen auch höher sein könnten, würde man diejenigen dazuzählen, die auf dem Fragebogen die Antwortmöglichkeit „Stimme teils teils zu“ gewählt haben. Denn die soziale Erwünschtheit könnte bei dieser Frage eine besondere Rolle spielen, so die Psychologin.

Unzureichende Erholung und Alkoholkonsum als Prädiktoren für Depression und Angst

Eine Regressionsanalyse konnte zwar keine kausalen Zusammenhänge nachweisen, aber Korrelationen darstellen. Als klinisch relevant und signifikant stellten sich 3 Prädiktoren heraus: Eine höhere depressive Symptomatik ging einher mit unzureichender Erholung, mit vermehrtem Alkoholkonsum und mit einer geringeren Verlässlichkeit auf die Kollegen. Darüber hinaus standen erhöhte Angstwerte im Zusammen­hang mit der Angst, sich mit COVID-19 zu infizieren.

Die Autoren empfehlen regelmäßige Screening- und Präventionsprogramme für die psychische Gesund­heit des medizinischen Personals einzurichten. Der gemeinnützige Verein Psychosoziale Unterstützung (PSU) Akut bietet über die Helpline eine anonyme und kostenfreie telefonische Beratung für besondere Stress- und Belastungssituationen an. Mitarbeiter und Verantwortliche aus dem Gesundheitswesen können täglich von 09.00h bis 21.00 Uhr anrufen.

Den prospektiven Verlauf der erhobenen Daten, bei dem die Ergebnisse der 3 Messzeitpunkte verglichen werden, wertet das Team um Morawa derzeit noch aus. Eine Publikation könnte im kommenden Jahr erschei­nen.

Studien zur psychischen Gesundheit bei medizinischen Personal wurden bisher vor allem in Asien durch­geführt. Die Prävalenz für Depressionen, Angst und Schlafstörungen lagen hier bei 22,8 %, 23,2 % und 38,9 %. Das zeigt ein systematischer Review mit mehr als 33.000 Mitarbeitern des Gesundheitssystems (Brain Behav Immun, 2020; DOI: 10.1016/j.bbi.2020.05.026).

Ein systematischer Review mit mehr als 160.000 Teilnehmer aus 17 teilweise europäischen Ländern (Allgemeinbevölkerung eingeschlossen) kommt zu etwas höheren Zahlen: 25 % Depression und 26 % Angst (Psychiatry Research, 2020; DOI: 10.1016/j.psychres.2020.113190). © gie/aerzteblatt.de

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