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Ärzteschaft

„Aktuell haben wir eine Warteliste von bis zu einem Jahr“

Freitag, 1. Oktober 2021

Tübingen – Zu Beginn der Coronapandemie standen vor allem COVID-19-Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf sowie alte und chronisch kranke Menschen im Fokus der Öffentlichkeit. Wie sehr auch viele Kinder und Jugendliche insbesondere unter den Schulschließungen gelitten haben, zeigte sich erst nach und nach.

Tobias Renner arbeitet als Ärztlicher Direktor in der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatik und Psycho­therapie im Kindes- und Jugendalter an der Universität Tübingen und ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt () erklärt er, weshalb die Pandemie so viele Kinder und Jugendliche psychisch belastet hat und was die Gesellschaft jetzt tun kann, um den Betroffenen zu helfen.

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Fünf Fragen an Tobias Renner, Universitätsklinikum Tübingen

DÄ: Herr Professor Renner, wie geht es den Kindern und Jugendlichen heute?
Renner: 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen erleben die Coronapandemie als psychisch belastend, wie die COPSY-Studie Anfang des Jahres ergeben hat. Allerdings ist eine Belastung noch keine Erkran­kung.

Zu der Zunahme psychischer Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen durch die Pandemie gibt es bislang noch keine wirklich guten Daten. Derzeit laufen aber verschiedene Auswertungen, zum Beispiel von Universitätsverbünden oder Krankenkassen. Um Aussagen zu der die Zahl der psychischen Erkran­kungen bei Kindern und Jugendlichen treffen zu können, müssen wir diese Daten abwarten.

Als Kliniker stelle ich allerdings fest, dass es bei einzelnen Krankheitsbildern einen erheblichen Anstieg gegeben hat, auch hier bei uns in Tübingen. Dabei handelt es sich vor allem um Anorexia nervosa, Angststörungen und Depressionen. Von einer Anorexia nervosa sind grundsätzlich deutlich mehr Mäd­chen als Jungen betroffen und unter der Pandemie hat sich das bei uns noch einmal verstärkt. So hatten wir im letzten Jahr ausschließlich Mädchen mit diesem Krankheitsbild in der stationären Versorgung. Dabei betrifft die Magersucht schichtübergreifend Jugendliche und auch Kinder.

Zudem haben wir in Tübingen einen Anstieg der Notfälle zu verzeichnen. Während des zweiten Lock­downs hatten wir einen Anstieg der Notfälle um 30 Prozent, eine Entwicklung die sich in diesem Jahr fortsetzt: Von vorher jährlich etwa 300 Notaufnahmen werden wir im Jahr 2021 bei Anhalten der Ent­wick­lung auf über 400 Notaufnahmen kommen. Aktuell haben wir bei uns eine sehr lange Warteliste mit mehr als 100 Patienten, die zum Teil bis zu ein Jahr auf einen Termin warten müssen.

DÄ: Woran liegt es, dass so viele Kinder und Jugendliche psychisch belastet sind?
Renner: Die Kinder und Jugendlichen konnten sich während der Shutdownphasen nicht mit ihrer Peer Group treffen und sie haben zum Teil ihre Tagesstruktur verloren. Wir sehen zunehmend Kinder und Jugendliche, die Angst davor haben, die Leistungen, die in den Schulen nun nachgeholt werden sollen, nicht erbringen zu können. Andere haben Angst, nicht mehr gut in ihrer Peer Group zurecht zukommen. In den kommenden Wochen und Monaten erwarten wir deshalb weiterhin hohe Inanspruchnahmen von Kinder- und Jugendpsychiatern.

Zudem hat sich der Beginn einer Behandlung durch die Pandemie vielfach verzögert. Zum einen konnten Frühwarnsysteme aus dem nichtgesundheitlichen Bereich während der Shutdownphasen nicht gut greifen.

Zum anderen ist in vielen Regionen auch die ambulante Versorgung erheblich belastet und es gibt sehr lange Wartezeiten – auch für die diagnostische Abklärung. Wir gehen also davon aus, dass in zahl­reichen Fällen Erkrankungen, die einer Behandlung bedürften, erst spät festgestellt werden können, was wiederum zu einer Chronifizierung führen kann.

DÄ: Was können Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater jetzt tun, um den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu helfen?
Renner: Wir arbeiten eng mit nichtgesundheitlichen Einrichtungen zusammen: mit Schulen, den Jugend­ämtern und Trägern der Jugendhilfe und suchen aktiv den Austausch. Um diese Zusammenarbeit zu verbessern, laufen zum Beispiel in Baden-Württemberg mehrere Initiativen an, über die internetbasiert der Austausch mit den anderen Einrichtungen gefördert werden soll. Unser Ziel ist es, uns über die Sektorengrenzen hinweg zu vernetzen.

In Baden-Württemberg haben wir mit Förderung des Sozialministeriums zum Beispiel auch ein alters­übergreifendes Projekt zur Verbesserung der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa begonnen. Ziel ist es, dass sektoren- und professionsübergreifend die regional vorhandenen Strukturen besser miteinander vernetzt werden. Unter anderem sollen dabei auch Schulsozialarbeiter, Jugendämter und Beratungsstellen einbezogen und von Kinder- und Jugendpsychiatern niedrigschwellig beraten werden.

DÄ: Welche Lehren sollte man aus der Pandemie ziehen?
Renner: Schon vor der Pandemie gab es in manchen Regionen zu wenige Behandlungsplätze für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Durch die Pandemie wurde dieser regionale Mangel weiter verstärkt.

In manchen Regionen gibt es auch große Probleme, eine Anschlussheilbehandlung im ambulanten Bereich zu finden. Wenn diese Zeit zu lang wird, besteht natürlich die Gefahr, dass sich der Krankheits­verlauf wieder verschlechtert.

Ich sehe daher auch zukünftig den Bedarf für eine höhere Zahl an niedergelassenen Kinder- und Jugend­psychiatern. Die Versorgung flächendeckend ausreichend und nachhaltig aufzustellen, ist in jedem Fall ein Thema, das die nächste Bundesregierung angehen muss. Neben der klinischen Grundver­sorgung müssen dabei auch verstärkt Programme aufgelegt werden, die die Prävention fördern.

Bei den meisten Kindern und Jugendlichen haben psychiche Erkrankung einen Vorlauf. Wir brauchen deshalb eine Verbesserung der Früherkennung. Dabei ist es wichtig, psychische Belastungen zu entta­buisieren und allgemein über psychische Erkrankungen aufzuklären. Zum anderen ist eine enge Zusam­menarbeit der Hilfesysteme notwendig, zum Beispiel zwischen Kinder- und Jugendpsychiatern und Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und anderen Hilfegebern.

DÄ: Und wie kann die Gesellschaft den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen?
Renner: Aus meiner Sicht muss die Leistungsabfrage in den Schulen an die aktuelle Situation angepasst werden. Denn bei vielen Kindern und Jugendlichen löst es erheblichen Stress aus, wenn sie daran den­ken, dass sie jetzt in den Schulen die Inhalte aufholen sollen, die sie in der Pandemie verpasst haben. Da ist jetzt ein sensibler Umgang mit der Thematik wichtig. Die Kinder und Jugendlichen machen sich selbst schon genug Druck, das muss in den Schulen aufgefangen werden.

Zudem ist Bewegung jetzt extrem wichtig. In Tübingen haben wir die Initiative „#Bewegt euch“ gestar­tet, die das Ziel hat, Kinder wieder zur Bewegung zu animieren. Denn Bewegung kann zu einer deut­lichen Verbesserung der psychischen Befindlichkeit führen. In diesem Zusammenhang sollte man die Notengebung im Sportunterricht überdenken. Im Vordergrund des Sportunterrichts sollte die Freude an der Bewegung stehen, kein Leistungsdenken. Wichtig ist, auch Kinder, die nicht so sportlich sind, für Bewegung zu begeistern.

Wir gehen davon aus, dass die psychischen Folgen der Pandemie auch anhalten werden, nachdem die somatische Pandemie vorüber ist. Es ist aber schwer abzuschätzen, ob dies Monate oder Jahre dauern wird. Es wird darauf ankommen, wie wir die psychisch belasteten Kinder und Jugendlichen auch nach dem Ende der Coronapandemie im Blick behalten und als Gesellschaft die Bereitschaft haben, ihnen auch langfristig zu helfen.

Von einer verlorenen Generation zu sprechen, ist allerdings absolut unangemessen. Niemand ist verloren. Aber natürlich müssen wir uns jetzt verstärkt um diejenigen kümmern, denen es infolge der Pandemie nicht gut geht. © fos/aerzteblatt.de

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