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Ärzteschaft

„Wir könnten uns einen Umbau der Gematik vorstellen“

Dienstag, 5. Oktober 2021

Berlin – Die Digitalisierung Deutschlands – und auch des Gesundheitswesens – bleibt für eine neue Bun­desregierung eines der ganz zentralen Themenfelder. Was die niedergelassenen Ärzte von einer neuen Regierung erwarten und wie sie sich den Weg zu einer praxisbezogenen Digitalisierung vorstellen, sagte Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesver­einigung (KBV), dem Deutschen Ärzteblatt.

5 Fragen an Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassen­ärztlichen Bundesvereinigung

DÄ: Was erwarten Sie von der kommenden Bundesregierung beim Thema Digitalisierung?
Thomas Kriedel: Zunächst muss man rückblickend sagen, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) uns einen übervol­len Terminkalender in puncto Digitalisierung hinterlassen, der in diesem Tempo nicht zu bewältigen ist.

Daher plädieren wir jetzt für eine Konsolidierungsphase – insbe­sondere vor dem Hinter­grund, dass Massenanwendungen wie die elektronische Arbeitsun­fähigkeitsbescheinigung und ab 2022 das elektronische Rezept ausreichend getestet werden müssen.

Daher die Forderung an die Politik die Einführung der Anwendun­gen pauschal um sechs Monate zu verlängern und die Sanktionen auszusetzen. Das schafft nicht nur Zeit für die Ärztinnen und Ärzte, sondern auch für die Industrie, die ebenfalls das Tempo nicht mitgehen kann.

DÄ: Ist die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der vergangenen Legislatur gut vorangekommen?
Kriedel: Die Digitalisierung war in dieser Zeit erkennbar davon geprägt, Verwaltungsprozesse elektro­nisch umzusetzen, wie zum Beispiel beim elektronischen Rezept und bei der elektronischen Arbeitsun­fähigkeitsbescheinigung.

Beide Anwendungen bieten teilweise Hybridlösungen von Papier und digitalem Transport der Daten an, die für die, die Versorgung praktisch machen, keinen Vorteil der Digitalisierung erkennen lassen und das Bild der Digitalisierung leider nicht positiv prägen. Wir müssen daher zukünftig weg von Verwaltungs- hin zu Versorgungsprozessen.

DÄ: Was wäre dafür ein Beispiel?
Kriedel: Denken Sie an die digitale gestützte Betreuung von chronisch zum Beispiel an Diabetes er­krank­ten Menschen, die mit strukturierter und interprofessioneller Zusammenarbeit digital gestützt er­folgen könnte. Nur ein Rezept für ein Medikament elektronisch auszustellen, ist da erkennbar zu wenig.

Wir müssen mehr in Versorgungsprozessen denken und dies auch einfordern. Mit den jetzt schon beste­henden Zukunftspraxen oder weiteren Digitalisierungsgruppen muss man überlegen, was in der Versor­gung hilft. Und dann die notwendigen digitalen Prozesse erarbeiten.

DÄ: Was heißt das für die Zukunft?
Kriedel: Wie müssen künftig drei Schritte beachten: Zunächst muss man überlegen, welche Versorgungs­prozesse man verbessern muss und diese gegebenfalls priorisieren. Dann bewertet man, welche davon von einer Digitalisierung profitieren. Im dritten Schritt legt man fest, welche digitalen Mittel man dazu benötigt.

Das wird zunächst einmal eine verbesserte elektronische Kommunikation zwischen allen am Behand­lungs­prozess Beteiligten sein. Das kann aber auch die Frage berühren, wie die Patienten digital stärker einbezogen werden können. Das benötigt Antworten auf die Frage, welche Daten in der ePA oder auch für andere Anwendungen müssen zur Verfügung gestellt werden und mit welchen Anwendungen machen wir das.

Insgesamt – und das ist mir wichtig – muss der bisherige Prozesse der Digitalisierung vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Also bei der Entwicklung und Implementierung von digitalen Anwendungen kon­se­quent daran zu orientieren, was bringen sie für die Versorgung konkret.

DÄ: Wie können Sie sich die politische Umsetzung für solch ein Vorgehen vorstellen? Bislang war die Ärzteschaft ja eher am Ende des Prozesses?
Kriedel: Wir könnten uns einen Umbau der Gematik vorstellen. Sie sollte zwar auch weiterhin die techno­logischen Prozesse vorantreiben, die gesundheitspolitischen Vorschläge müssten aber von den Leis­tungs­­erbringerorganisationen (LEOs) kommen. Dies müsste in einem moderierten Prozess erfolgen.

Und im Gegensatz zum aktuellen Vorgehen, sollten die LEOs in Fragen der Patientenversorgung nicht überstimmt werden können, was das Bundesgesundheitsministerium mit seinen Mehrheitsanteilen an der Gematik von 51 Prozent derzeit kann. Es muss eine qualifizierte Mehrheit möglich sein.

Nach der oben genannten Konsolidierungsphase sollte man folglich mehr inhaltlich arbeiten als nur auf die Technik zu schauen. Da würde die Prozesse auch beschleunigen. Und so könnte man auch besser die Ärztinnen und Ärzte mitnehmen. Denn sie sind die Experten für die Versorgung, die Gematik dagegen die für die Technik. © bee/mis/aerzteblatt.de

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