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Medizin

Depression: Hohes Rückfallrisiko nach Absetzen der Medikamente

Montag, 8. November 2021

/Rawpixel.com, stock.adobe.com

London – Ein schleichendes Absetzen der Antidepressiva hat in einer randomisierten Doppelblindstudie bei Patienten mit langjähriger Erkrankung bei jedem 2. Patienten innerhalb eines Jahres zu einem Rückfall der Depressionen geführt. Aber auch unter einer fortgesetzten Behandlung kam es bei jedem 3. Patienten zu einem Rezidiv, wie die jetzt im England Journal of Medicine (NEJM 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2106356) veröffentlichten Ergebnisse zeigen.

Die Verordnungen von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und anderen Antidepressiva sind in Ländern mit einem höheren Einkommen deutlich gestiegen. Häufig ist es schwierig, für den einzelnen Patienten ein geeignetes Mittel zu finden, weshalb Patienten, die eine Remission erreicht haben, vor einem Absetzen der Medikamente gewarnt werden.

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Andererseits besteht die Gefahr, dass Patienten unnötig lange behandelt werden. Von Psychiatrie­kritikern wird sogar der Vorwurf erhoben, dass die Psychiater ihre Patienten bewusst abhängig machen, um an ihnen zu verdienen. Die Patienten würden die Mittel weiter einnehmen, da es beim Absetzen wie bei Süchtigen zu Entzugssymptomen komme.

Vor diesem Hintergrund könnten die Ergebnisse der ANTLER-Studie („Antidepressants to Prevent Relapse in Depression“) für eine Versachlichung der Diskussion sorgen. An der Studie nahmen 479 Patienten teil, die im Alter von 54 Jahren seit 2 Jahrzehnten unter einer Depression litten und in der Regel bereits 3 Episoden erlebt hatten. Die Patienten befanden sich in einer Remission und hatten den Wunsch geäußert, ihre Medikamente abzusetzen, die sie zuletzt seit mindestens 9 Monaten eingenommen hatten.

Die Patienten waren vor dem Beginn der Studie mit Citalopram, Sertralin, Fluoxetin oder Mirtazapin behandelt worden, den in Großbritannien am häufigsten verordneten Antidepressiva. Von der Teilnahme ausgeschlossen waren Patienten, die Escitalopram, Paroxetin oder Venlafaxin einnahmen. Als Begrün­dung wurde angegeben, dass Escitalopram in der britischen Primärversorgung nicht weit verbreitet sei, die Verordnungen von Paroxetin zuletzt stark gesunken seien und es nach dem Absetzen von Venlafaxin zu deutlichen Entzugserscheinungen kommen könne, weshalb Venlafaxin in den Leitlinien als Zweitlinienmedikament eingestuft werde.

Die Hälfte der Patienten wurde per Los auf einen Absetzversuch randomisiert. Im 1. Monat wurde die Dosis der meisten Medikamente halbiert. Im 2. Monat nahmen die Patienten die halbe Dosis nur noch an jedem 2. Tag ein. Ab dem 3. Monat wurden die Medikamente ganz abgesetzt.

Für Fluoxetin gab es eine Sonderregelung. Die Patienten der Absetzgruppe erhielten im 1. Monat an abwechselnden Tagen 20 mg Fluoxetin oder Placebo. Ab dem 2. Monat gab es nur noch Placebos.

In der Vergleichsgruppe wurde die Behandlung unverändert fortgesetzt. Das Design war doppelblind. Weder Patient noch Arzt wussten, ob die Tabletten den Wirkstoff oder ein Placebo enthielten.

Der primäre Endpunkt war die Dauer bis zum ersten Rezidiv der Depression. Wie das Team um Gemma Lewis vom University College London berichtet, hatten nach 52 Wochen 135 von 240 Patienten (56 %) in der Absetzgruppe ein Rezidiv erlitten gegenüber 92 von 238 Patienten (39 %) in der Vergleichsgruppe mit fortgesetzter Medikation. Die Hazard Ratio für ein Rezidiv von 2,06 war mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 1,56 bis 2,70 signifikant.

Auch die sekundären Endpunkte wiesen im Allgemeinen in die gleiche Richtung. Dazu gehörte in der Absetzgruppe nach 26 Wochen eine Zunahme der depressiven Symptome im „Patient Health Questionnaire-9“ (Effektstärke 0,7; 0,0 bis 1,4), eine Zunahme der Angstsymptome im „General Anxiety Disorder-7“ (Effektstärke 0,8; 0,1 bis 1,4), eine Verschlechterung der körperlichen Gesundheit (Effekt­stärke 0,2; -1,3 bis 1,6) und der mentalen Gesundheit (Effektstärke -2,6; 4,4 bis -0,8) im Short Form-12-Fragebogen, aber auch eine Zunahme der Entzugssymptome nach 12 Wochen in der „Discontinuation-Emergent Signs and Symptoms“-Checkliste (Effektstärke 0,5; 0,1 bis 0,9).

Die Häufigkeit von Nebenwirkungen in der „Toronto Side Effect Scale“ ging dagegen zurück (Effektstärke 0,2; -0,3 bis 0,7). Schwere Nebenwirkungen waren selten. Sie traten in der Absetzgruppe (3 %) und der Vergleichsgruppe (4 %) gleich häufig auf.

Das Fazit der Autoren fällt geteilt aus. Für viele Patienten ist eine Langzeitbehandlung wohl die ange­mes­sene Behandlung, andererseits gäbe es auch viele Patienten mit langem Krankheitsverlauf, die ihre Medikamente absetzen könnten, wenn sie diese über zwei Monate langsam ausschleichen.

Für Studienleiter Glyn Lewis vom University College London zeigt die hohe Rezidivrate und der Gruppe mit fortgesetzter Behandlung, dass Antidepressiva für viele Patienten nicht die geeignete Lösung sind. Er verwies darauf, dass die kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeitstherapien die Möglichkeit bieten können, einen Rückfall zu verhindern.

Unklar ist laut Louise Marston, ebenfalls vom University College London, warum es manche Patienten geschafft haben, auf die Medikamente zu verzichten, der Absetzversuch bei anderen jedoch gescheitert ist. © rme/aerzteblatt.de

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