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Politik

Sorge vor erneuter Zuspitzung der Coronakrise

Mittwoch, 3. November 2021

Jens Spahn, (rechts, CDU) geschäftsführender Bundesgesundheitsminister, Lothar H. Wieler (Mitte), Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), und Leif Erik Sander (links), Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung der Berliner Charité /picture alliance, Kay Nietfeld

Berlin – In der Coronakrise wachsen die Sorgen vor einer neuen Zuspitzung der Lage vor allem in Pfle­ge­heimen und Regionen mit rasant steigenden Infektionszahlen. Die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte zu erhöhter Vorsicht und warb erneut dringend für mehr Impfungen – auch als Auffrischung bei älteren Menschen.

Sie machte klar, dass bei kritischen Entwicklungen regional mit Auflagen gegengesteuert werden müsse, die nur bei Nicht-Geimpften möglich sind. Menschen mit vollständigem Impfschutz sollten davon aus­ge­nommen werden.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dringt weiter auf mehr Tempo bei Impfverstärkungen („Booster“) auf breiter Front und will mit Vertragsärzten und den Ländern über konkrete Lösungen beraten.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, warnte heute vor einer weiteren Verschär­fung der Situation. „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, wird diese vierte Welle wieder viel Leid bringen.“ Sie entwickle sich leider wie befürchtet, da nicht genügend Menschen geimpft seien und Verhaltenshin­weise nicht mehr ausreichend umgesetzt würden.

Regierungssprecher Steffen Seibert machte deutlich: „Die Pandemie ist nicht etwa, wie man­cher vielleicht im Sommer gedacht hat, am Abklingen, sondern sie fordert uns jetzt und in den kommen­den Wochen wieder mit großer Wucht heraus.“ Laut RKI sind sind noch 16,2 Millionen Nicht-Geimpfte über 12 Jahre – davon 3,2 Millionen über 60 und damit besonders gefährdet.

Vereinbarte Zugangsregeln zu Innenräumen nur für Geimpfte, Genesene und Getestete (3G) müssten konsequent kontrolliert werden, ließ Merkel erklären. Zu weitergehenden Maßnahmen verwies Seibert darauf, dass 55,6 Millionen Menschen vollständig geimpft seien. „Niemand plant für sie jetzt weitere Beschränkungen.“

Wenn sich die Lage regional zuspitze, seien weitere Beschränkungen nur bei Nicht-Geimpften möglich. Dies führe logisch zu 2G-Regeln, also Zugang nur für Geimpfte und Genesene. Auch Spahn will mit den Bundesländern darüber sprechen, die Kontrollen zu den 3G-Nachweisen in Innenräumen zu verschärfen.

Der geschäftsführende Minister forderte mehr Tempo bei den Auffrischimpfungen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. „Die Pandemie ist nicht vorbei“, sagte er in Berlin. „Wir erleben vor allem eine Pandemie der Ungeimpften – und die ist massiv.“

Auf der am morgigen Donnerstag und Freitag tagenden Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder, soll darüber beraten werden, dass alle Bundesländer Menschen ab 60 Jahren anschreiben und darauf hinweisen.

So kritisierte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB), dass viele Menschen nichts von einer Auf­frisch­ungsimpfung wissen. „Man darf nicht einfach davon ausgehen, dass die Leute schon Bescheid wissen“, sagte die MB-Vorsitzende Susanne Johna. Darüber hinaus sei eine Auffrischung auch für alle anderen möglich, die Zulassung des Impfstoffes sei so ausgerichtet.

Gespräche mit Ärztevertretern

Mit Blick auf die Praxen sagte Minister Spahn: „Zu viele Impfwillige finden aktuell keinen Arzt, der sie impft.“ Er wolle am morgigen Donnerstag mit Ärztevertretern über Lösungen sprechen, möglicherweise auch ein gemeinsames Schreiben an die Ärzteschaft verfassen. Wichtig seien daneben öffentliche Ange­bote – es müssten auch nicht unbedingt die großen Impfzentren sein, machte Spahn nach breiter Kritik aus den Ländern an einem Vorstoß dazu klar.

In vielen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) regt sich Widerstand gegen die allgemeine Öffnung von Impf­zentren. So hält die KV Hamburg das für überflüssig. Die für ältere und immungeschwächte Men­schen empfohlenen Auffrischungsimpfungen könnten von den Arztpraxen und bestehenden Einrichtun­gen übernommen werden, erklärte der KV-Vorsitzende, Walter Plassmann.

Dabei sei zu berücksichtigen, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) empfehle, die Auffrischungs­impfung erst sechs Monate nach der Zweitimpfung in Anspruch zu nehmen. Es müssten also nicht schlagartig Hunderttausende von Menschen geimpft werden, sondern es gebe einen kontinuierlichen Fluss von Impfberechtigten.

„Das ist ohne Weiteres in den Hamburger Arztpraxen und mit den weiteren Impfangeboten der Stadt und der Krankenhäuser zu bewältigen“, erklärte Plassmann. Er erinnerte daran, dass die Impfzentren in Deutschland errichtet worden seien, um die Priorisierung der Impfstoffzuteilung zu organisieren. Eine solche Mangelsituation gebe es jetzt aber nicht mehr.

Der Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie an der Berliner Charité, Leif Erik Sander, erklärte bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Minister Spahn und RKI-Präsident Wieler, dass aus seiner Sicht der Schutz nach einer dritten Impfung sogar höher liegen könne als nach der zweiten.

„Deswegen gehe ich fest davon aus, dass sich für die mRNA-Impfstoffe über kurz oder lang ein Drei-Do­sis-Regime etablieren wird und wir im Verlauf auch allen Erwachsenen eine Booster-Impfung anbieten werden“, sagte er. Sander verwies darauf, dass Studien aus Israel einen nach der dritten Impfung um das 20-Fache erhöh­ten Schutz belegten.

Auf der anderen Seite gibt es nach seinen Angaben gerade bei Älteren klare Erkenntnisse über einen nachlassenden Impfschutz: 40 Prozent der Menschen über 70 Jahren wiesen nach sechs Monaten keine neutralisierenden Antikörper gegen die Delta-Variante mehr auf. Die nachlassende Schutzwirkung der Vakzine war Sander zufolge „vollkommen erwartbar“.

Wiederholt hat die geschäftsführende Regierung schon angeboten, dass Merkel für eine Abstimmung mit den Ministerpräsidenten bereit stehe – doch das Echo aus mehreren Ländern ist vorerst reserviert. Nun soll die GMK abgewartet werden, wie Seibert sagte. Möglicherweise könne kommende Woche eine Ab­stimmungsrunde stattfinden.

Spahn warb schon jetzt dafür, Entscheidungen so auf eine möglichst breite Basis zu stellen. Dies sei jetzt in der Übergangsphase bis zum Start der neuen Bundesregierung sinnvoll, um eine einheitliche Kommu­nikation und damit Akzeptanz und auch Verhaltensänderungen zu erreichen. „Jede Ministerpräsidenten­konferenz der vergangenen 19 Monate hat der Situation Nachdruck verliehen, hat zur Verbindlichkeit und auch zur Akzeptanz geführt“, erklärte Spahn.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte: „Wir müssen eine gemeinschaftliche Linie in der Coronabekämpfung haben.“ Er warnte vor einer Überlastung der Krankenhäuser. Die Situation in den Kliniken sei „sehr, sehr besorgniserregend“, sagte er in München.

Hessen kündigte derweil eine tägliche Testpflicht für das nicht geimpfte Personal in Kliniken und Pflege­heimen an und folgte damit dem Beispiel von Rheinland-Pfalz. Auch Sachsen prüft angesichts steigender Coronazahlen Einschränkungen für Ungeimpfte.

Die schwarz-rot-grüne Regierung will landesweit in bestimmten Bereiche wie der Innengas­tro­nomie die 2G-Regel einführen, wie ein Sprecher des Sozialministeriums in Dresden sagte. Das sehen die Eckpunkte für die neue Coronaschutzverordnung vor, die am kommenden Freitag abschließend beraten werden und am Montag in Kraft treten soll.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte bereits in der vergangenen Woche erklärt, dass 2G „jetzt zwingendes Muss“ sei. Kretschmer selbst befindet sich wegen eines Coronafalls im familiä­ren Umfeld in häuslicher Quarantäne.

Bislang galt 2G – Einlass nur für Geimpfte und Genesene – in Sachsen als Optionsmodell. Kinder und Jugendliche sowie Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, sollen dem­nach von einer verschärften 2G-Regelung weiter ausgenommen sein. © afp/dpa/bee/aerzteblatt.de

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