NewsMedizinCOVID-19: Interferon-Behand­lung bleibt in randomisierter Studie ohne Vorteile
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

COVID-19: Interferon-Behand­lung bleibt in randomisierter Studie ohne Vorteile

Dienstag, 19. Oktober 2021

/Kirill Gorlov, stockadobecom

Omaha/Nebraska – Trotz eines plausiblen Wirkungsmechanismus und vielversprechender Erfahrungen in früheren Studien hat eine subkutane Behandlung mit Interferon beta in der randomisierten Studie ACTT-3 die Erholung von hospitalisierten Patienten mit einer COVID-19-Pneumonie nicht beschleunigt. Ein Teil der Studie musste laut der Publikation in Lancet Respiratory Medicine (2021; DOI: 10.1016/S2213-2600(21)00412-4) wegen einer Zunahme von Komplikationen sogar abgebrochen werden.

Interferon beta gehört zu den Signalsubstanzen, mit denen das angeborene Immunsystem Viren abwehrt. Frühere Studien hatten gezeigt, dass dieser Teil der Immunabwehr bei Patienten mit COVID-19 häufig ge­schwächt ist.

Anzeige

Bei Menschen mit einer genetischen Störung der Interferon-Produktion wurde ein schwerer Verlauf von COVID-19 beobachtet. Dies hat schon frühzeitig zu Behandlungsversuchen mit Interferon beta geführt, das seit längerem als Arzneimittel (für die Behandlung der multiplen Sklerose) zugelassen ist.

Das Medikament konnte deshalb ohne weitere präklinische Tests bei COVID-19-Patienten eingesetzt werden. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend. In einer britischen Studie wurde die Erholung durch eine inhalative Gabe von Interferon beta 1a deutlich beschleunigt (Lancet Respiratory Medicine 2021; 9: 196-206). Die jetzt publizierten Ergebnisse der vom US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases initiierten Phase 3-Studie bestätigen diese früheren Erfahrungen jedoch nicht.

Am „Adaptive COVID-19 Treatment Trial 3“ (ACTT-3) hatten an 63 Zentren in den USA, Japan, Mexiko, Singapur und Südkorea 969 erwachsene Patienten teilgenommen, die seit 8,6 Tagen an COVID-19 litten und mittlerweile wegen einer röntgenologisch nachgewiesenen Pneumonie im Krankenhaus behandelt wurden, wo 84 % bereits Sauerstoff benötigten, aber noch keiner maschinell beatmet wurde.

Die Patienten wurden zu gleichen Teilen auf eine Behandlung mit Interferon beta-1a plus Remdesivir oder auf Placebo plus Remdesivir randomisiert. Die Behandlung mit Remdesivir, die nach heutigem Stand eher in der Frühphase der Erkrankung nützt, wurde bei der Planung der Studie als evidenzbasiert betrachtet, weil sie in der Studie ACTT-1 die Erholung von hospitalisierten Patienten beschleunigt hatte (NEJM 2020; 383: 1813-26).

Die zusätzliche Gabe von Interferon beta-1a, die im Abstand von 2 Tagen subkutan (maximal 4 Mal) er­folgte, konnte die Zeit bis zur Erholung der Patienten, dem primären Endpunkt der Studie, nicht verkür­zen.

Wie das Team um Andre Kalil vom Nebraska Medical Center in Omaha berichtet, konnten die Patienten in beiden Behandlungsgruppen nach durchschnittlich 5 Tagen aus der Klinik entlassen werden (Rate Ratio 0,99; 95-%-Konfidenzintervall 0,87 bis 1,13).

Auch in den sekundären Endpunkten zur klinischen Verbesserung, zur Notwendigkeit einer Sauerstoff-Gabe oder zur Dauer der Krankenhausbehandlung wurden keine Vorteile durch die Interferon-Behand­lung nachgewiesen. Die 28-Tage-Mortalität war bei den Patienten der Interferon beta-1a plus Remdesi­vir-Gruppe mit 5 % versus 3 % sogar tendenziell höher als bei den Patienten, die nur Remdesivir erhalten hatten.

Die Behandlung mit Interferon beta-1a verschlechterte zudem die Verträglichkeit: Bei den Patienten, die aufgrund einer leichteren Erkrankung noch keine High-Flow-Sauerstoff-Therapie benötigten, kam es häufiger (7 % versus 3 %) zu unerwünschten Ereignissen.

In der Gruppe der Patienten, die zu Studienbeginn eine High-Flow-Sauerstoff-Therapie benötigten, er­litten 69 % versus 60 % ein unerwünschtes Ereignis, das bei 39 % versus 24 % der Patienten als schwer­wiegend eingestuft wurde. In dieser Gruppe kam es unter der Behandlung mit Interferon beta-1a auch häufiger zu Todesfällen (20 % versus 12 %). Dies veranlasste die Studienleitung bei einer Zwischenaus­wertung, die Aufnahme von Patienten mit High-Flow-Sauerstoff-Gabe einzustellen.

Die Gründe für die im Vergleich zu früheren Erfahrungen schlechteren Ergebnisse sind unklar. Kalil vermutet, dass die virostatische Wirkung von Remdesivir die Interferon-Wirkung, die dasselbe Ziel hat, überdeckt haben könnte.

Der Editorialist Tom Wilkinson von der Universität Southampton hat die gleichzeitige Gabe von Steroiden, die inzwischen bei schweren Verläufen Standard ist, im Verdacht, die Wirkung der Interferone verhindert zu haben.

Denkbar ist, dass die Behandlung mit Interferonen bei schwer erkrankten Patienten zu spät kommt, oder dass die Verfügbarkeit von Interferon beta nach einer subkutanen Gabe zu gering ist. Dass es zu weiteren Studien mit subkutanem Interferon beta 1a kommen wird, erscheint unwahrscheinlich, zumal in der offenen Solidarity-Studie der WHO auch keine Wirksamkeit von Interferon beta 1a beobachtet wurde. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER