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Ärzteschaft

„Das Wirtschaftlichkeits­gebot muss von einem Nachhaltigkeitsgebot flankiert werden“

Donnerstag, 4. November 2021

Nürnberg – Der 125. Deutsche Ärztetag hat sich intensiv mit den Folgen des Klimawandels für die Gesundheit und Fragen der Nachhaltigkeit be­fasst. Früh engagiert haben sich beim Thema die Anäs­the­sisten. Der Berufsverband Deutscher Anästhe­sis­ten (BDA) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhe­siologie und Intensivmedizin (DGAI) hatten im vergangenen Jahr bereits ein Positionspapier heraus­gege­ben, in dem sie für ihren Fachbereich mehr Nach­haltigkeit postulieren.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt Martin Schuster, aufseiten des BDA Vorsitzender des gemeinsam mit der DGAI geführten Forums Nachhaltigkeit in der Anästhesio­logie, wie „Green Teams“ in den Krankenhäu­sern den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren und weshalb ein Nachhaltigkeits­gebot in die deutschen Sozialgesetzbücher aufgenommen werden muss.

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Fünf Fragen an Martin Schuster, Berufsverband Deutscher Anästhesisten

DÄ: Weshalb engagiert sich der BDA im Bereich der Nachhaltig­keit?
Schuster: Die Folgen des Klimawandels und der Umweltver­schmut­zung bedrohen das Wohlergehen und die Gesundheit der aktuellen wie aller zukünftigen Generationen. Als Ärztinnen und Ärzte liegt der Fokus unseres Handelns immer auf dem Wohler­gehen der Menschen. Darum können wir den Klimawandel nicht ignorieren.

Als Anästhesisten, Intensiv- und Notfallmediziner sind wir aber schon jetzt in erheblichem Ausmaß mit den Folgen von Hitzewel­len und sonstigen Extremwetterereignissen konfrontiert. Da be­steht also auch eine unmittelbar berufliche Betroffenheit.

Zuletzt sind wir aber, wie alle Mitwirkenden im Gesundheitswe­sen, auch für erhebliche CO2-Emissionen verantwortlich, die es zu reduzieren und schließlich ganz zu vermeiden gilt.

DÄ: Was hat der BDA in diesem Bereich bereits erreicht?
Schuster: Mit dem Positionspapier „Ökologische Nachhaltigkeit in der Anästhesiologie und Intensivmedi­zin“ haben BDA und DGAI als zwei der ersten Fachgesellschaften umfangreiche und detaillierte Hand­lungs­empfehlung veröffentlicht, wie wir als Anästhesisten bei der Wahl unserer Medikamente und Sach­artikel, bei der Abfallverminderung und bei der Vermeidung fossiler Energiequellen konsequent CO2-Emissionen reduzieren können.

Zugleich nehmen wir die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Menschen und die Gesundheitsversorgung als Ganzes in Forschung, Aus- und Weiterbildung in den Fokus.

DÄ: Sie fordern die Aufnahme eines Nachhaltigkeitsgebots in das SGB V. Wie stellen Sie sich dies konkret vor?
Schuster: Das Wirtschaftlichkeitsgebot muss nicht nur im SGB V, sondern auch in den anderen Sozialge­setzbüchern, zum Beispiel in der Rehabilitation oder in der Pflege, von einem Nachhaltigkeitsgebot flankiert werden.

Da damit zu rechnen ist, dass dadurch tiefgreifende Veränderungen bewirkt werden, die auch mit einer veränderten Kostenverteilung im Gesundheitswesen einhergehen, müssen die entsprechenden Stake­holder und ihre Vertreter, also Krankenhausgesellschaften, Krankenkassen und Länder, in diesen Prozess eingebunden werden. Angesichts der Tatsache, dass die mit Abstand unwirt­schaftlichste aller Lösungen ist, nicht auf die Klimakrise zu reagieren, ist hier von Verhandlungs- und Kompromissbereitschaft aller auszugehen.

England macht es vor: Im letzten Jahr hat der National Health Service 1,3 Megatonnen CO2 eingespart und seine Zulieferer auf die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien verpflichtet.

DÄ: Welche Auswirkungen hätte die Aufnahme eines Nachhaltigkeitsgebots in das SGB V?
Schuster: Diese Frage ist gegenwärtig noch nicht exakt zu beantworten. Klar ist allerdings: Wenn nach­haltig eingekauft werden muss, reduziert sich der Teil der Kosten, der in Form von Umweltschäden und daraus resultierenden Krankheiten in andere Teile der Welt oder in die Zukunft externalisiert wird. Das ist gesamtwirtschaftlich und vor allem medizinisch sinnvoll, führt aber bei den Einkäufern wahrscheinlich zunächst zu einer Mehrbelastung. Also erhöhen sich die Kosten des laufenden Betriebs.

Auf der anderen Seite stehen aber auch direkte Kosteneinsparungen durch niedrigere Betriebskosten, wenn Energieverbräuche sinken oder Energie lokal per Photovoltaik zu circa sieben Cent pro Kilo­watt­stunde erzeugt wird. Insgesamt illustriert dies eine Neuverteilung von Kosten, die am Ende gerechter ist und dazu beträgt, durch Klimaschutz und Ressourcenschonung weniger Krankheiten zu verursachen.

Dafür braucht es eine Reform, die Nachhaltigkeit und Systemfunktionalität miteinander versöhnt. Die Herausforderung besteht für alle darin, den Blick zu lösen von scheintrügenden Jahresbilanzen, um eine Vision für die kommenden Dekaden zu entwickeln.

DÄ: Welche weiteren Pläne hat der BDA im Bereich der Nachhaltigkeit?
Schuster: Es entstehen nun in zahlreichen Krankenhäuser sogenannte Green Teams, die sich, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fächern und Mitarbeitern aus der Verwaltung und Technik, für die Umsetzung konkreter Maßnahmen einsetzen. Wir hoffen hier auf eine wirkliche Graswurzel­bewegung, mit der wir auch viele jungen Kolleginnen und Kollegen einbinden wollen.

Im Moment sind das Gesundheitswesen und vor allem die Krankenhäuser eher nicht in einer Vorreiter­position, was die Umsetzung der Klimaziele angeht. Wenn wir die Pariser Klimaziele ernstnehmen und den Ausstoß der Treibhausgase bis 2030 um 65 Prozent reduzieren wollen, um bis 2050 klimaneutral zu werden, müssen wir wirklich sehr aktiv und sehr kreativ werden. Eine Alternative sehe ich nicht. © fos/aerzteblatt.de

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