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Medizin

Coronaimpfung: Erfahrungen aus Israel und Labordaten deuten auf hohen Nutzen einer 3. Dosis hin

Donnerstag, 16. September 2021

/Kt Stock, stock.adobe.com

Haifa und London – Die 3. Dosis des Impfstoffs BNT162b2, die in Israel seit dem 30. Juli allen Menschen ab 60 Jahren 5 Monate nach der 2. Dosis angeboten wird, hat nach einer Analyse im New England Journal of Medicine (NEJM, 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2114255) die Zahl der bestätigten COVID-19-Erkrankungen um mehr als das 10-fache und die Zahl der schweren Erkrankungen um fast das 20-fache gesenkt. Auch die in-vitro-Daten des Herstellers deuten auf einen deutlichen Nutzen einer Auffrischung hin (NEJM, 2021; DOI: 10.1056/NEJMc2113468).

Israel war weltweit das erste Land, dass mit einer Impfung der gesamten Bevölkerung begonnen hat. Ende März hatte die Hälfte der Einwohner die beiden vorgesehen Dosen BNT162b2 erhalten. Die Tages­inzidenz fiel danach von 900 auf unter 2 pro Mio. Einwohner. Im Juni begannen die Zahlen wieder zu steigen. Ende August gab es täglich mehr als 10.000 Erkrankungen und mehr als 600 Patienten mussten wegen einer schweren COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden.

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Unter den Erkrankten waren auch viele Menschen, die beide Dosen des Impfstoffs erhalten hatten. Yair Goldberg von der Technischen Universität in Haifa (Technion) und Mitarbeiter ermittelten als Grund einen nachlassenden Immunschutz: Ältere Personen, die ihre 2. Dosis im März 2021 erhalten hatten, waren zu 60 % besser vor einer Infektion und zu 70 % besser vor einer schweren COVID-19-Erkrankung geschützt als Personen, die bereits im Januar durchgeimpft wurden (medRxiv, 2021; DOI: 10.1101/2021.08.24.21262423).

Das Gesundheitsministerium entschied frühzeitig, den Impfschutz durch eine 3. Dosis BNT162b2 aufzu­frischen. Seit dem 30. Juli können sich alle Einwohner ab 60 Jahren ein drittes Mal impfen lassen, deren 2. Impfdosis mindestens 5 Monate zurückliegt (Ende August wurde das Impfangebot auf alle Alters­gruppen ab 12 Jahre ausgeweitet).

Das Team um Goldberg hat jetzt die Auswirkungen auf die Zahl der bestätigten Infektionen und schwe­ren Erkrankungen untersucht, die seither aufgetreten sind. Verglichen wurden Senioren, deren 3. Dosis mindestens 12 Tage zurücklag, mit Senioren, die erst 2 Dosierungen erhalten hatten. Die Verzögerung von 12 Tagen wurde unter der Annahme gewählt, dass es etwa 7 Tage dauert, bis sich ein Impfschutz aufbaut und weitere 5 Tage vergehen, bis es nach einer Infektion zu einer Erkrankung kommt.

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Die Häufigkeit der bestätigten Infektionen war in der Boostergruppe um den Faktor 11,3 niedriger als in der Nicht-Boostergruppe (95-%-Konfidenzintervall 10,4 bis 12,3). Die Häufigkeit schwerer Erkrankungen war in der Boostergruppe um den Faktor 19,5 niedriger als in der Nicht-Boostergruppe (95-%-Konfidenzintervall 12,9 bis 29,5).

In einer Sekundäranalyse bestätigte sich die Annahme, dass die Wirkung erst nach einer Frist von etwa 12 Tagen einsetzt: An jedem Tag während des Zeitraums von 12 bis 25 Tagen nach der Auffrischung lagen die Infektionsraten um den Faktor 7 bis 20 niedriger als in der Vergleichsgruppe ohne Boosterung. Dieses verzögerte Eintreten der Wirkung spricht gegen Verzerrungen, die sich etwa daraus ergeben könnten, dass sich Menschen, die sich für eine Boosterung entschieden, insgesamt vorsichtiger verhalten und deshalb ein niedrigeres Infektionsrisiko haben.

Ein nachlassender Impfschutz war auch unter frühen Teilnehmern der klinischen Studie zu beobachten, die der Hersteller Biontech/Pfizer für die Zulassung durchgeführt hat. BNT162b2 hatte in der Zulassungs­studie für die Zeit vom Tag 7 bis 2 Monate nach der 2. Dosis eine Impfstoffwirksamkeit von 95 % erreicht. Sie sank zwischen dem 4. und 6. Monat auf 84 % ab. Dies war noch vor der Dominanz der Delta-Welle. Der Hersteller hat deshalb in einer Laborstudie untersucht, ob eine 3. Dosis die Antikörperantwort ver­bes­sern kann.

Insgesamt 23 Teilnehmer aus der Phase 1 der Zulassungsstudie erhielten 7,9 bis 8,8 Monate nach der 2. Dosis eine 3. Dosis. Nach den von Nicholas Kitchin von „Pfizer Vaccine Research and Development“ in Hurley westlich von London vorgestellten Daten kam es nach der 3. Dosis zu einem deutlichen Anstieg der Neutralisationstiter gegen den Wildtyp (gegen den der Impfstoff konzipiert wurde), aber auch gegen die Varianten. Der Titer gegen die Delta-Variante hatte bei 11 Teilnehmern im Alter von 18 bis 55 Jahren 1 Monat nach der 2. Dosis bei 241 gelegen. Einen Monat nach der 3. Dosis war er auf 1.321 angestiegen. Bei den 12 Teilnehmern im Alter von 65 bis 85 Jahren kam es zu einem Anstieg des Titers von 123 auf 1.479.

Eine ähnlich günstige Wirkung der 3. Dosis hat auch der Hersteller Moderna für seine Vakzine ermittelt (Nature Medicine, 2021; DOI: 10.1038/s41591-021-01527-y). Moderna hat vor 10 Tagen eine Zulassung für die 3. Dosis bei der FDA beantragt. Eine Entscheidung wird in Kürze erwartet. Die US-Impfkommission will morgen entscheiden, ob sie eine 3. Dosis empfiehlt. © rme/aerzteblatt.de

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