NewsMedizinStudie belegt Wirkung von Infliximab beim IVIG-resistenten Kawasaki-Syndrom
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie belegt Wirkung von Infliximab beim IVIG-resistenten Kawasaki-Syndrom

Mittwoch, 27. Oktober 2021

/Kateryna_Kon, AdobeStock.com

San Diego – Eine Behandlung mit dem Biologikum Infliximab, das den Tumor-Nekrose-Faktor alpha neutralisiert, hat in einer randomisierten Studie bei Kindern mit einem resistenten Kawasaki-Syndrom eine bessere Wirkung erzielt als ein erneuter Behandlungsversuch mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG).

Die in Lancet Child & Adolescent Health (2021; DOI: 10.1016/S2352-4642(21)00270-4) vorgestellten Ergebnisse könnten auch die Behandlung des multisystemischen Entzündungssyndroms bei Kindern (MIS-C) beeinflussen, zu dem es in seltenen Fällen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 kommt.

Das Kawasaki-Syndrom ist eine entzündliche Erkrankung der kleinen und mittleren Gefäße (Vaskulitis), die bei Kindern im Alter unter 5 Jahren auftreten kann. Die Ursache ist unbekannt. Es wird jedoch vermu­tet, dass es sich um eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eine vorangegangene virale Infektion handelt.

Dieser Verdacht wurde zuletzt durch die Beobachtung einer ähnlichen Erkrankung (MIS-C) bestätigt, die 2 bis 6 Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 auftritt. Das MIS-C wird inzwischen wie das Kawa­saki-Syndrom mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG) behandelt.

Das Ziel der Behandlung ist, die Entzündungsvorgänge zu stoppen, da es beim Kawasaki-Syndrom sonst zu Aneurysmen an den Koronararterien kommen kann, die die Gesundheit der Kinder langfristig bedro­hen. Ob diese Komplikation auch bei MIS-C droht, ist nicht ganz sicher.

Bei einer erfolgreichen Behandlung kommt es innerhalb weniger Stunden zu einem Rückgang des Fie­bers, das ein Kardinalsymptom der Erkrankung ist. Hält das Fieber länger als 36 Stunden an, sollte nach den geltenden Leitlinien ein zweiter Behandlungsversuch mit IVIG begonnen werden. Er wird häufig mit einer begleitenden Steroidbehandlung kombiniert.

Als Alternative ist seit einiger Zeit eine Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper Infliximab in der Diskussion. Infliximab neutralisiert den Tumor-Nekrose-Faktor alpha, der ein wichtiger Signalstoff der Entzündungsreaktion ist.

Das Mittel wird seit längerem erfolgreich zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen eingesetzt. Beim Kawasaki-Syndrom sind die Leitlinien zurückhaltend. Die American Heart Association sieht nur einen Evidenzgrad C („Expertenmeinung“), da sich die Erfahrungen auf Fallserien und retrospektive Studien beschränken.

Die Kidcare-Studie („Kawasaki Disease Comparative Effectiveness“) liefert jetzt erstmals Belege aus einer randomisierten Studie (Evidenzgrad A). Die Studie wurde im März 2017, also vor der Coronapandemie begonnen.

Bis Ende August 2020 wurden 103 Patienten im Alter von 4 Wochen bis 7 Jahren entweder mit einer er­neuten Infusion von IVIG oder Infliximab behandelt. Der primäre Endpunkt der Studie war eine Reduk­tion des Fiebers innerhalb der nächsten 24 Stunden. Bei einer längeren Fieberdauer war ein Crossover zur anderen Therapie erlaubt.

Das Behandlungsziel erreichten in der Infliximab-Gruppe 40 von 52 Patienten (77 %) gegenüber 25 von 49 Patienten (51 %) in der IVIG-Gruppe. Jane Burns von der Universität von Kalifornien in San Diego und Mitarbeiter errechnen eine Odds Ratio von 0,31, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,13 bis 0,73 signifikant war. Die Dauer des Fiebers verkürzte sich von 2,5 Tage auf 1,5 Tage, die Kinder konnten in der Infliximab-Gruppe nach 3,2 Tagen statt 4,5 Tagen in der IVIG-Gruppe entlassen werden.

Auch die Verträglichkeit von Infliximab war besser: Die Zahl der Patienten mit Nebenwirkungen war mit 44 % versus 67 % niedriger. Eine bekannte Komplikation von IVIG ist eine hämolytische Anämie: Bei 19 von 58 Patienten (33 %) kam es nach der Gabe von IVIG zu einem Abfall des Hb-Werts um mindestens 2g/dl (33 %) und 3 Patienten benötigten eine Transfusion.

Die Behandlung mit Infliximab führte nur bei 3 Patienten (7 %) zu einem Abfall des Hb-Werts, von denen keiner eine Transfusion benötigte. Weitere Vorteile von Infliximab sind die schnellere Verfügbarkeit und geringere Kosten der Behandlung.

Ob die Behandlung mit Infliximab auch die Entwicklung von koronaren Aneurysmen verhindert, konnte die Studie aufgrund einer kurzen Nachbeobachtungszeit nicht klären. Das einzige bisher aufgetretene Aneurysma war in der Infliximab-Gruppe aufgetreten.

Viele Zentren setzen Infliximab oder andere Biologika auch bei der MIS-C ein. Das kalifornische For­scher­team konnte kürzlich in einer Studie im Journal of Clinical Investigation (2021; 131: e147076) zeigen, dass beide Erkrankungen eine ähnliche Pathogenese haben.

Bei beiden Erkrankungen kommt es zu einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems. Eine Schlüsselrolle haben neutrophile Granulozyten, die das Zytokin Interleukin 1b freisetzen. Die Behandlung mit IVIG führt zu einem Untergang dieser Zellen, während Infliximab die Entzündungskaskade durch das Ausschalten des Tumor-Nekrose-Faktor alpha stoppt.

Eine weitere Option könnte die Behandlung mit dem Interleukin-1-Rezeptorantagonisten Anakinra sein, der die Kaskade der Entzündungsreaktion gleich an ihrem Beginn stoppt. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER