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Ärzteschaft

Hohe Coronainzidenzen und zu viele Ungeimpfte

Montag, 22. November 2021

/Bihlmayer Fotografie, stock.adobe.com

Berlin – Der „Impfbonus“ ist aufgrund der Coronainzidenzen auf Rekordniveau und des immer noch ho­hen Anteils von Ungeimpften ausgeschöpft. Das haben heute Vertreter der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) betont.

Die Coronalage sei sehr besorgniserregend und momentan „nicht unter Kontrolle“, warnte DIVI-Präsident Gernot Marx eindringlich. Die Infektionszahlen müssten dringend eingedämmt werden. Es müssten nun bereits knapp 3.700 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen versorgt werden, allein vergangene Wo­che seien etwa 1.200 hinzugekommen, so Marx.

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Regional, insbesondere in Bayern, Thüringen, Sachsen, gebe es bereits akute Überlastungssituationen, so dass Patienten verlegt und planbare Operationen verschoben werden müssten. Wenn die Infektionsdyna­mik weiter anhalte, werde eine Priorisierung von Eingriffen und Umorganisation ganz Deutschland not­wendig. Die allgemeine Gesundheitsversorgung stehe dann nicht mehr auf dem gewohntem Niveau zur Verfügung.

Marx appellierte an die Politik, bei einem ungebremstem Anstieg der Coronazahlen im Dezember die Ge­genmaßnahmen weiter zu verschärfen. Bestimmte Instrumente sollten schon jetzt in den Fokus ge­nommen werden – etwa die Reaktivierung der Impfzentren zur Beschleunigung der Auffrischimpfungen.

Bund und Länder wollen die Wirksamkeit der Maßnahmen in dem vom Bundestag verabschiedeten In­fek­tionsschutzgesetz im Dezember überprüfen. Spätestens am 9. Dezember soll bei der nächsten Minis­terpräsidentenkonferenz geprüft werden, ob die Maßnahmen ausreichen.

Auch die Bevölkerung müsse persönlich Verantwortung übernehmen, betonte der DIVI-Präsident. Dies gelte beispielsweise für die Einhaltung der Maskenpflicht und von Hygiene- und Abstandsregeln sowie die Verringerung von Kontakten und die Wahrnehmung von Impfangeboten.

Ohne die Coronaimpfungen hätte man bei den derzeitigen Inzidenzen jetzt eine „astronomisch hohe“ Be­legung der Intensivstationen, erläuterte Steffen Weber-Carstens, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters.

Christian Karagiannidis, ebenfalls medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, be­tonte, um den Anstieg der Infektionszahlen zu stoppen, müsse der 7-Tage-Reproduktionszahlwert auf 1 oder niedriger gebracht werden. Dieser 7-Tage-R-Wert liegt nach den aktuellen Zahlen des Robert Koch-Institutes bei 1,07.

Laut den Modellierungen der DIVI zur Belegung der Intensivstationen ist bei einer Kehrtwende des bun­desweiten Inzidenzwerts bei 600 – die 7-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen liegt bundesweit aktuell be­reits bei 386,5 – mit mehr als 6.000 Intensivpatienten zu rechnen.

Selbst wenn die jüngst politisch eingeleiteten Eindämmungsmaßnahmen gut griffen, sei eine Patienten­zahl von 4.500 nicht mehr zu verhindern, sagte Marx. DIVI-Experte Andreas Schuppert betonte, dass es zwei bis drei Wochen dauern werde, bis sich ein Stopp bei dem Anstieg der Infektionen auf die Belegung der Intensivbetten auswirke.

Marx verwies auch darauf, dass die schweren COVID-19-Verläufe „überwiegend“ Ungeimpfte beträfen. Durchbruchsinfektionen mit Erkrankung kämen bei Geimpften zumeist nur bei anderweitig Erkrankten beziehungsweise Personen mit entsprechenden Risikofaktoren vor. Dies zeige klar, dass die Coronaim­pfungen den Großteil der Bevölkerung sehr gut vor schweren COVID-19-Verläufen schützen. Aktuell gebe es noch zu viele Ungeimpfte.

Sachsen muss sich nach Angaben der Landesärztekammer coronabedingt bereits auf eine Triage vorbe­rei­ten. Es stünden im Freistaat nur noch wenige Betten auf den Intensivstationen zur Verfügung, sagte der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, heute dem Sender NDR Info.

Wenn sich daran nichts ändere, müsse über eine Auswahl nachgedacht werden, wer behandelt werde und wer nicht. „Wir müssen triagieren, und das werde ich diese Woche mit meinen Kolleginnen und Kolle­gen in den Kliniken noch mal besprechen.“

„Für ungeimpfte Patientinnen und Patienten ist das in aller Regel nicht der Fall, dass sie eine COVID-19-Situation überstehen können“, sagte Bodendieck. Er hoffe aber, dass es anders komme als zurzeit prog­nos­tiziert. Sachsen sei in jedem Fall auf die Hilfe anderer Bundesländer angewiesen.

In einem weiteren Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Bodendieck, dass die Behandlung aller Pa­tienten zurzeit noch leistbar sei. Bei den Prognosen gehe er aber davon aus, dass Sachsen in den nächs­ten Tagen so in die Belastung hineingehe, dass zwei Menschen um ein Bett „kämpfen müssen“.

Die Überlegung sei dann, wer die besseren Aussichten auf einen Erfolg der Behandlung habe. Ungeimpf­te hätten im Fall einer extrakorporalen Beatmung, die bei akutem Lungenversagen eingesetzt wird, „eine sehr schlechte Überlebenschance“. © aha/dpa/aerzteblatt.de

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