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Nephrologen raten zur Nierenüberwachung nach COVID-19-Erkrankung

Freitag, 24. September 2021

/Rasi, stock.adobe.com

Rostock – Nach einer COVID-19-Erkrankung ist das Risiko für eine Nierenerkrankung signifikant erhöht, weshalb Ärzte unbedingt ein Auge auf die Nierenfunktion ihrer Patienten haben sollten, sagte Julia Weinmann-Menke, Mainz, die am Universitätsklinikum Mainz den Schwerpunkt Nephrologie leitet, im Vorfeld der 13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) in Rostock.

„Nach jeder überstandenen COVID-19-Erkrankung, insbesondere aber nach schwereren Verläufen, muss bei der Nachbetreuung die Nierenfunktion im Auge behalten werden. Bei bereits eingeschränkter Nieren­funktion oder auffälligen Urinbefunden sollte unbedingt eine nephrologische Mitbetreuung und nephro­protektive Therapie durchgeführt werden“, so die Pressesprecherin der DGfN.

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Dies könnte auch dazu beitragen, dass sich die betroffenen Patienten nicht zur großen Masse derer zu gesellen, die in Deutschland zwar nierenkrank sind, davon aber nichts wissen. Krankenkassendaten deu­ten darauf hin, dass dies weiterhin bei einem Drittel der Menschen mit einer chronischen Nierenerkran­kung (CKD) in Deutschland der Fall ist.

Schon früh in der Pandemie hatte die Auswertung eines Registers von COVID-19-Patienten gezeigt, dass die Niere ein Zielorgan von SARS-CoV-2 ist. Daraufhin erhielten Patienten mit Nierenerkrankungen eine hohe Priorisierung für die Impfung gegen COVID-19.

„Zu Beginn der Viruserkrankung entgleisen oft die Nierenwerte“, so Weinmann-Menke. „Viele schwer an COVID-19 Erkrankte erleiden eine akute Nierenschädigung.“

Doch auch nach überstandener COVID-19-Erkrankung ist die Niere offenbar nicht sicher: Eine US-Studie an über 1,5 Millionen Veteranen zeigte, dass COVID-19-Erkrankte im Nachgang ein um 60 Prozent erhöh­tes Risiko für einen mehr als 50-prozentigen Verlust der glomerulären Filtrationsrate (GFR), Dialyse­pflich­tigkeit oder Tod hatten (Journal of the American Society of Nephrology, 2021; DOI: 10.1681/ASN.2021060734).

Erkrankungsrisiko verdoppelt sich

Das Risiko einer akuten Niereninsuffizienz (AKI) sei in der Studie fast verdoppelt gewesen (HR 1,94), berichtete Weinmann-Menke, das Risiko für Dialysepflichtigkeit sogar fast verdreifacht (HR 2,96) – im Vergleich zu Personen, die keine COVID-19-Erkrankung hinter sich hatten.

Es zeigte sich, dass die schwere der COVID-19-Erkrankung das Risiko, eine Nierenerkrankung zu entwick­eln, beeinflusste: Je schwerer die Erkrankung, desto höher das Risiko im Nachgang. Aber: Auch bei Patien­ten mit milden Verläufen, war der beobachte Rückgang der GFR erheblich.

„Im Vergleich zur Kontrollgruppe war der jährliche GFR-Rückgang um den Faktor 7 erhöht“, sagte Weinmann-Menke.

Dauerhaftigkeit der Schädigung ist noch ungeklärt

Auf welchem Weg COVID-19 zur Entstehung von Nierenerkrankungen beiträgt, ist noch nicht abschließend geklärt. Anfänglich wurde der direkte Befall der Tubulusepithelzellen durch SARS-CoV-2 als möglicher Mechanismus vermutet. Mittlerweile deutet weniger auf eine direkte Schädigung der Niere und mehr auf einen systemischen Effekt der Erkrankung hin.

Die Mainzer Nephrologin erklärt: „Man geht davon aus, dass die Initiierung der Imflammationskaskade und die Aktivierung von Autoimmunität sowie von Fibrosemarkern eine Rolle spielen.“

Weshalb aber gerade der Effekt auf die Nierenfunktion so ausgeprägt sei, müsse weiter untersucht wer­den. Auch ob er dauerhaft ist oder die Niere sich wieder erholen kann, ist noch nicht geklärt. Die teilneh­menden Veteranen in der US-Studie wurden nur 180 Tage nachbeobachtet. „Wir müssen schauen, was in 2, 4 oder 5 Jahren ist, betonte Weinmann-Menke den weiteren Forschungsbedarf.

Was die Diagnose einer Nierenerkrankung im Nachgang einer COVID-19-Erkrankung angeht, wies sie darauf hin, dass die Symptome einer Nierenkrankheit denen eines Post-COVID-Syndroms ähneln: Dazu zählten Müdigkeit und Fatigue, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und eine verminderte Belast­barkeit.

Ihr Rat: „Bei entsprechenden Long-COVID-Symptomen muss auch an eine chronische Nierenerkrankung gedacht werden. Die Abklärung der Nierenwerte ist von besonderer Bedeutung in der Nachsorge von COVID-19-Patienten.“

Viele Menschen wissen nichts von ihrer Nierenerkrankung

Wie entscheidend der Blick auf die Nierengesundheit ist, zeigte schon vor einigen Jahren eine bundes­weite Studie: Demnach waren von rund zehn Millionen Menschen mit einer Nierenerkrankung in Deutschland rund drei Viertel nicht diagnostiziert. „Und von dem Viertel, dass von seiner Erkrankung wusste, erhielten nur zwei Drittel eine adäquate, zeitgemäße Therapie“, berichtete Kongresspräsident Steffen Mitzner.

In diesem Jahr veröffentlichte Daten der AOK Nordost von mehr 6.000 gematchten CKD-Patienten aus den Jahren 2010 bis 2016 zeigen, dass sich das nicht wirklich geändert hat. „Nur bei 3,6 Prozent der quartalsweisen Dokumentationen passte die CKD-Diagnose zu den Laborwerten“, sagte der Leiter der Sektion Nephrologie am Universitätsklinikum Rostock.

Und selbst im fortgeschrittenen CKD-Stadium 4, sprich bei einer eGFR zwischen 15 und 30 ml/min/1,73 m, seien nur 66,6 Prozent der Betroffenen richtig diagnostiziert gewesen, ein Drittel der Patienten nicht.

Hoffnung auf eine Besserung der Situation

Mitzners Fazit: „Im Klartext zeigen diese Daten, dass chronische Nierenkrankheiten in Deutschland unter­diagnostiziert und – vor allem – unterbehandelt sind, denn bei Einleitung einer Therapie müsste auch eine ICD-Kodierung erfolgen. Das therapeutische Fenster, das besteht, um die Progression der Nieren­erkrankung einzudämmen, wird nicht ausreichend genutzt.“

Es sei zu hoffen, dass sich die Situation in den letzten Jahren verbessert habe, die Studie habe ja die Jahre 2010-2016 ausgewertet, so Mitzner, speziell da 2019 ist die Leitlinie der DEGAM zur Versorgung von Patienten mit nicht-dialysepflichtiger Nierenerkrankung in der Hausarztpraxis in Kraft getreten sei. © nec/aerzteblatt.de

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