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Medizin

Harnsäure schützt laut Studie nicht vor Morbus Parkinson

Mittwoch, 20. Oktober 2021

/Parilov, stock.adobe.com

Boston – Der erfolgreiche Versuch, den Harnsäurespiegel im Frühstadium des Morbus Parkinson durch eine Behandlung mit Inosin zu erhöhen, hat in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2021; DOI: 10.1001/jama.2021.10207) das Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten können.

Bislang gibt es keine Behandlung, die das Fortschreiten eines Morbus Parkinson verlangsamen kann. Auch wenn die Symptome der Bewegungsstörung anfangs gut durch L-Dopa und eine Reihe anderer Medikamente kontrolliert werden können, schreitet die Degeneration der Nerven unaufhaltsam fort.

Zu den Leitsymptomen Bradykinesie, Rigidität und Ruhetremor kommen nach Jahren zunehmend nichtmotorische Symptome einschließlich kognitiver Dysfunktion, Apathie und Depression, orthos­tatische Hypotonie, Obstipation, urogenitale Dysfunktion, Geruchsverlust, Schlaf-Wach-Störungen und Schmerzen. Der Tod ist letztlich Folge der zunehmenden neurologischen Ausfälle.

Das zentrale pathologische Kennzeichen sind Ablagerungen von Alpha-Synuclein, die nach und nach die Nervenzellen zerstören. Was die Ablagerungen verursacht, ist unklar, eine oxidative Schädigung der Neuronen wird jedoch immer wieder vermutet. Sie bildete die Grundlage für eine Behandlung mit Substanzen, die den Harnsäurespiegel im Blut anheben.

Harnsäure hat nämlich eine starke antioxidative Wirkung. Einige Forscher vermuten sogar, dass die Gendefekte in der Uratoxidase, die beim Menschen und anderen Primaten den Abbau zu Allantoin verhindern, einen Selektionsvorteil in der Evolution bedeuten und uns vor degenerativen Erkrankungen schützen. Der Preis ist ein erhöhtes Risiko auf eine Gicht und Nierensteine, die sich aus der problema­tischen Entsorgung der Harnsäure ergeben.

Die Hypothese einer protektiven Wirkung von Harnsäure stützt sich vor allem auf epidemiologische Studien, nach deren Ergebnissen Menschen mit hohen Harnsäurewerten seltener an einem Morbus Parkinson erkranken. Dies hat die „Parkinson Study Group“ am Massachusetts General Hospital zur Konzeption einer Studie veranlasst, die eine Steigerung der Harnsäurekonzentration im Blut und damit auch im Gehirn anstrebt.

Möglich ist dies durch die Einnahme von Inosin, einem Zwischenprodukt des Purinstoffwechsels, der im Körper teilweise zu Harnsäure umgewandelt wird. In der SURE-PD3-Studie wurden 298 Patienten im Frühstadium der Erkrankung mit Inosin oder Placebo behandelt. Die Teilnahme war auf Patienten beschränkt, deren Harnsäurewert im Serum unter dem Bevölkerungsdurchschnitt von 5,8 mg/dl lag. Die Dosis von Inosin wurde so gewählt, dass die Harnsäurewerte auf 7,1 bis 8,0 mg/dl ansteigen. Die Bildung von Nierensteinen oder sogar eine Ablagerung in Gelenken und Haut (Gichttophus) sollte auf jeden Fall verhindert werden. Die Behandlungsdauer sollte maximal 2 Jahre betragen.

Die Teilnehmer der Studie befanden sich im Frühstadium der Erkrankung. Sie hatten zwar bereits 2 der 3 Leitsymptome, benötigten allerdings nach Einschätzung eines erfahrenen Neurologen noch keine dopaminergen Medikamente. Die Diagnose des Morbus Parkinson wurde durch einen sogenannten „DAT-Scan“ bestätigt. Die Szintigrafie misst die Dichte der Dopamintransporter in den Basalganglien. Der Test sollte sicherstellen, dass nur Patienten Inosin erhalten, die von der Behandlung profitieren.

Der primäre Endpunkt der Studie waren Veränderungen in der MDS-UPDRS („Movement Disorder Society Unified Parkinson Disease Rating Scale“), die das Ausmaß der Symptome mit 0 bis 236 Punkten bewertet, wobei höhere Werte eine größere Behinderung anzeigen.

Wie das Team um Michael Schwarzschild vom Massachusetts General Hospital in Boston berichtet, kam es trotz der Inosinbehandlung zu einem Anstieg des MDS-UPDRS-Score um 11,1 pro Jahr. In der Placebo-Gruppe stieg der MDS-UPDRS-Score um 9,9 Punkte pro Jahr, also weniger stark. Die Differenz von 1,26 Punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -0,59 bis 3,11 Punkten pro Jahr nicht signifikant. Und dies obwohl die Serumharnsäure in der Inosingruppe um 2,03 mg/dl gesteigert werden konnte, während es in der Placebogruppe erwartungsgemäß zu keiner Veränderung kam.

Die Studie musste nach einer Zwischenauswertung im September 2018 vorzeitig abgebrochen werden – nicht nur, weil kein Vorteil erkennbar war. Es war leider trotz der gesetzten Höchstserumwerte in der Behandlungsgruppe bei 17 Patienten zu Nierensteinen gekommen, gegenüber 4 Steinen in der Kontrollstudie.

Alle untersuchten Nierensteine bestanden in der Behandlungsgruppe aus Harnsäure. Auch eine Alkalisierung des Urins hatte deren Bildung nicht verhindert. Im Urin der Behandlungsgruppe wurden zudem häufiger Harnsäure- oder amorphe Kristalle gefunden. Da Nierensteine nicht nur schmerzhaft sind, sondern auch die Nieren dauerhaft schädigen können, musste die Studie abgebrochen werden (auch wenn es noch nicht zu einem Abfall der glomerulären Filtrationsrate gekommen war). © rme/aerzteblatt.de

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