NewsPolitikSpahn stößt Debatte über Impfzentren und Auffrischimpfungen an
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Spahn stößt Debatte über Impfzentren und Auffrischimpfungen an

Montag, 1. November 2021

/ picture alliance, Rupert Oberhäuser

Berlin – Angesichts einer steigenden Zahl an Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 gewinnt die Debatte um Auffrischim­pfungen gegen das Coronavirus an Fahrt. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plädiert nun für einen Bund-Länder-Gipfel zum Boostern und ruft die Bundesländer dazu auf, die erst kürzlich geschlossenen Impfzentren wieder aufzumachen.

„Um möglichst vielen möglichst schnell eine Auffrischungsimpfung zu ermöglichen, sollten die Länder die Impfzentren, die sie seit Ende September in Standby bereithalten, nun wieder startbereit machen“, sagte er der Rheinischen Post. Zudem riet Spahn dazu, in einem ersten Schritt alle Menschen über 60 Jahren schriftlich zur Impfung einzuladen.

Hintergrund ist, dass mehr Menschen eine Auffrischungsimpfung – die Boosterimpfung – gegen die nachlassende Wirkung des Impfstoffs wahrnehmen sollen. Am Wochenende hatte Spahn auch einen Gipfel zum Thema Auffrischungsimpfungen von Bund und Ländern gefordert.

„Aktuelle Daten aus Israel zeigen, dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen“, sagte er der Bild am Sonntag. Sein Ministerium hatte zudem noch einmal darauf hingewiesen, dass grundsätzlich alle Bürger laut Impfverordnung einen Anspruch auf eine Auf­frischungsimpfung haben.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Auffrischung unter anderem für Menschen ab 70 Jahren, Bewohner und Betreute in Pflegeeinrichtungen für alte Menschen, Pflegepersonal mit einem direkten Kontakt zu alten Menschen und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) zeigte sich in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ skeptisch, ob ein Bund-Länder-Gipfel zum Thema Boosterimpfung Sinn macht. „Wenn wir dort nicht zum Plaudern zusammenkommen wollen, dann frage ich, was wollen wir denn verabreden und was bietet uns der Bundesgesundheitsminister an? Wir sind dabei, die Booster-Impfungen durchzusetzen. Wir haben die Ältesten schon wieder eingeladen“, sagte Müller.

Die Frage sei, was Spahn konkret besprechen wolle. „Dazu habe ich noch nichts gehört.“ Er erwarte, dass der Minister sage, welchen Plan er für die schwierigen nächsten Monate habe, erklärte Müller.

Hingegen sagte Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) in der ARD-Sen­dung „Bericht aus Berlin“, wenn es notwendig erscheine, dass Bund und Länder sich treffen, dann solle das auch gemacht werden, unabhängig davon, welche Regierung künftig im Amt sei. „Corona ist eine gemeinsame nationale Aufgabe, und die haben wir immer parteiübergreifend gelöst.“

Auch CSU-Chef Markus Söder und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatten am Wochenende einen Gipfel von Bund und Ländern zu Corona gefordert.

Die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuletzt auf rasche Maßnahmen gedrungen, mit denen eine Überlastung des Gesundheitssystem vermieden werden kann. Diese Frage könne nicht von der Übernahme einer neuen Regierung abhängig gemacht werden, sagte Merkel gestern in Rom. In den Bundesländern gebe es „sehr unterschiedliche Situationen“, mit den Ländern müsse jetzt noch einmal gesprochen werden.

Mit Blick auf einen möglichen Bund-Länder-Gipfel bereits in der kommenden Woche fügte Merkel hinzu: „Wir werden sprechen, auf welcher Ebene auch immer.“Merkel nannte den Anstieg der Infektionen „sehr besorgniserregend“. Deshalb könne es sein, dass die scheidende Bundesregierung erneut handeln müsse.

Mit Blick auf die vielfach geforderten Auffrischungsimpfungen sagte sie, es sei niemand daran gehindert, eine solche machen zu lassen. „Auf jeden Fall müsse wir etwas tun, dass die dritte Impfung erfolgt.“ Die amtierende Regierungschefin fügte hinzu: „Die Pandemie ist jetzt im Wesentlichen eine Pandemie der Ungeimpften.“

Der amtierende Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte in Rom: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Es müsse jetzt das Notwendige getan werden, „dass wir die Coronapandemie im Griff behalten“. In einer Si­tuation, in der sehr viele Bürgern geimpft seien, könne nicht mehr mit Maßnahmen wie einem Lockdown reagiert werden. Es sollten sich noch möglichst viele von einer Coronaimpfung überzeugen lassen.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen zeigte sich unzufrieden mit dem Verlauf der Corona­impfungen in den Praxen der niedergelassenen Ärzte. „Nach der Schließung der meisten Impfzen­tren erfüllen die Praxen die in sie gesetzten Erwartungen erkennbar nicht, weder bei den Erst- noch bei den Boosterimpfungen“, sagte Dahmen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Das Tempo bei den Erst- und Zweiimpfungen und beim Boostern reicht nicht aus.“ Der Grünen-Politiker betonte: „Wenn das Impftempo in der Regelversorgung der Praxen nicht ausreicht, werden wir endlich auch an anderen Stellen, bei­spiels­weise Apotheken, impfen müssen.“

Der Ansicht von Dahmen widerspricht das Zentral­institut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Laut Zi ist die Zahl der Impfstoffbestellungen in Arztpraxen erstmals seit Anfang August wieder auf mehr als eine Million Dosen pro Woche gestiegen. Zudem liegen die verabreichten Boosterimpfungen nun bei mehr als 100.000 Dosen täglich.

Wenn dieser Wert gehalten werde, könne das Impfziel bis Jahresende erreicht werden, prognostiziert das Institut. „Von einer schleppenden Umsetzung der Boosterimpfkampagne durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, wie vereinzelt von Gesundheitspolitikern behauptet wird, kann keine Rede sein“, sagte der Zi-Vor­stands­vorsitzende Dominik von Stillfried.

Der seit zweieinhalb Wochen anhaltende Anstieg der 7-Tage-Inzidenz in Deutschland setzt auch heute weiter sich fort. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche heute Morgen mit 154,8 an. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 149,4 gelegen, vor einer Woche bei 110,1.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 9.658 Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 3.23 Uhr wiedergeben. Vor einer Woche hatte der Wert bei 6.573 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 23 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 17 Todesfälle gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 4.607.208 nach­gewiesene Infektionen mit SARS-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Coronapatienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – den für eine mögliche Verschärfung der Coronabeschränkungen wichtigsten Parameter – hatte das RKI am vergangenen Freitag mit 3,50 angegeben (Donnerstag: 3,31, Mittwoch: 3,07). Am Samstag und Sonntag wird der Wert nicht veröffentlicht.

Bei dem Indikator muss berücksichtigt werden, dass Krankenhausaufnahmen teils mit Verzug gemeldet werden. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitali­sierungsinzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 4.286.900 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteili­gung einer nachgewiesenen Infektion mit SARS-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 95.752. © afp/dpa/may/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER