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Medizin

Wie die Droge Psilocybin Alkoholabhängigen zur Abstinenz verhelfen könnte

Freitag, 21. Januar 2022

/ Iarygin Andrii, stock.adobe.com

Mannheim – Das Pilzhalluzinogen Psilocybin, das in klinischen Studien bereits erfolgreich zur Behand­lung von Depressionen erprobt wurde, könnte Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit helfen, ihre Sucht zu überwinden. Darauf deuten tierexperimentelle Studien in Science Advances (2021; DOI: 10.1126/sciadv.abh2399) hin.

Psilocybinhaltige Pilze gerieten in den 1960er Jahren in den USA und bald auch in anderen Ländern auf den Index der verbotenen Substanzen, nachdem die „Hippie“-Bewegung die psychedelischen Eigen­schaften der „magic mushrooms“ für sich entdeckt hatte.

Eine Folge war, dass die pharmakologischen Eigenschaften von Psilocybin nicht weiter erforscht werden konnten und ihr potenzieller therapeutischer Einsatz in Vergessenheit geriet. Dies änderte sich erst in den letzten Jahren.

Die Wirkung, die über einen Subtyp des Serotonin-Rezeptors (5-HT2A) zustande kommt, hat zuletzt in einer Phase-2-Studie die Symptome einer Major-Depression mindestens so gut gelindert wie ein Stan­dardmittel aus der Gruppe der Serotoninwiederaufnahmehemmer. Die US-Arzneimittelagentur FDA betrachtet Psilocybin mittlerweile als möglichen Therapiedurchbruch und die britische Firma Compass Pathways hofft auf eine Zulassung in dem Land, wo der Besitz der Droge weiter streng unter Strafe steht.

Auch in Deutschland wird mit Psilocybin geforscht. Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe um Wolfgang Sommer mit dem möglichen Einsatz in der Behandlung der Alkoholkrankheit. Bestandteil der Erkrankung, an der in Deutschland mehr als 5 Millionen Menschen leiden, sind Störungen der exekutiven Funktionen im Gehirn. Als solche werden in der Neurowissenschaft die geistigen Prozesse bezeichnet, die das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Gefühle steuern.

Der Sitz der exekutiven Funktionen ist der präfrontale Cortex des Gehirns. Dort wirkt der Neurotrans­mitter Glutamat auf den metabotropen Glutamatrezeptor 2 (mGluR2). Frühere Forschungen hatten gezeigt, dass Psilocybin die Wirkung von Glutamat auf den Rezeptor verstärkt. Dies könnte die exeku­tiven Funktionen verbessern und den Alkoholkranken helfen, die Kontrolle über ihren Alkohol­konsum zurückzuerlangen.

Die Forscher haben zunächst die Rolle von mGluR2 bei der Alkoholkrankheit untersucht. Dazu wurden die Tiere zunächst alkoholabhängig gemacht. Dies ist durch regelmäßiges Bedampfen mit Alkohol innerhalb weniger Wochen möglich. Bei den Tieren kommt es zu einem Verlust der kognitiven Flexi­bilität und zu einem starken Verlangen („craving“) nach der Droge Alkohol. Diese Abhängigkeit geht mit einem Verlust von mGluR2 im präfrontalen Cortex einher. Eine Gentherapie, die in den Nervenzellen die Produktion von mGluR2 steigerte, verbesserte die exekutiven Funktionen wieder.

Die Abhängigkeit der Tiere konnte in einem weiteren Experiment auch durch einen Knockdown des mGluR2-Gens ausgelöst und erneut durch eine Gentherapie geheilt werden. Eine solche Behandlung, die die Injektion von gentransportierenden Viren in die Hirnrinde erfordert, kommt für Menschen mit einer Alkoholkrankheit kaum infrage.

Die Forscher haben deshalb untersucht, ob die Einnahme von Psilocybin eine ähnliche Wirkung hat. Tatsächlich kam es nach der Behandlung bei den alkoholkranken Tieren zu einer Verbesserung der mGluR2-Funktion und auch zu einer Verminderung der Abhängigkeit.

Ob die Behandlung auch bei menschlichen Patienten mit einer Alkoholkrankheit wirkt, lässt sich aus den Ergebnissen der tierexperimentellen Studien nicht vorhersagen. Hierzu müssten klinische Studien mit Psilocybin durchgeführt werden, die durch die erhoffte Zulassung der Droge zur Behandlung von Depres­sionen erleichtert würden.

Die Forscher haben auch eine Idee, bei welchen Patienten die Behandlung am ehesten wirksam sein könnte. Der Verlust von mGluR2 und den exekutiven Funktionen geht mit einem Rückgang des Glukoseverbrauchs im präfrontalen Cortex einher. Dieser kann heute in der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) mit dem Tracer 18F-FDG (Fluordesoxyglucose) sichtbar gemacht werden.

Auch bei den Ratten kam es nach der Entwicklung der Alkoholsucht zu einem Rückgang der 18F-FDG-Konzentration im präfrontalen Cortex. Eine PET könnte deshalb anzeigen, bei welchen Alkoholabhän­gigen die Behandlung wirksam sein könnte. © rme/aerzteblatt.de

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