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Politik

Nach Kimmich-Aussagen zu Coronaimpfung: Ärzte und Politik um Aufklärung bemüht

Montag, 25. Oktober 2021

Joshua Kimmimch /picture alliance, GES, Marvin Ibo Güngör

Berlin – Fußball-National- und Bayern-Spieler Joshua Kimmich hat sich bisher nicht gegen das Corona­virus SARS-CoV-2 impfen lassen. Er habe „persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was feh­lende Lang­zeitstudien angeht“, sagte er im TV-Sender Sky nach dem Heimsieg der Bayern gegen Hoffenheim.

Gleichzeitig schloss er eine Impfung nicht aus. Derzeit wird Kimmich alle zwei Tage getestet. Die Aussa­gen haben die Ständige Impf­kommission (STIKO), den Deutschen Ethikrat und auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen.

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Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens wies die Bedenken von Kimmich zurück. „Joshua Kimmich ist sicher ein ausgewiesener Fachmann in Fragen des Fußballs, aber kein Fachmann in Fragen der Impfung und der Impfstoffe“, sagte Mertens. Dennoch habe er mit seinen Bedenken einem Problem Ausdruck ver­liehen, das sicher bei manchen Menschen so gesehen werde.

Wenn ein Impfstoff zur Verwendung an Menschen freigegeben wird, gebe es begleitende Studien, die genau untersuchten, ob es bei der Anwendung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen könne, erwiderte Mertens.

„Man muss bedenken, dass mittlerweile sieben Milliarden Dosen an Menschen mit COVID-19-Impfstoff verimpft worden sind“, sagte er. „Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahresbeobachtungsstudien geben kann, ist klar.“ Das gelte aber nicht nur für jeden anderen Impf­stoff auch, der neu angewendet werde, sondern auch für jedes neue Medikament.

„Neben den Zulassungsstudien wissen wir aus den begleitenden Studien, dass es nur zu einigen Neben­wirkungen gekommen ist, die alle recht kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten sind“, sagte der STIKO-Chef. In der Wissenschaft sei man sich einig, dass spät auftretende Nebenwirkungen nach einer Impfung „nicht vorkommen, beziehungsweise eine extrem seltene Rarität bei einzelnen Impfstoffen“ gewesen seien.

Von einem „Missverständnis, das sich bei vielen Menschen hartnäckig hält“, sprach Carsten Watzl, Gene­ral­sekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Nebenwirkungen einer Impfung träten immer innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auf.

„Danach ist die Immunreaktion abgeschlossen und der Impfstoff ist aus dem Körper verschwunden. Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der COVID-19 Impfung nicht auftreten“, sagte Watzl.

Eine Vorbildfunktion

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Alena Buyx hofft, dass sich Kimmich doch noch für eine Coro­na­impfung entscheidet. Der Fußballer sei „einer Falschinformation“ aufgesessen. Es sei zwar Kimmichs persönliche Entscheidung. Aber der 26-Jährige sei ein Vorbild, dem Millionen Menschen zuhören würden. „Es kommt jetzt darauf an, gut aufzuklären, dass es diese Form von Langzeitwirkungen nicht gibt. Dass die Leute jetzt nicht denken, weil er Sorge hat, muss ich auch Sorge haben“, sagte Buyx.

Die Bundesregierung hofft ebenfalls noch auf eine Entscheidung von Kimmich für eine Impfung und hat dazu auf umfassende Informationen hingewiesen. Alle Fragen seien natürlich berechtigt, sagte Regie­rungssprecher Steffen Seibert heute in Berlin. Zu Aspekten wie Art und Wirkung der Impfstoffe oder möglichen Impffolgen gebe es aber „klare und überzeugende Antworten“ nationaler und internationaler Experten.

Er hoffe daher, „dass Joshua Kimmich diese Informationen alle noch mal auf sich wirken lässt und sich dann auch vielleicht für die Impfung entscheiden kann“, sagte Seibert. „Denn als einer, auf den Millionen schauen, hätte er dann erst recht Vorbildwirkung.“

Seibert sagte, sicherlich sei es bei einem Fußballnationalspieler erst einmal nicht anders als bei jedem anderen, weil es eine sehr persönliche Entscheidung sei, sich impfen zu lassen. Gleichwohl gebe es Ant­worten auf die Fragen, die Kimmich ganz offensichtlich habe.

Mit Blick auf dessen generelles Coronaengagement sprach Seibert von einer „durchaus überraschenden Aussage“. Er betonte grundsätzlich, von der Zahl der Geimpften hänge es ganz entscheidend ab, wie das Zusammenleben in der Pandemie organisiert werden könne.

Das Bundesmininisterium für Gesundheit (BMG) erläuterte, nach bereits vielen Impfungen seien auch seltene Nebenwirkungen deutlich besser erforscht als bei anderen Impfstoffen. Das für Sport zuständige Innenministerium betonte die grundsätzliche Position, dass Impfungen der einzige nachhaltige Weg aus der Pandemie seien. Letztlich bleibe es aber dabei, dass jeder für sich entscheiden müsse.

Unterstützung für seine Impfskepsis erhielt Kimmich heute von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel. Er selbst bemerkte zu dieser Problematik: „Das finde ich in der Debatte ein bisschen schade. Nicht geimpft bedeutet dann oftmals gleich, dass man Coronaleugner oder Impfgegner ist.“

Bisher haben sich laut offiziellen Meldedaten knapp 70 Prozent der Deutschen mindestens eine Dosis gegen COVID-19 spritzen lassen. Gut 66 Prozent gelten als vollständig geimpft. Die Zielimpfquoten liegen bei mindestens 85 Prozent bei den 12- bis 59-Jährigen und mindestens 90 Prozent bei Menschen über 60.

Forschende am Institut für psychologische Forschung an der SFU Berlin haben im Rahmen des vom Bundesforschungsministeriums (BMBF) geförderten Viral Communication-Projekts eine Langzeitanalyse zur Einstellung der deutschen Bevölkerung bezüglich der Coronapandemie durchgeführt.

Die jüngsten dem Deutschen Ärzteblatt vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass sich ursprünglich ableh­nende Haltungen zu Coronaimpfungen durchaus ändern können. Mehr als 90 % der Befragten, die sich Ende 2020 unsicher waren oder sich eher nicht impfen lassen wollten, haben sich demnach bis Septem­ber 2021 schließlich doch für eine Impfung entschieden.

Laut der Befragung stoßen zudem verpflichtende COVID-Impfnachweise für Aktivitäten und Veranstal­tun­gen mit erhöhtem Infektionsrisiko auf eine breite öffentliche Akzeptanz – etwa bei Großveranstal­tungen in geschlossenen Räumen oder auch bei der Nutzung von Verkehrsmitteln. © dpa/aha/may/aerzteblatt.de

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