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Politik

Deutschlands Ernährungspolitik schneidet im internationalen Vergleich schlecht ab

Dienstag, 19. Oktober 2021

/rh2010, stock.adobe.com

München – Die politischen Rahmenbedingungen für eine gesundheitsförderliche Ernährung fehlen in Deutschland größtenteils. Das zeigt ein Forschungsprojekt der Ludwigs-Maximilians-Universität Mün­chen (LMU München) und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), an dem 55 Fachleute aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft beteiligt waren.

„Die Ergebnisse des Food Environment Policy Index (Food-EPI) 2021 zeigen, dass besonders in Deutsch­land noch viel Luft nach oben ist“, sagte Peter von Philipsborn, Wissenschaftler am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der LMU und Leiter des Forschungsprojekts heute bei einer Online-Pressekonferenz.

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Aus dem Food-EPI könne man einen dringenden Reformbedarf ablesen, der sich nicht nur aus wissen­schaftlicher Perspektive begründe. Denn an der Bewertung waren auch Menschen aus der Praxis und Verwaltung beteiligt.

Die Forschenden hatten politische Maßnahmen in Deutschland mit einem standardisierten Verfahren erfasst und mit internationalen Best-Practice-Beispielen verglichen. Den dafür genutzten Food-EPI wenden bereits mehr als 40 Länder weltweit an. Er setzt sich aus 13 Bereichen mit 47 Indikatoren zusammen.

Drei Bereiche schneiden sehr schlecht ab

In zwei Bereichen erreichte Deutschland im Vergleich zu internationalen Best-Practice-Beispielen eine mittlere Bewertung: Datensammlung, -auswertung und -nutzung (Monitoring und Surveillance).

In sieben Bereichen eine niedrige Bewertung: Nährwertzusammensetzung von Lebensmitteln, Lebens­mittelangebot in öffentlichen Einrichtungen und Betrieben, Lebensmittelkennzeichnung, Internationaler Handel und Investitionen, Governance (inklusive Management von Interessenskonflikten und Evidenz­nutzung), Finanzierung, Plattformen für die Zusammenarbeit von Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.

Besonders schlecht fiel die Bewertung in drei Bereichen aus: Regulierung von Lebensmittelwerbung und -marketing, Lebensmittelpreisgestaltung und Lebensmittelangebot in Einzelhandel und Gastronomie.

Anschließend identifizierte das Autorenteam anhand wissenschaftlicher Studien und Empfehlungen internationaler und nationaler Fachorganisationen 28 Reformoptionen.

Den folgenden fünf Maßnahmen wurde das größte Potenzial zugeschrieben: Qualitativ hochwertige, gebührenfreie Schul- und Kitaverpflegung auf Basis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), eine gesundheitsförderliche Mehrwertsteuerreform, eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Softdrinks, eine Regulierung von Kinder-Lebensmittelmarketing und gesundes Essen in öffentlichen Einrichtungen.

Zudem wurden die drei wichtigsten strukturelle Maßnahmen für eine gesundheitsförderliche Ernäh­rungs­­politik benannt. Dazu zählten die Evaluation von Maßnahmen, die Sammlung und Analyse von Er­nährungsdaten sowie der Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Politik, Praxis und Wissenschaft.

„Die Bilanz der deutschen Ernährungspolitik ist ein Armutszeugnis. Die Versäumnisse von Julia Klöckner und ihren Vorgängerinnen und Vorgängern haben schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Men­schen und kosten die Gesellschaft Milliarden“, kommentierte Saskia Reinbeck von Foodwatch die Ergeb­nisse des Food-EPI.

SPD und Grüne sollen Wahlversprechen einhalten

Seit Jahren fordern medizinische Fachgesellschaften, Kinderärzte sowie Verbraucher­verbände verbind­li­che Maßnahmen für eine gesunde Ernährung. Freiwillige Selbstverpflich­tungen der Lebensmittelindus­trie seien gescheitert, denn nach wie vor enthielten 85 Prozent der Kinderprodukte zu viel Zucker, Fett oder Salz, betonte daher Foodwatch, als sie gestern Vormittag vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin die SPD an ihr Wahlprogramm erinnerten.

Hier heißt es: „An Kinder gerichtete Werbung wollen wir reglementieren.“ In einem Beschluss des SPD-Parteivorstands vom Mai steht: „Wir wollen Eltern die Sorge für eine gesunde Ernährung ihrer Kinder erleichtern und an Kinder gerichtetes Marketing für ungesunde Produkte wie Süßigkeiten, Softdrinks, und Fastfood untersagen.“

Auch die Grünen sprechen sich in ihrem Wahlprogramm für Beschränkungen aus: „Für Lebensmittelwer­bung, die sich an Kinder richtet, wollen wir klare Regeln, die sich an den Kriterien der Weltgesund­heits­organisation (WHO) orientieren.“

Im Programm der FDP ist lediglich von Ernährungsbildung in Kindertagesstätten und Schulen die Rede. Laut Foodwatch sollten nur diejenigen Lebensmittel an Kinder beworben werden dürfen, die den Nähr­wertempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation entsprechen oder beim Nährwert-Logo Nutri-Score die beste Bewertung (A) haben.

„Die Politik darf nicht länger Rücksicht auf die Lebensmittelindustrie nehmen“, forderte heute Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK). Ein gesetzliches Werbe­verbot gehöre dringend in den Koalitionsvertrag.

Die Chancen dafür stünden gut, so ihre Einschätzung. Schon jetzt setzten sich viele Player im System für ein reglementiertes Kindermarketing ein, erklärte Bitzer. „Allen voran die WHO und sogar der wissen­schaftliche Beirat des Ernährungsministeriums.“ © gie/aerzteblatt.de

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