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Medizin

Mit Inkretinmimetika nehmen stark Übergewichtige deutlich ab

Freitag, 22. Oktober 2021

/mehmet, stock.adobe.com

Hamburg – Die Injektion von Inkretinmimetika könnte stark adipösen Menschen beim Abnehmen ähnlich gut helfen, wie eine bariatrische Operation. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) im Rahmen der 6. Deutschen Hormonwoche hingewiesen.

Sie stützen ihre Aussage auf mehrere doppelblinde Studien, in denen Forschende inzwischen die Daten von mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten mit und ohne Diabetes Typ 2 ausgewertet haben. Bei fast allen Arbeiten handelt es sich um Zulassungsstudien des Pharmaunternehmens Novo Nordisk.

Bislang ist in Deutschland aus der Medikamentengruppe der Inkretinmimetika nur der Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1)-Rezeptoragonist Liraglutid (Saxenda®) in einer Dosis bis zu 3 mg pro Tag als Subku­tanspritze für die Behandlung der Adipositas zugelassen.

In 4 randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-3-Studien (SCALE-Studienprogramm) mit 5.358 Patienten führte Liraglutid zu signifikanten Gewichtsreduktionen über Behandlungszeiträume von 1 bis 3 Jahren (Obesity, 2020; DOI: 10.1002/oby.22726; Diabetes Care, 2020; DOI: 10.2337/dc19-1745; Lancet, 2017; DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30069-7; Int. Journal of Obesity, 2016; DOI: 10.1038/ijo.2016.52).

Lebensstiländerung: Die Teilnehmenden sollten sich wöchentlich etwa 100 Minuten mäßig intensiv körperlich betätigen (zum Beispiel zügiges Gehen). Sie wurden ermutigt, ihre Aktivität auf 4 bis 5 Tage pro Woche zu verteilen. Das Bewegungsprogramm wurde alle 4 Wochen um 25 Minuten gesteigert, um schlussendlich 250 Minuten pro Woche zu erreichen. Die Kalorien wurden bei einem Gewicht von unter 91 kg auf 1.200 kcal/Tag gegrenzt, bei einem Gewicht über 136 kg auf 1.800 kcal/Tag.

Den Gewichtsverlust durch die tägliche GLP-1-Rezeptoragonist-Injektion in Kombination mit einer verminderten Kalorienzufuhr und verstärkter körperlicher Aktivität (siehe Kasten) verglichen die For­schenden mit einer Placebogruppe, die ebenfalls ihren Lebensstil geändert hatte. Die stark überge­wichtigen Teilnehmenden erreichten durchschnittliche Gewichtsreduktionen von etwa 4 % im Vergleich zur Placebogruppe (Lancet, 2017: 6,1 % versus 1,9 %; Int. J. Obes., 2016: 5,7 % versus 1,6 %; Diabetes Care, 2020: 5,8 % versus 1,5 % und Obesity, 2020: 7,5 % versus 4,0 %).

Frühere Studien mit 3.731 Teilnehmenden ohne Diabetes Typ 2 beziehungsweise 1.361 Teilnehmenden mit Diabetes Typ 2 hatten in der Liraglutidgruppe Gewichtsverluste von 8,4 kg +/- 7,3 kg versus 2,8 kg +/- 6,5 kg (Placebo) dokumentiert und 6,4 kg (mittlerer Wert, Interventionsgruppe) versus 2,2 kg in der Placebogruppe (NEJM, 2015; DOI: 10.1056/NEJMoa1411892; JAMA, 2015; DOI: 10.1001/jama.2015.9676). Das durchschnittliche Ausgangsgewicht lag etwa bei 106 kg.

Aus der Schweiz liegen auch Daten einer industrieunabhängigen Studien vor. Dabei handelt es sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie ohne Placebogruppe, die die Wirksamkeit von Liraglutid (3,0 mg) in einem realen Umfeld untersucht hat (Obes Facts, 2021; DOI: 10.1159/000518325). Die durchschnitt­liche Gewichtsveränderung nach 7 Monaten gegenüber dem Ausgangswert betrug in der gesamten Kohorte -4,1 kg (95% Konfidenzintervall: -5,0, -3,2; p < 0,001; -4,2%).

Nebenwirkungen und Reboundeffekt bei Liraglutid

„Der Gewichtsverlust war assoziiert mit deutlich verbesserten Parametern des Metabolischen Syndroms“, erklärte Jochen Seufert, Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Freiburg die Ergebnisse der SCALE-Studien und ergänzte: Die häufigste Nebenwirkung der Behandlung mit GLP-1-Rezeptoragonisten seien gastrointestinale Symptome wie Übelkeit und Erbrechen beziehungs­weise Durchfall insbesondere zu Beginn der Behandlung, weshalb die Dosierungen langsam gesteigert würden.

„Nach bisherigen Erkenntnissen, kommt es mit den untersuchten Medikamenten zu einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Rebound, sobald die Therapie unterbrochen wird“, sagte Seufert auf einer Pressekonferenz der DGE vergangene Woche. Deswegen empfiehlt er seinen Patienten eine Therapie mit Inkretinmimetika nur in Kombination mit einem Ernährungs- und Verhaltenstherapeutischem Programm, das auch nach der Liraglutidtherapie fortgesetzt werden könne. Hierbei hofft Seufert auch darauf, dass das neue Disease Management Programm zu Adipositas eine gute Infrastruktur liefern wird.

Saxenda ist zugelassen als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und verstärkter körper­licher Aktivität zur Gewichtsregulierung bei erwachsenen Patienten mit Adipositas (Body-Mass-Index (BMI) von ≥ 30 kg/m²) oder Übergewicht (BMI ≥ 27 kg/m² bis < 30 kg/m²), bei denen mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung, wie zum Beispiel Fehlregulation der glykämischen Kontrolle (Prädiabetes oder Diabetes mellitus Typ 2), Hypertonie, Dyslipidämie oder obstruktive Schlafapnoe, vorliegt. Auch bei Jugendlichen ab 12 Jahren mit einem BMI ≥ 30 kg/m² ist Liraglutid zugelassen.

Liraglutid wird zur Gewichtsreduktion nur auf individuellen Antrag mit medizinischer Begründung von den Krankenkassen erstattet. Dies limitiere derzeit noch den breiten Einsatz dieser neuen Behandlungs­option, kritisierte der Endokrinologe und Diabetologe aus Freiburg. „Wir würden uns als Mediziner wün­schen, dass diese Inkretinmimetika mehr Patienten zur Verfügung stünden“, sagte Seufert.

Weiteres Inkretinmimetikum kurz vor der Zulassung

Ein anderer GLP-1-Rezeptoragonist, der nur 1 Mal pro Woche in einer Dosierung von 2,4 mg gespritzt werden muss, könnte schon 2022 in Europa zur Therapie der Adipositas zugelassen werden: Semaglutid. Im Rahmen des STEP-Studienprogramms (Sponsor: Novo Nordisk) konnten die Forschenden noch größere Gewichtsreduktionen als mit Liraglutid erzielen (Lancet, 2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00213-0; NEJM, 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2032183).

Im Durchschnitt verloren die Probanden mit Diabetes Typ 2 9,6 % ihres Ausgangsgewichts, während jene in der Placebogruppe nur 3,4 % Gewicht verloren (Differenz 6,4 %). In einer anderen Teilnehmergruppe ohne Diabetes Typ 2 wurden Gewichtsverluste von 14,9 % versus 2,4 % erzielt, was 15,3 kg versus 2,6 kg entsprach. Seufert sprach von Gewichtsreduktionen von bis zu 18 % des Körpergewichts und fügte hinzu: „Ein solcher Effekt ist bislang durch medikamentöse Therapien nie erreichbar gewesen.“

Inzwischen gebe es sogar auch eine orale Formulierung von Semaglutid als Tablette für die tägliche Einnahme. Auch diese Formulierung wird für den Einsatz bei Übergewicht und Adipositas in Studien untersucht.

Neuere Ansätze zur Verbesserung von Inkretinmimetika mit noch stärkerer Wirksamkeit auf das Körper­gewicht seien Inkretincoagonisten, erläuterte Seufert. Diese Moleküle aktivieren gleichzeitig mehrere Rezeptoren von Inkretinhormonen wie GLP-1, GIP und auch Glukagon. Ein erster Vertreter dieser neuen Medikamentenklasse ist Tirzepatide, ein kombinierter GLP-1/GIP-Coagonist.

Solche Gewichtsreduktionen von bis zu 20 % des Körpergewichts innerhalb eines Jahres mit vergleichsweiser guter Verträglichkeit konnten bislang nur durch Bariatrische Operationen erzielt werden. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Freiburg

Studienergebnisse aus dem von Eli Lilly unterstütztem SURPASS-Studienprogramm zeigen, dass Tirzepatid dosisabhängig zu einem Körpergewichtsverlust von 7,0 bis 9,5 kg bei einem mittleren BMI von 31,9 kg/m2 führt. Seufert äußerte sich beeindruckt: „Solche Gewichtsreduktionen von bis zu 20 % des Körpergewichts innerhalb eines Jahres mit vergleichsweiser guter Verträglichkeit konnten bislang nur durch Bariatrische Operationen erzielt werden.“ (Lancet, 2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01324-6). Von der Weiterentwicklung neuer Triple-Agonisten seien gegebenenfalls sogar noch größere Gewichts­reduktionen zu erwarten, stellte Seufert in Aussicht. Bisher gebe es aber nur tierexperimentelle Studien hierzu.

Inkretinmimetika werden seit vielen Jahren für die Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 eingesetzt. Diese von dem Darmhormon Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1) abgeleiteten sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten imitieren die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 und senken nicht nur den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes, sondern führen durch Wirkung am Sättigungszentrum im Gehirn und durch Wirkung am Magen-Darm-Trakt zu einer Gewichtsreduktion. © gie/aerzteblatt.de

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