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Politik

Behandlungsfehler systematischer erfassen und verhindern

Dienstag, 12. Oktober 2021

/morganka, stockadobecom

Berlin – Die Prüfer der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben im vergangenen Jahr 3.550 Be­handlungsfehler mit einem Schaden für Patienten bestätigt. Das waren 511 weniger als im Jahr da­vor, wie der Medizinische Dienst des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS) heute in Berlin be­richtete.

Demnach sind im vergangenen Jahr 14.042 fachärztliche Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt worden. In jedem vierten Fall wurden ein Fehler bestätigt und ein Schaden für Patienten fest­gestellt. Die Zahlen liegen seit Jahren etwa auf gleichbleibendem Niveau, so der MDS heute.

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„Unsere Zahlen zeigen nur einen kleinen Ausschnitt eines Problems, das engagierter angegangen werden muss“, sagte MDS-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer vor Journalisten in Berlin. Die Dunkelziffer werde deutlich höher eingeschätzt – nach Studienlage um den Faktor 30 höher als die bestätigten Behand­lungsfehler. Es müsse für die Zukunft eine systematischere Erfassung geben, so Gronemeyer.

Beim Blick in die Statistik liegen wie seit Jahren die Behandlungsfehler im stationären Bereich deutlich über denen in der ambulanten Versorgung. In der aktuellen Statistik sind es 9.293 Fälle in Krankenhäu­sern, und 4.723 in Arztpraxen.

„Hintergrund dieser Verteilung ist, dass sich die meisten Behandlungsfehlervorwürfe auf operative Ein­griffe beziehen und diese erfolgen zumeist in der stationären Versorgung“, erklärte Astrid Zobel, Leitende Ärztin des Medizinischen Dienstes Bayern.

Offene Fehlerkultur gefragt

Außerdem seien die Vergleichsmöglichkeiten von Patienten im Krankenhaus, wenn sie mit anderen Men­schen mit der gleichen Erkrankung in einem Zimmer liegen, deutlich höher als in der ambulanten Versor­gung oder in anderen Fachgebieten, so Zobel.

Denn 31 Prozent aller Vorwürfe betrafen die Orthopädie und Unfallchirurgie, zwölf Prozent der Fälle die Innere Medizin und Allgemeinmedizin. „Die Häufung der Fälle sagt aber nichts über schlechte Qualität in einzelnen Fachgebieten aus“, betonte Zobel.

Laut der Auswertung sind bei gut 66 Prozent der Fälle die Gesundheitsschäden der Patientinnen und Pa­tienten vorrübergehend. Dabei kam es zu einem zusätzlichen oder verlängerten Krankenhausaufenthalt. Bei einem Drittel blieb ein Dauerschaden, der in der Statistik mit leicht mittel und schwer unterschieden wird. In drei Prozent der Fälle – das betrifft 82 Menschen – hat ein Fehler zum Tod geführt.

Gronemeyer plädierte dafür, in Zukunft mehr für die offene Fehlerkultur zu tun und fordert von der neu­en Bundesregierung, verpflichtende Meldesysteme einzuführen. Besonders bei den sogenannten „Never Events“, bei denen schwere Schäden verursacht werden und diese aber gleichzeitig durch systematische Abläufe gut verhindert werden können, müsse mehr getan werden.

„Never Events sind für das Erkennen, Umsetzen und Bewerten von Sicherheitsmaßnahmen von großer Bedeutung“, sagte Gronemeyer. „Wenn solch ein Fehler geschieht, dann weist dies nicht auf das Versagen Einzelner hin, sondern es zeigt, dass die Sicherheitsvorkehrungen unzureichend sind und Risiken im Versorgungsprozess bestehen.“

Allerdings müssten diese Ereignisse auch gemeldet werden – und zwar vertraulich und ohne Sorge vor haftungsrechtliche Konsequenzen für den Arzt oder die Ärztin. „Diese Meldesysteme dürfen allein der Verbesserung der Patientensicherheit dienen“, so Gronemeyer. Von einem vertraulichen und sektorüber­greifenden Meldesystem sei Deutschland aber noch weit entfernt.

Impulse setze da die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Patientensicherheit als ein priorisiertes Gesundheitsziel definiert habe. Die WHO erwarte von den Mitgliedsstaaten, dass 90 Prozent von ihnen bis 2030 einen „unabhängigen Untersuchungsmechanismus in Fällen von schwerwiegenden Schäden und Never Events“ einführt.

Gronemeyer hofft, dass die neue Bundesregierung tätig wird. „Entsprechende Konzepte und Vorarbeiten wie die Never-Event-Liste des Medizinischen Dienstes oder die neue Liste schwerwiegender Ereignisse des Aktionsbündnisses Patientensicherheit liegen längst in den Schubladen.“

Die Unabhängige Patientenberatung (UPD) sieht vor allem die Kommunikation von Ärzten bei Fehlern kritisch. So seien sie juristisch nicht dazu verpflichtet, auf einen möglichen Behandlungsfehler hinzuwei­sen.

„Nach der aktuellen Rechtslage müssen Ärztinnen und Ärzte lediglich in zwei Fällen über einen mögli­chen Behandlungsfehler informieren“, erklärte Heike Morris, juristische Leiterin der UPD, in einer Mittei­lung: „Wenn Betroffene konkret nachfragen oder aber wenn der Arzt oder die Ärztin dadurch einen ge­sundheitlichen Schaden abwenden könnte.“

Nach Angaben der UPD hat die Organisation im vergangenen Jahr in 5.600 Fällen zum Verdacht auf Behandlungsfehler beraten. „Ratsuchende berichten der UPD immer wieder, dass Ärztinnen und Ärzte nicht offen mit ihnen kommunizieren und sie sich mit ihren Sorgen, Ängsten und Zweifeln nicht ernst genommen fühlen“, sagte UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede.

Man wolle betroffene Patienten ermutigen, bei einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler unbedingt Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine offene Kommunikation könne aber viele Unsicherheiten und auch Rechtsstreitigkeiten vermeiden. © bee/aerzteblatt.de

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