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Politik

Immer mehr hochpreisige Arzneimittel kommen auf den Markt

Mittwoch, 27. Oktober 2021

/Robert Kneschke, stock.adobe.com

Berlin – In Deutschland kommen immer mehr hochpreisige Arzneimittel auf den Markt. Während im Jahr 2011 noch etwa 17 Prozent des Gesamtumsatzes auf Arzneimittel mit Preisen von 1.000 Euro oder mehr entfielen, waren es im Jahr 2020 bereits 43 Prozent. Das geht aus dem Arzneimittel-Kompass 2021 her­vor, den der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) heute in Berlin vorstellten.

In der Folge stieg der Durchschnittspreis einer Arzneimittelpackung zwischen 2011 und 2020 um das 57-Fache, wie aus dem Arzneimittel-Kompass hervorgeht. Lag der Packungspreis für ein Medikament, das in den vergangenen 36 Monaten auf den Markt gekommen ist, 2011 im Durchschnitt noch bei 902 Euro, stieg er bis 2020 auf 51.189 Euro an. Das derzeit teuerste Arzneimittel ist demnach Libmeldy zur Be­handlung einer seltenen Erbkrankheit bei Kindern mit einem Listenpreis von 2,88 Millionen Euro.

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Arzneimittelumsatz auf neuem Höchststand

Daraus resultierend stieg der Arzneimittelumsatz der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im ver­gan­genen Jahr um 4,9 Prozent auf 49,2 Milliarden Euro an: ein neuer Höchststand. Der Umsatz von hoch­preisige Arzneimitteln lag dabei bei 20,9 Milliarden Euro, während ihr Verordnungsanteil bei nur 1,1 Pro­zent aller 684 Millionen Verordnungen des Jahren 2020 lag.

„Es wird zunehmend mehr Geld für die Versorgung von wenigen Patientinnen und Patienten aufgewen­det“, erklärte der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder.

Dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) zufolge dürfen die Hersteller neuer Arzneimittel deren Preis im ersten Jahr nach der Markteinführung frei festlegen. Erst ab dem zweiten Jahr gilt der Preis, den der GKV-Spitzenverband mit dem jeweiligen Hersteller auf der Basis einer frühen Nutzenbe­wer­tung verhandelt hat.

Um den Anstieg der Arzneimittelausgaben zu bremsen, forderte der Vorstands­vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, erneut, dass die ausgehandelten Erstattungs­beträge rückwirkend ab dem ersten Tag der Zulassung gelten sollen.

AOK fordert Interimspreis

Insgesamt 2,02 Milliarden Euro hätte die GKV dem AOK-Bundesverband zufolge in den Jahren 2011 bis 2020 einsparen können, wenn die vereinbarten Erstattungsbeträge bereits ab der Markteinführung beziehungsweise der Erweiterung der Zulassung gültig gewesen wären.

Ergänzend solle ein Interimspreis für die neuen Arzneimittel eingeführt werden, forderte Litsch. Dabei soll zum Marktzugang für eine gewisse Zeit ein Übergangspreis festgelegt werden, der so lange gilt, bis der Erstattungsbetrag ausgehandelt wurde. „So kann der alte Webfehler des AMNOG endlich behoben werden“, meinte Litsch.

Bei beschleunigten Zulassungen bleiben viele Fragen offen

Petra Thürmann, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), legte darüber hinaus dar, dass immer mehr hochpreisige neue Arzneimittel in beschleunigten Zulassungsverfahren auf den Markt kämen.

„Die Basis für die Zulassung sind dabei kleine oder unvollständige Studien, die noch sehr viele Fragen offenlassen“, sagte Thürmann. Zwar erhielten die Hersteller die Auflage, Studien nach­zu­reichen. Doch wenn dies nicht geschehe, würden die Hersteller nicht sanktioniert.

Analysen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hätten ergeben, dass nur die Hälfte der Medika­mente mit einer bedingten Zulassung die Kriterien erfüllten, um eine reguläre Zulassung nach einem Jahr zu erhalten. „Dennoch bleiben die anderen Arzneimittel als bedingte Zulassungen weiter im Markt“, kritisierte Thürmann. So seien in einigen Fällen schwerwiegende Nebenwirkungen erst später entdeckt worden.

Bei den 240 Onkologika, die bis zum Juni 2021 nach einer AMNOG-Bewertung auf den Markt gekommen sind, habe sich gezeigt, dass in der Mehrzahl der Bewertungen der Zusatznutzen nicht belegt oder nur gering war oder nicht quantifiziert werden konnte. Deshalb sei eine sinnvollere Bewertung von Onkolo­gika und auch von Medikamenten zur Behandlung seltener Erkrankungen dringend geboten. © fos/aerzteblatt.de

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