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„Nur, wenn jeder die Umstellung verinnerlicht, kann sie auch nachhaltig sein“

Mittwoch, 17. November 2021

Berlin – Der 125. Deutsche Ärztetag hat Anfang November an alle beteiligten Akteure appelliert, eine Klimaneutralität des Gesundheitswesens bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin hat sich bereits Mitte der 1990er-Jahre auf den Weg zur Klimaneutralität gemacht. Bis 2030 will das Krankenhaus als „Climate Friendly Hospital“ das erste wirklich klimaneutrale Kranken­haus in Deutschland werden.

Der Pneumologe Christian Grah koordiniert den Transformationsprozess. Dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt er, welche Maßnahmen den größten Effekt haben und was Ärzte tun müssen, wenn sie den Aus­stoß von Treibhausgasen in ihrem Krankenhaus reduzieren wollen.

5 Fragen an Christian Grah, Koordinator des Transformations­pro­zesses Klimaneutralität am Klinikum Havelhöhe, Berlin.

DÄ: Bereits in den 1990er-Jahren hat das Gemeinschaftskran­ken­haus Havelhöhe damit begonnen, seinen Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Was haben Sie bis heute erreicht?
Christian Grah: Im Jahr 1995 haben wir einen Arbeitskreis Ökolo­gie gebildet, der Maßnahmen zur ökologischen Transformation des Unternehmens vorbereitet hat. Dabei haben wir zunächst die Fehler in der Energie­wirtschaft entdeckt und schrittweise beho­ben. Dazu zählten zum Beispiel die Umstellung von Heizöl auf Erdgas, das Beziehen von Ökostrom und die energetische Sanie­rung unserer Gebäude. Zwischen 1995 und 2018 haben wir unse­ren CO2-Ausstoß um fast 70 Prozent reduziert.

DÄ: Welche Maßnahmen haben bei der ökologischen Transforma­tion den höchsten Effekt?
Grah: Entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung des Transfor­ma­tionsprozesses war es, den Arbeits­kreis mit der Geschäfts­füh­rung, dem Technischen Leiter und einer ärztlichen Vertretung zu besetzen. Ebenso wichtig ist es, die Mit­arbeiter in dem Transformationsprozess mitzunehmen. Man muss alle mit ins Boot holen, die Hausleitung ebenso wie die Reinigungskraft. Denn nur, wenn jeder die Umstellung versteht und verinnerlicht, kann sie auch nachhaltig sein.

DÄ: Welche Pläne haben Sie für die nächsten Jahre?
Grah: Bis zum Jahr 2030 wollen wir auch die letzten 30 Prozent an Treibhausgasen einsparen, die uns bis zur Klimaneutralität noch fehlen. Dafür haben wir 14 Tätigkeitsfelder definiert, in denen wir eine CO2-Reduktion erreichen wollen: Von der Mobilität über Nahrungsmittel und Einkauf bis zu Medikamenten und Klimasprechstunden.

Zurzeit planen wir die vollständige Umstellung auf einen regenerativen Ener­gie­bezug und eine Eigen­stromversorgung. In konkreter Vorbereitung hierfür ist eine Photovoltaikanlage auf den Dächern des Kran­­kenhauses. Zusätzlich prüfen wir die Hinzunahme einer Windenergieanlage und den Aufbau von Kraft-Wärme-Kopplungssystemen.

Wir möchten eine möglichst autarke Energiegewinnung realisieren, weil wir es für uns als Gesundheits­einrichtung als unsere Verantwortung sehen, weitsichtige Lösungen für Energiefragen zu schaffen und alle ökologischen Kreislaufprozesse mit einzubeziehen. So wäre es auch denkbar, zum Beispiel Biogas durch eigene Essensabfälle zu produzieren. Ökologisches Denken in Kreisläufen sollte in Gesundheits­ein­rich­tungen weiterentwickelt werden, um der Gesellschaft vorbildhaft zu sein.

DÄ: Der Deutsche Ärztetag hat vor ein paar Wochen eine Klimaneutralität des deutschen Gesundheits­wesens bis 2030 gefordert. Wie kann es gelingen, dieses Ziel zu erreichen?
Grah: Transformatives Handeln sollte in Krankenhäusern zur Unternehmenskultur werden. Dafür brau­chen wir Beratungen und Schulungen.

Wir brauchen aber auch einen Rahmen, der diesen Prozess kana­lisiert. Die Schaffung eines solchen Rah­mens müssten sowohl die Politik als auch Fachverbände insbe­sondere der Ärzteschaft und der Kranken­pflege unterstützen – die Fachverbände schon allein aus berufsethischen Gründen. Es braucht Allianzen, die nicht in Konkurrenz, sondern in Synergismen organsiert werden. Dafür gibt es schon heute Strukturen wie Klug, die Deutsche Allianz für Klima und Gesundheit. Diese Strukturen müssen ausge­baut werden.

DÄ: Was würden Sie Klinikärzten raten, die den Treibhausgasausstoß ihres Krankenhauses reduzieren möchten?
Grah: Der beste erste Schritt ist es vermutlich, ein Klimamanagement zu integrieren und auszustatten. Wir haben bei uns in Havelhöhe einen kollegialen Führungsstil aufgebaut, in dem die Krankenpflege und alle therapeutischen Berufe auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft und der Geschäftsführung zusammenar­bei­ten. Das hilft uns nun, in unseren 14 Handlungsfeldern die Veränderungsprozesse sowohl bottom-up als auch top-down zu steuern – und das in der gebotenen Geschwindigkeit.

Wenn solche Bedingungen nicht gegeben sind, sollten zunächst Projektgruppen im mittleren Manage­ment mit gutem Kontakt zur Basis und zur Geschäftsführung aufgebaut werden. Nur so können Projekte, die alle im Unternehmen tangieren, erfolgreich umgesetzt werden. Die Wahl der Projekte ist abhängig vom Veränderungspotenzial im Unternehmen.

Energie ist sicher ein Hauptthema, das in erster Linie vom Gebäudemanagement gesteuert werden kann, zum Beispiel im Hinblick auf eine Wärmedämmung, auf Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen. Aber auch Bereiche wie Abfall, Ernährung, Mobilität, Medikamente und die Einkaufsstrategie hängen mit der ökologischen Haltung und der Bereitschaft aller im Unternehmen zusammen, gewohnte Prozesse neu zu denken. Das geht nicht top-down. Hier sollten sich alle Berufsgruppen gemeinsam auf zeitlich festgeleg­te Ziele verständigen und Beratung in Anspruch nehmen. © fos/aerzteblatt.de

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