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Ausland

„Das staatliche Gesundheitswesen ist bereits zusammengebrochen“

Mittwoch, 10. November 2021

Berlin – Nach fast 20 Jahren in Afghanistan haben sämtliche NATO-Mitglieder im August ihre verbliebe­nen Truppen aus dem zentralasiatischen Staat abgezogen. Binnen weniger Wochen nahmen die radikal­islamischen Taliban, die bis 2001 an der Macht gewesen waren, das Land wieder ein.

Seither hat sich nicht nur die politische und ökonomische Lage des Landes drastisch verändert, auch das Gesundheitssystem droht zu kollabieren, berichtet der Internist und Notfallmediziner Ataullah Zulfacar. Seit 1983 setzt er sich mit dem von ihm mitbegründeten Ärzteverein für Afghanische Flüchtlinge für die Gesundheitsversorgung in der krisengeplagten Region ein. Auch jetzt versuchen Zulcafar und seine Helfer vor Ort Binnenflüchtlinge im Osten und Norden Afghanistans zu versorgen.

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Fünf Fragen an Ataullah Zulfacar, Internist und Notfallmediziner sowie Mitbegründer des Ärztevereins für Afghanische Flüchtlinge.

DÄ: Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die drängendsten Probleme im Gesundheitswesens in Afghanistan?
Zulfacar: Die Lage ist katastrophal. Sie war noch nie wirklich gut, aber in den letzten 20 Jahren hat es durchaus Verbesserungen ge­geben, vor allem im Vergleich zu vor 2003, bevor die ISAF (In­ter­nationale Sicherheitsunterstützungstruppe) ihre Arbeit aufge­nommen hat.

Nun steht das gesamte Gesundheitssystem vor einem Kollaps. Da alle internationalen Gelder gestoppt wurden, seit die Taliban wieder an der Macht sind, ist der gesamte Geldfluss quasi zum Erliegen gekommen.

Es herrscht extreme Armut, aufgrund von Dürren in diesem Som­mer ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln schlecht und COVID-19 grassiert. Die Reserven an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung gehen zur Neige. Humanitäre Hilfe ist dringend notwendig, wenn nicht über staatliche Zu­wendungen, dann über Spenden für Hilfsorganisa­tionen, die noch im Land sind.

DÄ: Welche Möglichkeiten haben Kranke derzeit überhaupt noch?
Zulfacar: Bislang war die Behandlung bei Krankheiten in staatlichen Einrichtungen in der Theorie eigent­lich frei. In der Praxis stimmte das nicht, man musste in der Regel trotzdem etwas zahlen oder gute Be­ziehungen haben, um zum Beispiel ein Bett im Krankenhaus zu bekommen.

Schon Monate vor der Machtübernahme haben die dort tätigen Gesundheitsmitarbeitenden ihr Geld nicht mehr bekommen. Nun gibt es zusätzlich eine große Fluchtbewegung unter den gebildeten Men­schen, darunter auch viel medizinisches Personal.

Das staatliche Gesundheitswesen ist also bereits zusammengebrochen. Bei privaten Einrichtungen lief es schon vorher besser und sie sind auch jetzt die letzte verbliebene Möglichkeit, hier ist noch alles einiger­maßen in Takt.

DÄ: Während der letzten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 war Frauen und Mädchen jeglicher Kontakt zu fremden Männern verboten. Sie durften also auch keinen Arzt aufsuchen. Zusätzlich war Frau­en unter den Taliban eine Schul- und Ausbildung verboten, es gab also auch kein weibliches Gesund­heits­personal. Wie ist die Situation jetzt?
Zulfacar: Besonders die Sterblichkeit von Schwangeren und Kindern war in den letzten 20 Jahren zurück­gegangen, jetzt steigt sie wieder deutlich, denn die Frauen haben Angst. Für Krankenschwestern und He­bammen gibt es nach unseren Informationen aktuell keine Restriktionen durch die Taliban.

Auch in unserem Hilfsprojekt in Nordafghanistan arbeiten Hebammen mit. Wir haben uns bei den für die­sen Bereich zuständigen Taliban erkundigt und uns eine Erlaubnis eingeholt, dass auch die weibli­chen Helfer weiterarbeiten dürfen. Auch das Ausbildungsprogramm für Hebammen soll weitergeführt werden, es dauert zwei bis vier Jahre.

Vorrausetzung ist, dass auch die Lehrerinnen weiblich sind, auch bei der Ausbildung soll es eine strikte Trennung von Männern und Frauen geben. Theoretisch wäre die dringendste Versorgung damit gewähr­leistet. Das Problem ist, dass es nur noch private Ausbildungsstätten gibt, die nur von Leuten mit Geld bezahlt werden können. Viele sind deshalb nicht mehr in der Lage ihre Töchter auf diese Schulen zu schicken, denn sie müssen auch von irgendetwas leben.

Mittlerweile ist die Zahl der Studentinnen um die Hälfte zurückgegangen. Die Ausbildung kostet etwa 100 Dollar pro Jahr. Unsere Organisation hat bereits zugesagt, für Studentinnen, die im letzten Ausbil­dungsjahr sind, die Gebühren zu übernehmen, damit sie ihren Abschluss machen und ihre Familien er­nähren können. Doch der Nachwuchs fehlt nun. An den staatlichen Einrichtungen ist die Lage noch deut­lich schlechter. Auch dort hieß es, dass die Frauen weiterarbeiten dürfen, doch viele gehen nicht, denn sie haben Todesangst.

Afghanistan: Gesundheitsversorgung am Tropf

Zu den schwierigsten Momenten in der humanitären Hilfe zählen die ethischen Dilemmata, und damit jene Entscheidungen, die nicht richtig oder falsch, sondern grausam oder unerträglich sind. Mit dem Machtwechsel in Afghanistan haben sich die Anzahl und Komplexität solcher Fragen noch einmal erhöht. Die größten vier Herausforderungen, die uns im Westen Afghanistans gerade beschäftigen, sind die

DÄ: Wo versucht ihr Verein sonst noch zu helfen?
Zulfacar: Wir arbeiten an verschiedenen Stellen. Im Osten des Landes betreiben wir eine Tagesklinik und eine Schule. Das Zentrum soll noch um ein zahnmedizinisches Zentrum erweitert werden. Mit Einver­ständ­nis der Taliban betreiben wir zudem ein Hebammenprogramm. Im Norden betreiben wir eine mobi­le Klinik mit einem Arzt, einer Hebamme und einem Chauffeur, der die nötige Gerätschaft in einem Mini­bus transportiert.

Zwei bis drei Mal die Woche fährt der Bus 30 Kilometer, die Helfer versorgen 70 bis 100 Leute an einem Tag, etwa 40.000 Flüchtlinge verteilt auf acht Camps. Neben akuter Hilfe versuchen sie dabei auch zu er­klären, wie man sich vor COVID-19 schützen kann und demonstrieren Hygienemaßnahmen. Insgesamt halten sich mittlerweile rund 140.000 Flüchtlinge im Norden auf.

DÄ: Sie konnten also relativ schnell eine medizinische Not-Infrastruktur schaffen?
Zulfacar: Wir hatten uns schon im vergangenen Jahr hier engagiert, weil auch die während der NATO-Zeit gewählte Regierung es nicht geschafft hat, die Menschen hier zu versorgen. Regierungsbeteiligte haben sich an internationalen Hilfen bereichert, es gab viel Korruption.

Das Vertrauen in die Regierung war so gering, dass sich die Bevölkerung kaum zur Wehr gesetzt hat, als die Taliban die Macht wiederergriffen haben. Die Taliban agieren barbarisch und dennoch haben einige die Hoffnung, dass es unter ihnen gerechter zugehen könnte.

Viele haben aber auch Angst um ihr Leben. Die Zahl der Binnenflüchtlinge hat in diesem Jahr drastisch zugenommen, viele fliehen aus der Region um Kabul und den anderen großen Städten, wo es jetzt wieder vermehrt Anschläge gibt. © alir/aerzteblatt.de

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