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Medizin

Prolapsoperation: Urogenitalorgane lassen sich ohne künstliche Netze fixieren

Montag, 18. Oktober 2021

/DÄ-Screenshot Videositzung

Melbourne – Ärzte folgen immer häufiger den Wünschen von Frauen mit Prolapsbeschwerden und befes­tigen die abgesenkten Urogenitalorgane nicht mehr mit künstlichen Netzen. Inzwischen werden dafür zunehmend erfolgreich körpereigene Gewebe genutzt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die auf dem dies­jährigen Kongress der International Continence Society (ICS) in Melbourne vorgestellte Fixation des Scheidenstumpfes mit einer Sehne aus der Kniemuskulatur.

Amadeus Hornemann, Spezialist für minimal-invasive gynäkologische Operationen und Chefarzt der Kli­nik für operative Gynäkologie im Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt, hat im Rahmen einer Video­sitzung die von ihm entwickelte und 2018 eingeführte Operation vorgeführt. Es ging darum, bei einer Pa­tientin, der bereits die Gebärmutter entfernt worden war, den nach unten gesunkenen Scheidenstumpf weiter oben zu fixieren.

Der auf dem Kongress präsentierte Eingriff zeigt exemplarisch das Vorgehen bei den 21 Prolaps-Patien­tinnen, die sich inzwischen im Rahmen einer Multicenter-Studie aufgrund von Senkungsbeschwerden diesem Operationsverfahren mit der eigenen Sehne unterzogen haben.

Hornemann war zu diesem Vorgehen durch eine Kreuzbandoperation inspiriert worden, bei der er zu­fällig zugegen war. Daraufhin entwickelte er eine Methode, das für den Kreuzbandersatz üblicherweise ver­wendete Sehnengewebe des M. semitendinosus aus dem Oberschenkel auch für Frauen mit Sen­kungs­beschwerden einzusetzen.

Er entnimmt diese Sehne und nutzt sie statt eines Kunststoffnetzes zur Fixierung des Uterus oder des Scheidenendes (Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol, 2020;249:37-41. DOI: 10.1016/j.ejogrb.2020.04.035). Bisherige Erfahrungen mit der transplantierten Sehne dieses Muskels zeigen, dass sie zumindest im Knie ein Leben lang hält und stabil bleibt.

Um die Kniestabilität zu schonen, hat der Frankfurter Chirurg die Methode der Orthopäden optimiert und zeigen können, dass die Entnahme der Sehne auch in ihrer halben Breite für die Operation ausreicht, so dass die ohnehin milden Einschränkungen im Bein noch geringer ausfallen. Inzwischen sind Orthopäden ebenfalls dazu übergegangen, nur noch die Hälfte der Sehne zu entnehmen, da dies auch für das Kreuz­band ausreichend Gewebe bereithält.

Die in Melbourne vorgeführte Methode – der Videobeitrag wurde dort als „Best Video Abstract“ ausge­zeichnet – wird minimal-invasiv per Schlüssellochchirurgie vorgenommen. Sie dauert im Mittel gut zwei Stunden, je nach Art der Reparatur und Anforderungen kann die Zeitspanne eineinhalb bis fast vier Stun­den betragen.

Bislang wurden keine intraoperativen Komplikationen berichtet. Nachuntersuchungen der Vagina nach sechs Wochen und sechs Monaten haben ergeben, dass das gesenkte mittlere Kompartiment – die Region des kleinen Beckens zwischen Harnblase und Rektum – ausreichend wieder weiter oben fixiert werden konnte.

Ein Prolaps im mittleren Kompartiment betrifft entweder die Gebärmutter, wenn sie durch die Scheide hindurch zum Teil bis nach außen vorfällt. Dann wird eine Fixierung des Uterus notwendig, eine soge­nannte Sacropexie.

Es gibt aber auch Frauen, denen wurde die Gebärmutter bereits entfernt – zum Teil als erster Versuch, um ihre Senkung zu therapieren oder aber wegen Myomen oder Tumoren. Dann kann der Beckenboden den­noch so schwach sein, dass der verbleibende Scheidenstumpf nach unten sinkt und Beschwerden macht. In solchen Fällen lässt sich mit Hilfe der Kniesehne der Scheidenstumpf im Rahmen einer Zervicopexie nach oben ziehen.

Ungefähr 40 Prozent aller Frauen müssen laut einer Cochrane-Analyse (Cochrane Database Syst Rev. 2020 Nov 18;11(11):CD004010) mit Prolapsbeschwerden wie zum Beispiel dem Vorfall der Gebärmutter, einem Fremdkörpergefühl in der Scheide, Druck oder Schmerzen im Becken und dem Kraftverlust im Beckenboden rechnen.

Rund 11 Prozent beträgt das Lebenszeitrisiko, dass sich die Beschwerden nur noch operativ im Rahmen einer Prolapsoperation bessern lassen. Solche Eingriffe gestalten sich in etlichen Ländern – Australien, den USA oder England beispielsweise – immer schwieriger.

Spektakuläre Schadensersatzprozesse von Frauen, denen die künstlichen Netze massive Schmerzen im Unterleib bereitet haben, oder die zum Teil durch die Scheide nach außen gewandert sind, haben in einigen Ländern zum Verbot dieser Netze oder „Meshes“ geführt, wohingegen sie in Deutschland nach wie vor in strenger Indikation verwendet werden dürfen.

Dennoch hat die weltweite Aufmerksamkeit um diese Prozesse dazu geführt, dass vielerorts die betroffe­nen Patientinnen operative Lösungen nachfragen, die ohne die Kunststoffnetze auskommen. Allerdings gilt es auch bei den innovativen Ansätzen, sorgfältige Langzeitergebnisse jenseits des bisherigen sechs­monatigen Follow-ups zu dokumentieren. Erfahrungsgemäß zeigt sich der dauerhafte Nutzen – und das Risiko – von solchen Prolapsoperationen erst nach einigen Jahren. © mls/aerzteblatt.de

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