NewsVermischtes„13 Prozent der höchsten Stellen mit Frauen zu besetzen, ist deutlich zu wenig“
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„13 Prozent der höchsten Stellen mit Frauen zu besetzen, ist deutlich zu wenig“

Donnerstag, 25. November 2021

Berlin – Intransparente Vergabe vor Spitzenpositionen, große Unterschiede bei der Bezahlung, Chancen­ungleicheit bei der Qualifikation. Das sind nur einige Gründe für die mangelnde Repräsentanz von Frau­en im Gesundheitswesen, sagt die Ärztin Jana Aulenkamp.

Die Folgen seien nicht nur schlechtere Arbeitsverhältnisse für Frauen, sondern auch eine für Frauen nach­teilige Gesundheitsversorgung. Sie will das Problem gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen angehen und rät weiblichem Gesundheitspersonal, sich besonders im Bereich der digitalen Medizin einzubringen. Hier gebe es große Chancen für geschlechterspezifische Medizin und die Möglichkeit Technik besser an Nutzerinnen anzupassen.

5 Fragen an Jana Aulenkamp, Ärztin in Weiterbildung für Anästhe­siologie am Universitätsklinikum Essen und Lehrbeauftragte für „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ an der Hochschule Ravens­​burg-Weingartenin

DÄ: Sind Frauen momentan im Gesundheitswesen an den ent­schei­­denden Stellen ausreichend repräsentiert?
Jana Aulenkamp: Ich kann klar sagen: nein. Betrachtet man bei­spielsweise die höchsten Positionen in den Unikliniken, schaut sich an, wie viele Chefärztinnen und Lehrstuhlinhaberinnen es gibt, wird schnell klar, dass wir nicht von einer ausgeglichenen Repräsentation sprechen können.

13 Prozent der höchsten Stellen mit Frauen zu besetzen, ist deut­lich zu wenig. Die Gründe dafür sind vielfältig. In den Kliniken kann ich aus Erfahrung sagen, ist die Kultur häufig ein Problem. Der Aufbau ist häufig sehr hierarchisch und weder Frauen unter­stützend noch Frauen fördernd.

Schon in der Facharztausbildung kann es Frauen zum Verhängnis werden, wenn sie schwanger werden. Sie brauchen länger für ihre Weiterbildung, sodass es im Verlauf schwerer wird, ebenso viele Qualifika­tionen zu erwerben wie männliche Mitbewerber, die nicht durch Schwangerschaften ausfallen und meis­tens weniger zuhause bleiben, wenn Partnerinnen Kinder bekommen. Im Bereich der digitalen Medizin ist das Ungleichgewicht noch deutlich stärker ausgeprägt.

DÄ: Sie machen sich für mehr weibliches Engagement besonders im digitalen Bereich des Gesundheits­wesens stark. Welche Vorteile sehen Sie darin?
Aulenkamp: In einem diversen Team gibt es automatisch verschiedene Sichtweisen und Herangehens­weisen. Wenn nur Männer in einem Bereich arbeiten, werden bestimmte Perspektiven zwangsläufig nicht bedacht und wichtige Themen fallen hinten runter. Exemplarisch ist so eine fehlende Perspektive bei Künstlicher Intelligenz (KI) und dem Genderbias erkennbar.

KI lernt mit den Daten, die sie bekommt und berechnet darauf basierende Ergebnisse. Wenn beispiels­weise in die Datengrundlage nur Männer oder größtenteils Männer einbezogen werden, kann die KI auch nur für diese Gruppe Ergebnisse liefern. Dadurch ist diese KI nur an die medizinische Realität von Män­nern angepasst und würde zu einer Fehlversorgung bei Frauen führen. Wenn im Bereich der digitalen Medizin Frauen stärker vertreten wären, wäre es gleichzeitig unwahrscheinlicher, dass sie in einer Stu­dien­gruppe gar nicht oder unterrepräsentiert sind.

Darüber hinaus haben Frauen häufig andere Ansätze und Herangehensweisen, die an vielen digitalen Schnittstellen im Gesundheitssystem wichtig wären. Wenn Frauen an Datenprogrammierung, der Pla­nung und Organisation von Prozessen oder der Konfiguration von Managementsystemen beteiligt sind, können die Bedürfnisse von Nutzerinnen besser berücksichtig werden und Versorgungspfade daran an­ge­passt werden.

DÄ: Welche Bereiche der Medizin würden Sie als vorbildlich beschreiben, wenn es um die Teilhabe von Frauen geht?
Aulenkamp: Mir fallen kaum übergreifende Bereiche ein. Natürlich gibt es manche Fachrichtungen, wie die Allgemeinmedizin oder die Anästhesie, die dafür bekannt sind, dass die Arbeitszeiten verlässlich sind und dadurch an Attraktivität für Frauen gewinnen. Spitzenreiter mit 25 Prozent weiblichen Führungs­positionen sind lauf Ärztinnenbund die Fächer mit Fokus auf die seelische Gesundheit.

Es gibt sicher auch einige Unternehmen, Start-Ups und Forschungseinrichtungen, die eine Vorreiterrolle einnehmen. Doch ganze Bereiche, in denen es schon systemische Verbesserungen gegeben hätte um Frauen bis in die Führungsriege zu qualifizieren, gibt es meines Wissens bislang nicht.

Meist sind bei Positivbeispielen Frauen in Spitzenpositionen, die sich gezielt für Gleichberechtigung einsetzen oder auch Männer, die sich konkret dazu entschlossen haben, Frauen zu fördern. Herausstech­ende Rahmenbedingungen, die allen Frauen im Gesundheitswesen unabhängig vom Arbeitgeber zugute­kommen würden, gibt es bislang wenige.

DÄ: Halten Sie Quotenregelungen für ein geeignetes Mittel, um das System langfristig zu verändern?
Aulenkamp: Ich persönlich finde, es ist kein optimaler Weg, aber bislang der Einzige, der funktionieren könnte. Durch das System entsteht bislang zu wenig Handlungsdruck. Dieser Druck kommt bislang nur von einigen Führungskräften oder von einigen Frauen, die sagen, „Ich möchte mir das nicht mehr gefal­len lassen“, und es gibt nicht so viele, die sich das trauen.

Viele Mitarbeitenden im Gesundheitswesen sind in einem System sozialisiert worden, das auf Vorurteilen basiert. Etwa, dass Frauen gar nicht in Spitzenpositionen arbeiten wollen oder es gar nicht genug ausrei­chend qualifizierte Frauen gibt. Dabei wird nicht bedacht, dass manche Frauen in den aktuellen Struk­turen keine Spitzenposition bekleiden wollen, da sie sich flexiblere Modelle wünschen. Außerdem gibt es einen Gender-Pay-Gap im Gesundheitswesen, also Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld verdienen.

Es wird nicht hinterfragt, ob das System vielleicht darauf ausgelegt ist, dass Männer sich besser qualifi­zieren können. Und wichtige Prozesse, wie etwa die Vergabe von Oberarztstellen oder Projektbeteiligung, laufen oft intransparent ab, sodass das gefestigte System sich ohne Regulierung von außen selbst erhal­ten kann. Diese Fehlentwicklung lässt sich vorerst aus meiner Sicht nur mit einer Quote angehen.

DÄ: Kann es für Arbeitgeber zum Nachteil werden, wenn Sie das Thema Geschlechtergerechtigkeit ver­nach­lässigen?
Aulenkamp: Ich glaube, es spielt zunehmend eine Rolle. Viele Frauen schauen, ob sie sich in ein total männlich dominiertes Gebiet begeben wollen, wo ihnen wichtiger Austausch fehlt und natürlich schauen sie, ob sie überhaupt eine Perspektive haben, in diesem Bereich Karriere zu machen. Ich kenne auch Ärztinnen aus anderen Bereichen, die keine Perspektive gesehen haben und daraufhin gegangen sind.

Bei dem zunehmenden Fachkräftemangel müssen Arbeitgeber Eigeninitiative zeigen, und sich um Geschlechtergerechtigkeit kümmern. Ich persönlich erwarte das von Arbeitgebern und Vorgesetzten. Ich selber habe mir explizit einen Arbeitgeber ausgesucht, der mich in meinem Karriereweg fördern möchte und mir Flexibilität, jetzt und in Zukunft ermöglichen möchte.

Das wäre auch mein Appell an Arbeitgeber: Sich diesem Thema anzunehmen, es zu verstehen und sich Gedanken darum zu machen, wie sich Frauenförderung besser gestalten lässt. Wenn es in Teams immer nur eine Frau gibt, sollte ich mich als Vorgesetzter oder Arbeitgeber fragen, wie man das ändern kann.

Es gibt bereits einige Abteilungen und Kliniken, wo es schon erfolgreich gelungen ist, mehr Gerechtigkeit herzustellen und dort ist es sicherlich möglich Unterstützung und Tipps zu erhalten. Bei manchen Klini­ken und Unternehmen ist jedoch auch ein Wille zur Veränderung da und es scheitert schließlich am letz­ten Schritt der Umsetzung, der nicht gegangen wird. Es ist schwierig die individuellen Gründe heraus­zufinden, jedoch lohnt es sich für die Mitarbeitendenzufriedenheit, die sich sicherlich auf die Versorgung auswirkt, das Thema nicht einfach aufzugeben. © alir/aerzteblatt.de

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