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Politik

Schulze fordert Trendumkehr beim Artenschutz

Montag, 11. Oktober 2021

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) spricht bei einer Pressekonferenz im Berliner Naturkundemuseum. Sie tritt digital als Delegierte für Deutschland bei der Weltnaturkonferenz im chinesischen Kunming auf. /picture alliance, Weronika Peneshko

Berlin – Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat zum Auftakt der UN-Konferenz zur biologi­schen Vielfalt in China eine Trendwende und nachprüfbare Ziele beim Artenschutz gefordert. „Die Welt­naturkonferenz ist die Chance für einen Neustart“, sagte die Ministerin heute in Berlin. Nach Jahrzehnten der Naturzerstörung müsse man den Trend umkehren und ein Jahrzehnt der Renaturierung einleiten.

Schulze betonte den dringenden Handlungsbedarf: „Wir befinden uns inmitten des größten Massenaus­sterbens seit dem Verschwinden der Dinosaurier.“ Im Schnitt verschwinde alle zehn Minuten eine Art. Dabei seien auch in Deutschland Tiere wie Feldhase, Luchs und Gartenschläfer gefährdet.

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Der Verlust an biologischer Vielfalt habe längst auch „wirtschaftlich gravierende Folgen“, warnte die Ministerin. So seien etwa fruchtbare Böden auf Kleinstlebewesen angewiesen, Pflanzen auf Bestäuber. Die Medizin benötige Heilpflanzen, die Fischerei Fische.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) forderte die Industrieländer auf, ihre Mittel zum Erhalt der Biodiversität in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verdoppeln. Als deutschen Beitrag für die kommende Legislaturperiode schlug er eine Milliarde Euro jährlich vor.

Die Welt-Biodiversitätskonferenz startete heute im chinesischen Kunming. Der politische Teil der Kon­fe­renz wird größtenteils virtuell abgehalten. Bei einem Präsenzgipfel im kommenden Jahr soll dann ein globales Artenschutzabkommen mit Zielen bis 2030 vereinbart werden – ähnlich wie das Klimaschutz­abkommen von Paris 2015.

Die Weltgemeinschaft sucht dabei nach einer neuen Strategie, um das dramatische und gefährliche Aus­sterben der Arten zu stoppen oder zumindest zu bremsen. Die knapp 200 Vertragsstaaten der UN-Kon­ven­tion für die biologische Vielfalt (CBD) kamen heute zur 15. Weltnaturkonferenz (Cop15) zusammen, um bis Frei­tag über Wege aus der Krise zu beraten, die wie die Klimaerwärmung schlimme Folgen habe könnte.

Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor dem Aussterben von einer Million Arten schon in den nächsten zehn Jahren und dramatischen Folgen für die Lebensgrundlagen der Menschen. Gesunde Ökosysteme und bio­logische Vielfalt seien die Basis für Wohlstand, Wohlergehen, Ernährung und Gesundheit, mahnen Ex­per­ten auf dem Treffen. Sie garantierten saubere Luft, Trinkwasser, ertragreiche Böden, ein stabiles Klima und Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen.

Mehr als 75 Prozent der Feldfrüchte weltweit, darunter viele Obst- und Gemüsesorten, Kaffee und Kakao sind von natürlichen Bestäubern abhängig. „Die Leistung der Insekten ist für uns unbezahlbar“, sagte Flo­rian Titze von der Umweltstiftung World Wide Fund For Nature (WWF). Auch kommen rund 70 Prozent der Medizin, die in der Krebsbehandlung genutzt wird, aus der Natur. „Viele dieser genetischen „Schätze“, von denen wir gar nicht wissen, welchen Nutzen sie für die Menschheit haben könnten, haben wir noch gar nicht entdeckt“, sagte Titze.

Die Delegierten der Cop15 beraten über Ziele für ein neues Rahmenabkommen – vergleichbar mit dem Pariser Klimaabkommen, auch wenn es weniger bindend sein wird. Die Konferenz war im Oktober 2020 geplant, wurde aber wegen der Pandemie verschoben und aufgeteilt.

Trotz der Dringlichkeit, gegen das Artensterben vorzugehen, wurden die Erwartungen herunterge­schraubt. Auf dem Treffen soll nur eine „Erklärung von Kunming“ verabschiedet werden. Es soll Verhand­lungen im Januar vorbereiten, bevor die Strategie bei einem Präsenztreffen vom 25. April bis 8. Mai in Kunming verabschiedet werden soll.

Die Bundesregierung geht engagiert in die Verhandlungen und will die Weltnaturkonferenz für einen „Neustart“ nutzen. Umweltverbände kritisieren aber, dass Deutschland weiter 67 Milliarden Euro pro Jahr an „umwelt- und naturschädigenden Subventionen“ ausgibt. Auch wird eine Erhöhung der deutschen Finanzhilfen für den Kampf gegen den Artenverlust auf zwei Milliarden Euro im Jahr gefordert. Aktuell beteiligt sich Deutschland jährlich mit 800 Millionen Euro.

Drei Ziele verfolgt die Bundesregierung: Erstens mehr und besser verwaltete Schutzgebiete. 30 Prozent der Fläche an Land und im Meer sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden, doppelt so viel wie heute an Land und viermal so viel heute auf dem Meer. Zweitens müsse die Naturverschmutzung zurückgehen – etwa durch Überdüngung, Pestizide und Plastikmüll. „Drittens muss nach Jahrzehnten der Naturzerstö­rung mit der Weltnaturkonferenz weltweit ein Jahrzehnt der Wiederherstellung der Natur eingeläutet werden“, wie Schulze sagt.

So sollen in Deutschland konkret etwa Moore, Wälder und Auen wieder in einen naturnahen Zustand gebracht werden. Dafür müsse aber die Agrarpolitik verändert werden, sagt die Ministerin. „So wie wir im Moment Landwirtschaftspolitik betreiben, ist sie Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.“

Für die Umweltverbände ist es längst Fünf vor Zwölf: „Eine bessere Chance, unsere natürliche Lebens­grund­lage zu retten, wird es nicht mehr geben“, sagt Greenpeace-Experte Thilo Maack. Klimaerwärmung und Zerstörung der Natur seien zwei Seiten der gleichen Medaille. „Nur wenn wir die Ökosysteme erhal­ten, wird sich die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzen lassen“, sagte Maack. „Und nur, wenn wir diese Grenze einhalten, lässt sich das Aussterben der Arten aufhalten.“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, dass diese umweltschädlichen Subventionen nur teilweise abgeschafft werden sollen. In Deutschland umfassen sie laut BUND 67 Milliarden Euro pro Jahr.

Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, mahnte Eile an: „Wir können es uns nicht noch einmal erlauben wie beim Klimawandel, dass es 30, 40 Jahre braucht, bis es von einer wissenschaftlichen Erkenntnis zu den ersten richtigen Ansätzen politischen Handelns kommt.“

Auch Greenpeace sieht jetzt den Zeitpunkt zum Handeln gekommen. „Eine bessere Chance, unsere natürliche Lebensgrundlage zu retten, wird es nicht mehr geben“, erklärte Greenpeace-Experte Thilo Maack. „Hehre Worte und hohle Ziele reichen nicht aus.“ © afp/dpa/aerzteblatt.de

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