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Medizin

US-Studie: E-Zigaretten helfen nicht bei der Tabakabstinenz

Freitag, 22. Oktober 2021

/pavel_shishkin, stock.adobe.com

San Diego – US-Amerikaner, die mit Hilfe von E-Zigaretten auf das Rauchen von Tabak verzichteten, wurden in einer Langzeitstudie in JAMA Network Open (2021; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2021.28810) im folgenden Jahr häufiger rückfällig als Personen, die den Abstinenzversuch ohne Ersatzdroge unternahmen. Die Studie widerspricht der verbreiteten Ansicht, nach der E-Zigaretten Rauchern helfen können, auf Dauer auf Tabakzigaretten zu verzichten.

Die „Population Assessment of Tobacco and Health“ (PATH)-Studie untersucht im Auftrag der National Institutes of Health und der Food and Drug Administration (FDA) die Auswirkungen des Tabakrauchens auf die Gesundheit der Bevölkerung. Die Ergebnisse sollen der FDA die Handhabe für eine strengere Regulierung von Tabakprodukten in den USA geben.

Ein Aspekt der PATH-Studie sind die Erfolgschancen eines Abstinenzversuchs. Dazu wurden 13.604 Raucher in 2 aufeinanderfolgenden jährlichen Umfragen nach den Veränderungen ihres Rauchverhaltens befragt.

Bei der 1. Nachuntersuchung hatten 9,4 % der Befragten angegeben, mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Unter diesen ehemaligen Rauchern waren 62,9 % ein Jahr später weiterhin tabakfrei. Die übrigen 37,1 % hatten wieder angefangen zu rauchen.

Ein Team um John Pierce vom Moores Cancer Center in San Diego hat jetzt untersucht, ob die Tabak­raucher, die zunächst mit Hilfe von E-Zigaretten erfolgreich auf das Rauchen verzichtet hatten, häufiger abstinent blieben als Raucher, die andere Methoden angewendet hatten. Dies war nicht der Fall.

Von den Studienteilnehmern, die auf E-Zigaretten „gewechselt“ hatten, waren nach einem Jahr 41,6 % abstinent. Bei den Personen, die völlig auf Tabakprodukte verzichtet hatten, waren noch 50,5 % absti­nent. Dies bedeutet, dass der „kalte“ Entzug mit dem völligen Verzicht auf nikotinhaltige Produkte möglicherweise der bessere Weg ist, um vom Rauchen loszukommen.

Pierce ermittelt in einer adjustierten Analyse eine Risikodifferenz von 8,6 %. Sie war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von -1,5 % bis 18,6 % jedoch nicht signifikant. Pierce hat deshalb die Gruppe der E-Zigaretten-Anwender um Personen erweitert, die andere „Ersatzdrogen“ wie Zigarren, Zigarillos, Pfeife, Wasserpfeife, Snus oder rauchlosen Tabak verwendet hatten, um sich das Inhalieren des Ziga­rettenrauchs abzugewöhnen. In dieser Gesamtgruppe war die Rückfallrate um 8,5 % höher als bei einer völligen Tabakabstinenz. Das 95-%-Konfidenzintervall reichte dieses Mal von 0,3 % bis 16,6 % und war damit signifikant.

Ob diese Bündelung der Anwender von E-Zigaretten und Zigarrenrauchern etc. fair ist, dürfte umstrit­ten sein. Peter Hajek, der Leiter der „Tobacco Dependence Research Unit“ an der Queen Mary University in London, war in einer Stellungnahme gegenüber dem Science Media Center nicht begeistert.

Die britischen Experten stehen E-Zigaretten insgesamt positiv gegenüber. Hajek wies darauf hin, dass Personen, die mit E-Zigaretten die Abstinenz geschafft hatten, laut der Studie ein höheres Abhängig­keitspotenzial hatten, als die Personen, die es ohne Hilfsmittel geschafft hatten. Dies könnte die Ergeb­nisse der Analyse verzerrt haben. Pierce führt in seiner Analyse jedoch die Nikotinabhängigkeit als einen der Faktoren auf, die bei der adjustierten Analyse berücksichtigt wurden.

Die Studienlage zum Nutzen von E-Zigaretten bei der Tabakabstinenz ist insgesamt umstritten. Auch die Ergebnisse randomisierter Studien sind nicht eindeutig. Nach einer Metaanalyse der Cochrane Collaboration (2020; DOI: 10.1002/14651858.CD010216.pub4) kann der Wechsel auf E-Zigaretten die Chancen auf eine erfolgreiche Abstinenz erhöhen, vor allem, wenn dieser mit einer psychologischen Beratung kombiniert wird.

Ein Team um den „tobacco control“-Aktivisten Stanton Glantz von der Stanford Universität kam in einer anderen Metaanalyse dagegen zu dem Schluss, dass Raucher, die einen Selbstversuch mit kommerziell erhältlichen E-Zigaretten beginnen, eher erfolglos bleiben (American Journal of Public Health 2021; DOI: 10.2105/AJPH.2020.305999).

Der Vorteil von epidemiologischen Untersuchungen wie der PATH-Studie ist, dass sie die Erfolgschancen im „echten Leben“ besser wiedergeben als randomisierte kontrollierte Studien. Erfreulich an der PATH-Studie ist, dass der Abstinenzversuch mit oder ohne E-Zigaretten in jedem 2. Fall erfolgreich war. In den randomisierten Studien schaffen es oft nur 10 % bis 20 % (was daran liegen mag, dass bei den Teilnehmern der randomisierten Studien die Motivation möglicherweise geringer ist).

Die Erfolgschancen könnten „im echten Leben“ noch größer sein, als die Publikation vermuten lässt. Pierce hatte für die erfolgreiche Abstinenz strenge „Zero“-Kriterien angelegt. Die Teilnehmer durften während der vergangenen 12 Monate nicht geraucht haben. Zum Zeitpunkt der Umfrage waren 2/3 der Befragten abstinent. Wer das Rauchen aufgeben will, kann es offenbar mit und ohne E-Zigaretten schaffen.

© rme/aerzteblatt.de

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