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Der Ethikrat befasst sich mit Fitnessapps und Trackern

Donnerstag, 18. November 2021

/Andrey Popov, stock.adobe.com

Berlin – Körpertemperatur, Bewegungsablauf, Puls, Atemfrequenz – zur Dauerkontrolle braucht es nur noch einen Ring. Chips erlauben es, den eigenen Körper immer genauer und umfassender zu kontrol­lie­ren. So ermöglichen sie rasante Fortschritte in Gesundheit und Prävention, bergen aber auch Gefahren von Selbstentfremdung und Optimierungswahn.

Dabei verändern die Apps auch Selbstwahrnehmung, Verhalten oder Empfinden von Körperlichkeit. Wel­che Dimensionen das für die Person und Gesellschaft hat, versuchten Experten bei der Jahrestagung des Ethikrates gestern in Berlin auszuleuchten. „Selbstvermessen: Ethik und Ästhetik veränderter Körper­lichkeit“, so der Titel.

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Eine wichtiger Aspekt: Die Vermessung des Körpers beginnt nicht erst mit dem Massenphänomen der kleinen tragbaren Messinstrumente, also der Wearables oder Smartphones. Wie die Münchner Histo­ri­kerin Hedwig Richter verdeutlichte, begann dies bereits im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Sta­tistik und trug damals alle Widersprüchlichkeiten in sich, die bis heute mit der Vermessung des Körpers einhergehen.

Ein seinerzeit ebenso umstrittener Aspekt wie heute: die Impfpflicht. Die Begründung war dieselbe: Der Staat soll die Würde des Menschen garantieren, zu der die Gesundheit des Leibes gehört. So geht der moderne Staat seit seinen Anfängen mit einer Zweideutigkeit von Disziplinierung und Freiheit einher, erläuterte Richter. Dabei wird das Zählen und Vermessen des Menschen eine Voraussetzung für die de­mokratischen Willensbildungsprozesse und die Wahlen.

Ein sprechendes Beispiel für Richter: die genauen Handlungsanweisungen im 19 Jahrhundert, um gehei­me Wahlen zu garantieren. Die Historikerin erinnerte zugleich an die Schattenseite der Vermes­sung: Die Eugenik und Rassismustheorien, die schließlich in die totale Kontrolle und Menschenverach­tung, ja Ver­nichtung führten.

Nicht weniger ambivalent sind die modernen Formen der Selbstvermessung. „Ein Fenster zum Körper“, so die Werbung für ein Wearable. Der Mensch wird zum Beobachter seiner selbst, nicht nur von Herz und Kreislauf. Im Minutentakt kann der Sportler seinen Blutzuckerspiegel überwachen, der gestresste Mana­ger seinen Schlafrhythmus, die Angestellte ihre Stimmung. Die Zahl von Trackern oder Apps, die uns Befindlichkeiten über Kurven, Statistiken und Scheibendiagramme auf dem Smartphone widerspiegeln, steigt steil an.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Anja Röcke sah in der Selbstvermessung „einen Motor und Ausdruck einer wachsenden Individualisierung“, aber ebenso einer „neoliberalen Leistungs- und Performanzgesel­lschaft“. Dabei warnte sie vor einem Kurzschluss zwischen Selbstkontrolle und Selbstoptimierung.

Die Vermessung biete neue Möglichkeiten, vom Sport über die Gesundheitsprävention und Hilfen für chronisch Kranke bis zu Wegen der Selbsterkenntnis und Selbstachtsamkeit oder einfach als Freizeit­spaß oder Lifestyle.

Allerdings stünden dem „großen Potenzial einer Objektivierung und Versachlichung“ des Körpers die unterschiedlichsten Formen der Entfremdung und Fremdbestimmung gegenüber. Dazu gehören eben auch die fragwürdigen Formen, ja Abhängigkeiten von Fitnessapps oder Fetttrackern bis zur Orientie­rung an fragwürdigen Normen von Körperlichkeit und Schönheit durch Models und Influencer.

Bei „vulnerablen Gruppen“ könne dies zum Stigma „du schaffst es nicht“ führen, zu Scham oder Schuldge­fühlen, mahnte die Augsburger Medizinethikerin Verina Wild.

Aufgrund der Coronapandemie fand die Veranstaltung hybrid satt, also in Präsenz und digital. Dass selbst dies zu einer mehr oder weniger subtilen Form der Disziplinierung führen kann, zeigte die Neurologin und Tanztherapeutin Hedda Lausberg auf. Durch die ständige Selbstkontrolle über das eigene Bild ver­suche der User, spontane Gesten zu unterdrücken und die Selbstdarstellung zu optimieren.

Die Folge: ein Verlust an Spontaneität, die für die Stabilisierung von Beziehungen wesentlich ist. Bei einer spontanen Befragung zum Auftakt der Tagung meinten allerdings nur zehn Prozent der Teilnehmer, dass die Selbstvermessung zu einer schlechteren Selbstwahrnehmung führe. © kna/aerzteblatt.de

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