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Ärzteschaft

„Das Kleeblattsystem soll eine Triage in den einzelnen Regionen verhindern“

Mittwoch, 24. November 2021

Köln – Im Süden und Osten von Deutschland sind die Intensivstationen der Krankenhäuser so stark mit insbesondere ungeimpften COVID-19-Patienten belegt, dass erstmals in der gesamten Coronapande­mie eine große Zahl an Patienten überregional verlegt werden soll.

Dafür wird das Kleeblattkonzept aktiviert. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt () erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Christian Karagiannidis, wie die Verlegungen funktionieren und welchen Verlauf der vierten Pandemie­welle er erwartet.

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5 Fragen an Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN)

: Herr Professor Karagiannidis, das Strategische Steuerungsgre­mium hat Anfang der Woche das sogenannte Kleeblattkonzept aktiviert. Was bedeutet das?
Christian Karagiannidis: Das Kleeblattkonzept wird aktiviert, wenn die Intensivkapazitäten in Teilen Deutschlands so stark durch die COVID-19-Pandemie belastet sind, dass die Gefahr einer Triage besteht. Um diese Gefahr abzuwenden, werden COVID-19-Patien­ten in Regionen Deutschlands verlegt, die derzeit nicht so stark betroffen sind.

Im Rahmen des Kleeblattkonzepts ist Deutschland in fünf Klee­blätter unterteilt. Zum Kleeblatt Nord zählen Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Zum Kleeblatt Ost gehören Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Das Kleeblatt West umfasst Nordrhein-Westfalen, das Kleeblatt Südwest Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Baden-Württemberg und das Kleeblatt Süd umfasst Bayern.

In jedem Kleeblatt gibt es einen sogenannten SPOC, einen Single Point of Contact, der die Kommunika­tion zwischen den einzelnen Kleeblättern koordiniert. Zudem gibt es das Strategische Steuerungs­gremi­um, das die bundesweite Gesamtlange bewertet und einschätzt, wann die Intensivkapazitäten in einzel­nen Regionen so überlastet sind, dass Patienten überregional verlegt werden müssen. Dieser Moment ist jetzt gekommen.

DÄ: Aus welchen Kleeblättern sollen jetzt COVID-19-Patienten verlegt werden?
Karagiannidis: Da das Kleeblatt jetzt aktiviert ist, stehen wir kurz vor der Verlegung der ersten Patienten über die Kleeblätter. Insgesamt wird derzeit die Verlegung von circa 80 Patientinnen und Patienten aus den Kleeblättern Süd und Ost in die übrigen Kleeblätter geprüft.

Auf diese Weise soll auch abgedämpft werden, was in den nächsten 14 Tagen geschehen wird. Aus meiner Sicht ist das dringend notwendig. Denn eine strategische Verlegung nimmt mehrere Tage Vorbereitung in Anspruch.

Dabei muss man berücksichtigen, dass jeder Transport eines intensivpflichtigen Patienten Risiken in sich birgt. Daher müssen eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung sowie eine detaillierte Planung der Transporte erfolgen. Dafür ist es wichtig festzulegen, welcher Patient für einen Transport mit welchem Transportmittel in welche Zielklinik geeignet ist. Der Auswahl des geeigneten Transportmittels kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie bedarf in einer Lage wie der aktuellen einer übergeordneten Koordination.

COVID-19-Intensivpatienten: Kriterien für eine Verlegung innerhalb Deutschlands

Da sich in der dritten Pandemiewelle erneut die Intensivstationen füllen, müssen immer mehr Kliniken schwer kranke COVID-19-Patienten verlegen. Um Risiken für die Patienten zu reduzieren, müssen die Krankenhäuser dabei verschiedene Kriterien berücksichtigen. Um regional überlastete Intensivstrukturen während der Coronapandemie zu entlasten und schwer kranken Patientinnen und Patienten weiterhin

DÄ: Wurde das Kleeblattkonzept auch in der zweiten und dritten Pandemiewelle im vergangenen Winter genutzt?
Karagiannidis: Im letzten Winter wurden nur Patienten innerhalb der einzelnen Kleeblätter verlegt. Eine Verlegung über die Grenzen der Kleeblätter im Sinne einer strategischen Verlegung ist bisher nicht erfolgt. Im Vergleich zum letzten Winter haben sich übrigens die Rahmenbedingungen geändert.

Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat vor kurzem gezeigt, dass derzeit ein Drittel der Intensivbetten wegen des Pflegemangels gesperrt sind. Es ist jetzt also schwieriger, Zielkliniken zu finden. Das kann zu längeren Transportwegen führen und erschwert insgesamt die Organisation.

DÄ: Welche Bedeutung wird das Kleeblattkonzept aus Ihrer Sicht in der vierten Pandemiewelle spielen?
Karagiannidis: Das Kleeblattsystem soll eine Triage in den einzelnen Regionen verhindern. Aber die Patientenzahl ist natürlich begrenzt, die verlegt werden kann. Die Möglichkeiten des Systems sind endlich.

Es verschafft uns aber wertvolle Zeit, zum Beispiel, bis die 2G-Regeln wirken. Wenn wir alle Patientinnen und Patienten adäquat versorgen und eine Triage mit allen Mitteln verhindern wollen, bin ich sehr dafür, das Kleeblattkonzept in den kommenden Wochen und Monaten strukturiert zu nutzen – und zwar, bevor es zu Engpässen kommt.

DÄ: Welchen weiteren Verlauf der Coronapandemie erwarten Sie in diesem Winter?
Karagiannidis: Wenn wir die Erstimpfungen nicht hochbekommen, begeben wir uns in eine Schleife bis ins Frühjahr hinein. Im März und April wird dann wieder der saisonale Effekt greifen und die Infektions­zahlen werden nach unten gehen. Aber im Herbst 2022 beginnt dann wieder alles von Neuem. Ich hoffe deshalb sehr auf politische Maßnahmen zur Beendigung dieser Endlosschleife. © fos/aerzteblatt.de

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