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Politik

„Wir wissen, dass 2030 circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden“

Dienstag, 12. Oktober 2021

Berlin – Morgen beginnt in Berlin der Deutsche Pflegetag. Im Vorfeld erklärt die neue Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), wie sie die Maßnahmen der letzten Bundesregierung zur Behebung des Pflegemangels bewertet und was sie nun von der kommenden Regierung erwartet.

Fünf Fragen an Christine Vogler, Deutscher Pflegerat

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DÄ: Die Bundesregierung hat in der auslaufenden Legislatur­periode zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um den Fach- und Hilfskräftemangel in der Pflege zu beheben. Wie bewerten Sie die Aktivitäten der Regierung?
Vogler: In allen Maßnahmen erkennen wir im Grundsatz die richtige Richtung – der Blick geht zu den Pflegebedürftigen und zur pflegerischen Versorgung. Aber wenn wir den Blick auf die Bedingungen der Pflegefachpersonen richten, sieht es nicht ganz so gut aus.

In den letzten Jahren sind über 40 Gesetze erlassen worden, die die Bedingungen in der pflegerischen Versorgung verbessern sollen. Aber sie greifen zumindest in der professionellen Pflege nicht oder nur sehr bedingt, weil sie nicht das Gesundheitssystem im Kern verändern, sondern Symptome angehen.

Ein weiteres Problem sehen wir darin, dass die Gesetze durch zu viele Kompromisse nicht konsequent waren. So wurden zwar Pflegepersonaluntergrenzen in den Kliniken eingezogen, doch es wurde versäumt, gleichzeitig einen Qualitätsanspruch sowie Bemessungsinstrumente für den Pflegebedarf zu formulieren.

Entstanden ist ein unglaublicher Dokumentationsaufwand, der Heerscharen von Controllern beschäftigt, aber kein bisschen Zuwachs an Pflegepersonal bringt. Am Ende sprechen wir deshalb nicht darüber, was es eigentlich braucht, um eine wirklich gute Versorgung zu gewährleisten.

DÄ: Welche weiteren Probleme sehen Sie?
Vogler: Beim Pflegepersonal-Stärkungsgesetz wurden die Funktionsbereiche in den Kliniken ausge­lassen. In der Langzeitversorgung braucht es viel zu viel Zeit zur Umsetzung des neuen Personalbe­messungsinstrumentes. Das neue Pflegeberufegesetz bleibt in den verschiedenen Abschlüssen inkonse­quent und lässt bei der Finanzierung der akademischen Pflegeausbildung eine große Leerstelle.

Die Auslagerung der Pflege aus den diagnosebezogene Fallpauschalen (DRG) erwirkt, dass pflegeferne Tätigkeiten nun nicht mehr abge­bildet sind und somit den Pflegefachpersonen wieder zugerechnet werden. Im ambulanten Bereich haben wir Gehaltsunterschiede über die Bundesrepublik, die man nicht erklären kann. Und man könnte noch mehr benennen.

DÄ: Wo steht die Pflege heute? Haben sich die Probleme im Vergleich zum Beginn der Legislaturperiode reduziert oder ist die Situation so schlecht wie vor dreieinhalb Jahren?
Vogler: Effekte gibt es schon, aber viel zu langsam. Die Situationen bei den Pflegenden hat sich kaum merklich verändert. Aber wie auch? Heute fehlen bereits 200.000 Pflegekräfte.

Und die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt. Wir wissen, dass 2030 circa 500.000 Pflegekräfte fehlen werden. Eine vakante Stelle in der Pflege bleibt heute im Schnitt circa 240 Tage unbesetzt. Die Situ­ation, in der wir heute stecken, wurde durch das DRG-System ebenso zementiert wie durch die Öffnung des Systems zum freien Markt, durch Debatten wie „Pflege-kann-jeder“, durch die fehlende Selbstver­waltung von Pflegenden, die ewig aufgeschobenen Akademisierungsstrukturen für die Pflege, die fehlenden Pflegepersonalbemessungsinstrumente und die Ignoranz gegenüber der demografischen Entwicklung. Und jetzt kommen wir und versuchen, das alles aufzulösen. Das braucht einen langen Atem.

DÄ: Was wünschen Sie sich konkret von der nächsten Bundesregierung?
Vogler: Es gibt so Vieles, das wir noch vor uns haben. Zunächst muss die Pflege ernsthaft und nachhaltig auf die Agenda aller Ministerien. Wenn Pflege auf der Akte steht, muss zügig und im Sinne der Bedürf­tigen entschieden werden.

Wir hoffen auf die Umsetzung eines Pflegepersonalbemessungsinstru­ments, auf die Entscheidung für eine konsequente generalistische Ausbildung mit Blick auf die weitere Fachausbildung, auf eine refi­nanzierte Entwicklung von Selbstverwaltungsstrukturen für die Profession Pflege, auf die Finanzie­rung der hochschulischen Ausbildung, auf ein finanzierbares System in der Langzeitpflege, bei dem Lohnkos­tenerhöhungen nicht bei den Bewohnerinnen und Bewohnern landen, auf eine Neuordnung der Kompe­tenz bei den Gesundheitsberufen inklusive Heilkundeübertragung und auf den Beginn der Diskussion über die Umgestaltung des Gesundheitssystems.

DÄ: Wie wird es aus Ihrer Sicht mit der berufspolitischen Emanzipation der Pflege weitergehen? Was erwarten Sie dabei von den Pflegenden?
Vogler: Sie sprechen die Diskussion um die Pflegekammern an. Pflege braucht endlich Selbstverwal­tungs­strukturen, sonst wird es eine professionelle Pflege in Deutschland nicht mehr geben. Um das zu verhindern, ist es absolut erforderlich, dass wir die gleichen Bedingungen und Strukturen erhalten, wie sie andere Heilberufe und Selbstverwaltungspartner bereits seit Jahrzehnten besitzen – und zwar ausnahmslos in allen Bundesländern, ohne Verzögerung und auf einer rechtssicheren Grundlage über mindestens drei Legislaturperioden.

Gesetze machen die Parlamente. Diese benötigen wir, um demokratisch legitimierte Selbstverwaltungs­strukturen aufzubauen. Eine Verweigerung dieser Gesetze kommt allmählich einer Missachtung des Pflegeberufs gleich.

Und die Pflegenden in Deutschland müssen langsam auch verstehen, dass die wenigen Engagierten sich nicht mehr lange für die ewigen Nein-Sagerinnen und Nein-Sager einsetzen können. Denn egal, wohin ich höre: Diejenigen, die die Selbstverwaltung verweigern, hatten bisher noch keine andere gute Idee, um die Pflege berufspolitisch aufzuwerten. © fos/aerzteblatt.de

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