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Ärzteschaft

Deutscher Ärztetag: Gesundheitswesen soll bis 2030 klimaneutral sein

Dienstag, 2. November 2021

/Jürgen Gebhardt

Berlin – Der 125. Deutsche Ärztetag hat an alle Entscheidungsträger im Gesundheitswesen appelliert, die notwendigen Maßnahmen in Angriff zu nehmen, um bis zum Jahr 2030 eine Klimaneutralität für das deutsche Gesundheitswesen zu erreichen.

Ein zwingender erster Schritt dafür sei die Initiierung der er­for­derlichen rechtlichen Rahmenbedingun­gen, die Benennung von Klimabeauftragten und die Verab­schiedung von Klimaschutzplänen in allen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens.

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Wie der Lancet Policy Brief 2019 ergeben habe, sei der deutsche Gesundheitssektor für die Emission von 70 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten verantwortlich. Das seien 5,2 Prozent der gesamten Emissionen Deutschlands.

„Das Gesundheitswesen hat daher ein beträchtliches Potenzial, selbst einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten“, betonten die Delegierten des Ärztetags. „Dies beinhaltet, CO2-Emissionen von Gebäuden und Liegenschaften von Krankenhäusern zu reduzieren, ressourcensparend mit diagnostischen und therapeu­ti­schen Substanzen während des gesamten Prozesses (Herstellung, Transport, Distribution, Verwendung und Entsorgung) umzugehen, aber beispielsweise auch hoch klimaschädliche Narkosegase und Asthma­in­halatoren durch klimafreundlichere zu ersetzen.“

Klimaneutrale Bundesärztekammer

Dabei will die Ärzteschaft ihren Beitrag leisten, um bis zum Jahr 2030 ein klimaneutrales Gesundheits­wesen zu erreichen. So hat der Ärztetag das Ziel des Vorstands der Bundesärztekammer (BÄK) befür­wor­tet, die Geschäftsstelle inklusive der Gremiensitzungen sowie das Verwaltungshandeln der BÄK bis zum Jahr 2030 klimaneutral auszugestalten.

In diesem Zusammenhang unterstützten die Delegierten die vom BÄK-Vorstand im August 2021 gefasste Erklärung „Klimaneutrale Bundesärztekammer bis zum Jahr 2030“. Geprüft werden soll demnach eine emissionsarme Mobilität sowohl der hauptamtlichen Mitarbeiter der BÄK als auch der ehrenamtlich en­gagierten Ärztinnen und Ärzte und eine Verringerung des Reiseaufwands durch eine stärkere Nutzung von Telefon- und Videokonferenzsystemen.

Darüber hinaus soll es eine Fokussierung auf Regiona­lität, Saisonalität, Klimaschutz und Nachhaltigkeit beim Angebot in der Kantine geben, die Förderung einer papierarmen und ressourcenschonenden Arbeit, die Umsetzung der Zielsetzung „Klimaneutralität" bei einem Neu- beziehungsweise Umbau eines Kammergebäudes sowie die Nutzung nachhaltiger Energieressourcen für Strom, Heizung, Lüftung und Kühlung.

Konkrete Maßnahmen benennen

„Zum Erreichen der Klimaschutzziele muss jeder Sektor beitragen“, heißt es in dem entsprechenden Beschluss der Delegierten. „Viele Einrichtungen des Gesundheitssektors, auch Landesärztekammern, haben sich in den letzten Jahren auf den Weg gemacht, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren und klima­freundlicher zu werden. Die Bundesärztekammer signalisiert mit der Erklärung ihre Bereitschaft, Verant­wortung zu übernehmen und eine Vorbildfunktion insbesondere bezüglich des vorgesehenen Zeitrah­mens wahrzunehmen.“

Zudem forderte der 125. Deutsche Ärztetag, dass alle im Gesundheitswesen Tätigen einen konkreten Beitrag zum Klimaschutz leisten. „Eine konkrete Umsetzung ist möglich, indem alle Ärztekammern eine Erklärung zum Klimaschutz abgeben, welche mit konkret zu benennenden Maßnahmen zu untersetzen ist, und alle Berufsverbände und Fachgesellschaften Vorschläge für die Fachgebiete erarbei­ten, an wel­chen Stellen im klinischen und ambulanten Alltag sie konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz beitra­gen können“, erklärten die Delegierten.

Ärzte als Vorbilder

Zugleich sprachen sich viele Delegierte bei der Diskussion des Themas dafür aus, dass Ärzte beim Klimaschutz als Vorbilder agieren. „Die Ärzteschaft ist gefordert. Das heißt, jeder einzelne von uns ist in seinem persönlichen Lebensstil gefordert“, sagte der Präsident der Bayerischen Landesärzte­kammer, Gerald Quitterer. „Wir Ärztinnen und Ärzten tragen beim Klimaschutz Verantwortung. Und wir nehmen diese Verantwortung auf.“

„Die Frage ist: Wo stehe ich persönlich? Was sind meine persönlichen Maßnahmen, um das Klima zu schützen?“, meinte der hessische Delegierte Lars Bodammer. Dabei müsse man bereit sein zum selbst­kritischen Umgang mit dem Thema. Und Hans Ramm, Delegierter aus Hamburg, betonte: „Wir müssen unser Leben umstellen und wir müssen unsere Patienten mitnehmen. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher.“

„Wir alle können schon heute an unseren Arbeitsplätzen etwas für den Klimaschutz tun: in den Kranken­häusern, in den Praxen“, betonte Christian Schwark, Delegierter aus Hessen. „Wir können dafür sorgen, dass nachts die Computer ausgeschaltet werden, dass nachts nur die Räume klimatisiert sind, die auch klimatisiert werden müssen, dass die Heizungen an den jeweiligen Bedarf angepasst werden.“

Förderung für mehr Klimaschutz

Darüber hinaus riefen die Delegierten des Ärztetages den Gesetzgeber dazu auf, umweltverträgliches Verhalten in Kliniken und Praxen im Sinne des Klimaschutzes zu fördern. Von Krankenhäusern und Pra­xis­inhabern forderten sie, vermehrt auf nachhaltiges und umweltfreundliches Wirtschaften zu achten.

„Im deutschen Gesundheitssystem fallen jedes Jahr große Abfallmengen an“, heißt es zur Begründung. „Durch die Nutzung recycelbarer Materialen anstelle von Einweginstrumenten und Wegwerfartikeln kann der Müll deutlich reduziert werden.“

Zudem könne durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeits­aspekten bei der Produkt- und Lieferanten­aus­wahl eine deutliche Verbesserung der Klimabilanz des Gesundheitssektors erreicht werden. „Dies wirkt sich nicht nur positiv auf die Emissionsreduzierung aus, sondern kann auch die Identifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber erhöhen“, betonten die Delegierten.

Im Allgemeinen verursache umweltzuträgliches Verhalten aber höhere Kosten, die dann auf die Praxis­inhaber oder Klinikträger zurückfielen. „An vielen Stellen wird Umweltschutz bereits staatlich gefördert, beispielsweise mit dem Umweltinnovationsprogramm des Bundesumweltministeriums auf Unterneh­mens­ebene oder bei der Bezuschussung von Solarpanelen und Elektroautos auf Individualebene“, erklär­ten die Delegierten. Ähnliche Programme brauche es auch für den stationären und ambulanten Sektor, um den Klimaschutz im Gesundheitssektor vorantreiben zu können.

Reduktion von Abfall und Energie

Die Klinikbetreiber forderte der Ärztetag auf, Klimaschutzkonzepte zur Reduktion von Energieverbrauch, Material, Abfall und weiteren Ressourcen zu entwickeln. Hierzu sei es für jeden Krankenhausträger nötig, seine verbrauchsintensiven Prozesse zu analysieren und Verbesserungen umzusetzen. „Zur Umsetzung bedarf es einer dauerhaften personellen Besetzung durch Klimaschutzbeauftragte in den Krankenhäu­sern“, betonten die Delegierten.

Zudem forderten sie die Kassenärztlichen Vereinigungen auf, Konzepte für klimaneutrale Praxen auszu­arbeiten und entsprechende Beratungsangebote mit Berücksichtigung von Fördermaßnahmen zu ent­wickeln.

„Eine eigene Praxis klimaneutral zu gestalten, kostet Geld und Investitionsmittel sowie viel spezifisches Wissen“, heißt es zur Begründung. „Deutschlandweit haben bereits mehrere Praxen im Rahmen von Leucht­­turmprojekten eine klimaneutrale Praxis geschaffen.“ Durch flächendeckende Konzepte zur Gestal­tung von klimaneutralen Praxen könnten Leuchtturmpraxen ihre Erfahrungen teilen und andere Praxen unterstützen.

Wiederverwendbare Medizinprodukte

Darüber hinaus forderten die Delegierten die Bundesregierung auf, Medizinproduktehersteller zur Ent­wicklung und Produktion wiederverwendbarer Medizinprodukte zu verpflichten, deren Aufbereitung den notwendigen hygienischen Standards gerecht wird.

„Gerade in materialintensiven Bereichen der medizinischen Versorgung wie zum Beispiel in der Intensiv­medizin, Gastroenterologie und anderen dominiert eine unverhältnismäßige Ausweitung von klima- und umweltschädlichen Einmalmaterialien“, heißt es zur Begründung.

Selbst die Hinwendung zu klimafreund­lichem Verhalten durch Anwender, wiederverwendbare Materia­lien einzusetzen und zu ordern, scheitere an der zunehmenden Verknappung entsprechender Angebote und auch an der fehlenden Entwicklung adäquater Produkte.

„Viele Medizinprodukte und Arzneimittel erreichen Deutschland über komplizierte Lieferketten“, sagte Birgit Wulf, Delegierte aus Hamburg. „Viele Arzneimittel werden in Indien hergestellt. Wir achten sehr darauf, dass diese Arzneimittel sicher sind. Wir sollten auch darauf achten, dass dies unter Standards des Umweltschutzes und der Arbeitssicherheit geschieht. Wir als Ärzte sollten konkret darauf Einfluss nehmen.“ © fos/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 3. November 2021, 14:06

Schaufensterdebatte

Angesichts der drängenden Probleme im Gesundheitswesen - Bezahlbarkeit, Digitalisierung, Personalmangel etc pp - ist eine zusätzliche Klimadebatte für das Gesundheitswesen überflüssige Verschwendung von Zeit und Ressourcen!. Viel wichtiger wäre doch die Vorbereitung des Gesundheitswesens auf die Folgen des durch Europa alleine nicht zu bremsenden Klimawandels , nicht um einen 0.0001%-Beitrag zu den weltweiten CO2-Emissionen.
zB müssen zukünftig Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeheime zwingend über Klimaanlagen verfügen - um den klimaneutralen Strom dafür soll sich gefälligst die Politik kümmern!
Ich fürchte, die Klimahysteriepolitik der BÄK soll hier nur ein paar hochdotierte Posten für Funktionäre neu zu gründender Abteilungen auf unsere Kosten schaffen!
LNS
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