NewsVermischtesWirtschaftsaufbau nach Coronapandemie soll Klima und damit Gesundheit schützen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Wirtschaftsaufbau nach Coronapandemie soll Klima und damit Gesundheit schützen

Donnerstag, 21. Oktober 2021

/lenets_tan, stock.adobe.com

London – Ein internationales Forscherteam fordert vor dem Weltklimagipfel dazu auf, den wirtschaftli­chen Wiederaufbau nach der Coronapandemie mit dem Kampf gegen den Klimawandel zu kombinieren.

„Der Klimawandel ist da, und wir sehen bereits jetzt seine schädlichen Auswirkungen auf die menschli­che Gesundheit weltweit“, sagte Anthony Costello, Exekutivdirektor des jährlich erscheinenden Lancet-Countdown-Berichts zum Einfluss des Klimawandels auf die Gesundheit.

Anzeige

Die gute Nachricht sei, dass sich die Anstrengungen, um die Wirtschaft nach der Pandemie wieder anzu­kurbeln, mit dem Umbau zu einer klimafreundlichen Ökonomie vereinbaren ließen.

„Wir haben die Wahl. Der Aufschwung nach COVID-19 kann ein grüner Aufschwung sein, mit dem wir den Weg zu einer verbesserten menschlichen Gesundheit und zu verringerten Ungleichheiten einschlagen“, sagte Costello. „Oder er kann nach altem Schema erfolgen und uns alle in Gefahr bringen.“

Die Forscherinnen und Forscher riefen die Verantwortlichen dazu auf, beim Anfang November anstehen­den Klimagipfel in Glasgow ambitionierte und konkrete Maßnahmen zu treffen, um das im Pariser Klima­abkommen festgelegte Ziel einer maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad noch erreichen zu können.

Der heute veröffentlichte Lancet-Countdown-Bericht gibt den Konsens von Wissenschaftlern von knapp 40 Hochschulen und UN-Einrichtungen wieder. Demnach nimmt durch den Klimawandel die Wahrschein­lichkeit zu, dass sich verschiedene Krankheiten stärker verbreiten.

So würden auch in Europa Ausbrüche von Dengue- oder Zika-Fieber wahrscheinlicher. Im Norden Euro­pas und den USA könnten sich zudem mehr Bakterien ansiedeln, die unter anderem zu Wundinfektionen führen können. In ärmeren Ländern könne die Bekämpfung von Krankheiten wie Cholera oder Malaria um Jahrzehnte zurückgeworfen werden.

Von einer entsprechenden Vorbereitung ihrer Gesundheitssysteme auf kommende klimabedingte Krisen sind die meisten Länder laut Bericht weit entfernt. Nur knapp die Hälfte von 91 untersuchten Ländern gab in diesem Jahr an, überhaupt eine Bewertung für diesen Zusammenhang vorgenommen zu haben.

Auch deutsche Experten, unter anderem von Bundesärztekammer (BÄK) und Berliner Charité, schlossen sich den Forderungen an. Der Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit müsse auch in Aus- und Weiterbildung in Gesundheitsberufen einfließen.

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir mit keinem Medikament, keiner Operation, keinem Geld der Welt die gesundheitlichen Schäden wieder einfangen können, die wir verursachen“, sagte der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen anlässlich der Veröffentlichung. Er rief die kommende Bun­desregierung zur Nutzung einer „historischen Chance“ auf, auch wenn diese viel Geld koste. „Das Teuerste was wir jetzt tun können ist: Nichts.“

Experten der BÄK, der Charité, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem Helmholtz Zent­rum München erstellen seit 2019 jährlich einen flankierenden Situationsbericht speziell für Deutschland und sprechen politische Empfehlungen aus.

Im Jahr 2021 überprüften sie, inwieweit Politik und Gesellschaft ihre Empfehlungen aus dem Jahr 2019 aufgegriffen haben. Demnach wachse zwar das Problembewusstsein bei den Entscheidungsträgern – not­wendige konkrete Handlungen bleiben hingegen meist aus.

Deutschland sei nur unzureichend für die gesundheitlichen Herausforderungen des Klimawandels ge­rüstet, so die Warnung. Beispielsweise hätten bisher nur wenige Kommunen Hitzeaktionspläne umge­setzt. Auch die hohen CO2-Emissionen des Gesundheitssystems (etwa fünf Prozent der deutschen Gesamt­emissionen) seien in den vergangenen Jahren nur unwesentlich reduziert worden.

Verantwortlichkeiten klären

„Es reicht nicht, wenn Einzelne ihr Verhalten ändern. Wir müssen auch die Verhältnisse ändern. Das ist bisher leider an viel zu wenigen Stellen passiert“, betonte Sabine Gabrysch, Professorin für Klimawandel und Gesundheit an der Charité und Leiterin der Forschungsabteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

„Wir brauchen dazu klare Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen im Gesundheitssektor und in der Politik. Klimaschutz und Klimaanpassung müssen zur Priorität werden, weil es dabei um unsere Lebensgrundla­gen und unsere Gesundheit geht.“

„Eine der vordringlichsten Aufgaben der neuen Bundesregierung muss deshalb sein, gemeinsam mit Ländern und Kommunen die Verantwortlichkeiten zur Vorbeugung klimabedingter Gesundheitsgefahren zu definieren und bestehende gesetzliche Vorgaben zu evaluieren“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK.

Gesundheitseinrichtungen müssten durch ausreichend Personal und räumliche Ressourcen auf Extrem­wetterereignisse vorbereitet werden. Notwendig sei außerdem eine nationale Strategie für eine klima­freundliche Gesundheitsversorgung in Deutschland, die auch den notwendigen Investitionsbedarf zum Beispiel für den klimaneutralen Bau beziehungsweise Umbau von Gesundheitseinrichtungen vorsieht.

Mit der Fortschrittskontrolle empfiehlt das Autorenteam deshalb neue gesetzliche Regelungen und eine Klärung der Zuständigkeiten, die Einbeziehung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes sowie Handlungsszenarien für unerwartete Extremlagen.

Noch gebe es noch eine „riesige Diskrepanz“ zwischen der Bedeutung des Themas Klimawandel und der konkreten Beschäftigung, warnte gestern Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz Klima­wandel und Gesundheit (Klug). Bei der Nutzung der Handlungsoptionen sei Transdisziplinarität entschei­dend.

Ute Winkler, Referatsleiterin „Umweltbezogener Gesundheitsschutz“ im Bundesministerium für Gesund­heit (BMG), verwies vorgestern auf die Strategie der Bundesregierung zur globalen Gesundheit. Man wolle politisch die Aspekte Klima, Umwelt und Gesundheit ganzheitlich denken. Um dies in praktisches Handeln umzusetzen, müsse man viel Vernetzungsarbeit leisten und die Vielzahl der beteiligten wissen­schaftlichen Disziplinen zusammenführen. © dpa/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER