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Medizin

Klima: Nicht nur Narkosegase verschlechtern die CO2-Bilanz im OP

Mittwoch, 20. Oktober 2021

/sudok1, stock.adobe.com

Melbourne – Eine 3-stündige Anästhesie, wie sie beispielsweise für die Implantation einer Knieendo­prothese benötigt wird, produziert (in Australien) so viel CO2 wie eine Autofahrt über 42 Meilen, rechnen Mediziner in Anesthesiology (2021; DOI: 10.1097/ALN.0000000000003967) vor und schlagen Maßnah­men vor, mit denen sich der ökologische Fußabdruck um mehr als die Hälfte reduzieren ließe.

In Krankenhäusern entstehen vor allem auf Intensivstation und im OP-Saal viele CO2-Äquivalente. Dies liegt nicht nur am Stromverbrauch, für den heute in der Regel fossile Energieträger verbrannt werden. Der erhöhte CO2-Abdruck entsteht auch durch die medizinische Ausrüstung. Ein beträchtlicher Anteil ist auf die Anästhesie und hier auf die Inhalationsanästhetika zurückzuführen, die eine deutliche Treibhaus­wirkung haben.

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Der Wechsel auf eine Spinalanästhesie oder eine kombinierte Anästhesie würde das Problem jedoch nicht lösen, meint Forbes McGain von der Universität Melbourne, der mit Kollegen eine Lebenszyklus­analyse („Umweltbilanz“) für eine typische Operation erstellt hat, die 3-stündige Implantation einer Knieendoprothese. Die Operation kann entweder unter einer Inhalationsanästhesie, einer Spinalanäs­thesie oder einer gemischten Anästhesie erfolgen.

Die Forscher ermittelten zunächst für jede der 3 Anästhesien den Materialverbrauch für jeweils 10 Patien­ten und berechneten dann die benötigten CO2-Äquivalente.

Im Endergebnis fiel die Klimabilanz für die Inhalationsanästhesie nicht schlechter aus als für die beiden anderen Varianten. Mit 14,9 kg wurde sogar tendenziell weniger CO2 benötigt als bei der Spinalanäs­thesie (16,9 kg CO2) und der Kombinationsanästhesie (18,5 kg CO2). Der durchschnittliche CO2-Abdruck einer 3-stündigen Kniegelenkersatzoperation entspricht nach den Berechnungen von McGain einer Autofahrt von 42 Meilen mit einem PKW (US-Modell).

Ein Grund für die relativ günstige Klimabilanz der Inhalationsanästhesie war der Einsatz von Sevofluran. Das klimaschädlichere Desfluran wurde niemals und das ebenfalls problematische Lachgas nur bei 1 Patienten verwendet.

Dennoch betrug der Anteil von Sevofluran am CO2-Abdruck bei der Inhalationsanästhesie 35 %. Dass die Spinalanästhesie dennoch kein günstigeres Ergebnis erzielte, lag einmal an dem höheren Material­einsatz für die sterile Applikation der Medikamente, was sich negativ auf den CO2-Abdruck auswirkte.

Zu Buche schlugen dabei weniger die Einmalmaterialien, als das Reinigen und Sterilisieren der mehr­mals benutzten Gegenstände und textilen Stoffe. Sie trugen bei der Spinalanästhesie zu 29 % zum CO2-Abdruck bei. Ein weiterer Negativposten der Spinalanästhesie war mit einem Anteil von 18 % die Sauer­stoffgabe an die Patienten.

Einmalmaterialien hatten bei allen 3 Anästhesien einen Anteil von 20 % bis 25 % am CO2-Abdruck. Ein weiterer signifikanter Posten war die elektrische Energie, die für die Erwärmung des Patienten benötigt wurde. Der Anteil lag bei etwa 20 % und war in allen Gruppen gleich.

Der Wechsel von einer Inhalations- zur Spinalanästhesie würde laut McGain die Klimabilanz im Op-Saal nicht wesentlich verbessern. Der CO2-Fußabdruck könnte nach Einschätzung der Anästhesisten jedoch durch mehrere Maßnahmen deutlich reduziert werden.

Zu den Vorschlägen gehört die Senkung der Sauerstoffflussraten in der Spinalanästhesie, eine Redu­zierung des Einsatzes von inhalativen Anästhetika, die Minimierung des Plastik- und Glasverbrauchs und die Förderung erneuerbarer Energien in Australien, das bei der Stromgewinnung derzeit noch zu 80 % Kohle einsetzt. Insgesamt könnte der CO2-Abdruck um mehr als die Hälfte gesenkt werden, ist sich McGain sicher. © rme/aerzteblatt.de

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