NewsPolitikScharfe Kritik an Spahn wegen Biontech-Begrenzung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Scharfe Kritik an Spahn wegen Biontech-Begrenzung

Samstag, 20. November 2021

/stock.adobe.com

Berlin - Das Bundesgesundheitsministerium sieht sich wegen geplanter Bestellbeschränkungen für den Corona-Impfstoff von Biontech zugunsten des Präparats von Moderna scharfer Kritik aus den Ländern ausgesetzt. Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) warf dem geschäftsführenden Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Samstag vor, er rationiere mit Biontech ausgerechnet den Impfstoff mit der höchsten Akzeptanz in der Bevölkerung. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) protestierte ebenfalls gegen die angekündigte Begrenzung. Das sei inakzeptabel, sagte er der dpa in München.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte in einem Schreiben an die Länder für die nächsten Wochen Begrenzungen bei Bestellmengen für den Impfstoff von Biontech/Pfizer angekündigt, damit das Präparat von Moderna bei den Auffrischungsimpfungen vermehrt zum Einsatz kommt.

Anzeige

Andernfalls drohten eingelagerte Moderna-Dosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 zu verfallen, was vermieden werden müsse. Praxen sollen demnach vorerst maximal 30 Dosen Biontech pro Woche bestellen können, Impfzentren und mobile Impfteams 1020 Dosen. Für Bestellungen von Moderna soll es keine Höchstgrenzen geben.Bund und Länder hätten gemeinsam festgelegt, dass es nun eine große, gemeinsame Kraftanstrengung beim Impfen brauche, sagte Holetschek.

Besonders die „Booster“-Impfungen seien wichtig. Wenn man nun höre, dass der Biontech-Impfstoff eingeschränkt werden solle, sei das „absolut inakzeptabel und zerstört das notwendige Vertrauen, dass die Bürgerinnen und Bürger in dieser hochdramatischen Lage in uns haben müssen“. Holetschek, der auch Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz der Länder ist, will das Thema auf die Tagesordnung der für Montag geplanten Beratungen der Konferenz setzen.

Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sprach am Samstag von einer „Vollbremsung auf gerader Strecke“. Damit verspiele man Vertrauen, der Biontech-Impfstoff habe die höchste Akzeptanz bei den Menschen. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen warnte bei Twitter vor einer „Handbremse beim Impfen“. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte: „Das muss ein schlechter Scherz sein.“ Es brauche massenhaft Impfungen. Jetzt Höchstmengen zu definieren, sei absolut kontraproduktiv und setze ein völlig falsches Signal.

Unverantwortliche Entscheidung

Auch Ärztevertreter übten scharfe Kritik. Sie rechnen in den Praxen mit deutlich erhöhtem Beratungsbedarf, weil Patienten nun bereits Termine für eine Biontech-Impfung vereinbart haben, die womöglich nicht eingehalten werden könnten. Andreas Gassen und Stephan Hofmeister vom Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kritisierten die Darstellung des Bundesgesund­heitsministeriums, es sei genug Impfstoff für alle da, um insbesondere Auffrischimpfungen in den nächsten Wochen schnell durchführen zu können.

„Fakt ist, dass nach Angaben des Ministeriums ab dem 23. November pro Vertragsarzt und Woche nur noch 30 Dosen Biontech bestellt werden können. Mit anderen Worten: Das BMG kontingentiert die Bestellmöglichkeiten für die Praxen für diesen Impfstoff, mit dem die meisten Patienten ihre Grundimmunisierung erhalten haben und den sie gewohnt sind“, sagte der Vorstandsvorsitzende Gassen.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Hofmeister erklärte: „Der Beratungs- und Aufklärungsbedarf in den Praxen wird enorm sein. Zwar gibt es unbegrenzt den Impfstoff von Moderna. Das hat aber zur Folge, dass die Patientinnen und Patienten, die mit Biontech im Rahmen ihrer Grundimmunisierung geimpft wurden, nun – sofern sie über 30 Jahre alt sind - eine Auffrischimpfung mit Moderna erhalten werden.“

Die beiden Vorstände halten es für unverantwortlich, nun so zu tun, es hänge ausschließlich an den Ärzten, möglichst schnell zu impfen. Das sei mitnichten so. Das Impftempo drohe verlangsamt zu werden. Beide Vorstände betonten außerdem, dass es noch zu viele Erwachsene gebe, die überhaupt nicht geimpft seien. Diese Impflücke müsse geschlossen werden. Denn ohne eine Impfung der Ungeimpften werde die Krise nicht zu bewältigen sein.

Katastrophe für die Impfkampagne

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern forderte einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge, dass die „gravierende Fehlentscheidung“ revidiert werden müsse. Die Praxen müssten weiterhin unbeschränkt alle Impfstoffe bestellen dürfen. 30 Dosen Biontech pro Praxis pro Woche reichten überhaupt nicht aus, um dem Andrang Herr zu werden, sagte der Chef des Hausärzte-Verbandes in Mecklenburg-Vorpommern, Stefan Zutz, dem NDR. „Es wäre eine Katastrophe für die Impfkampagne.“

Jens Spahn verteidigte seine Entscheidung am Samstag. „Ich weiß, dass diese kurzfristige Umstellung für viele engagierte Helferinnen und Helfer vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeutet. Und das bedauere ich ausdrücklich“, sagte der CDU-Politiker dpa. Die Nachfrage nach Biontech sei in den letzten zwei Wochen so stark gestiegen, dass sich das Lager sehr schnell leere. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe.

Aus einer Übersicht des Gesundheitsministeriums zu Impfstofflieferungen geht zudem hervor, dass Deutschland in diesem Monat voraussichtlich fast 8,8 Millionen Dosen Biontech über die Initiative Covax an Drittstaaten spenden wird oder gespendet hat.

Mit Biontech und Moderna gebe es zwei exzellente und hoch wirksame Impfstoffe. Von beiden gebe es genug, um bis Jahresende 50 Millionen Menschen zu impfen, sagte Spahn. „Ich kann versprechen, dass jeder, der sich impfen lassen will, einen guten, sicheren und wirksamen Impfstoff bekommt.“ .“ In manchen Studien zur Wirkung von Auffrischungsimpfungen schneide eine dritte Impfung mit Moderna sogar besser ab als eine mit Biontech.

Rückschlag bei der Booster-Kampagne

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, Sabine Dittmar, sagte trotz der Qualität des Moderna-Impfstoffes sei Spahns kurzfristige Ankündigung, die Auslieferungen von Biontech zu drosseln, ein Rückschlag bei der Booster-Kampagne. „Ganz praktisch wirft es die Terminplanung vieler Praxen über den Haufen“.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums haben 5,6 Millionen Menschen bisher eine Auffrischungsimpfung erhalten. Allein in dieser Woche seien bisher 1,7 Millionen Bürger „geboostert“ worden, twitterte Spahn am Samstag. Vollständig geimpft sind 56,5 Millionen Menschen in Deutschland, das sind 67,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass unter Erwachsenen vermutlich mehr Menschen geimpft sind, als die Daten nahelegen: Eine hundertprozentige Erfassung der Impfungen könne durch das Meldesystem nicht erreicht werden, heißt es auf der Impfübersicht des RKI. © dpa/aerzteblatt.de

Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER