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Medizin

Orthopädie: Injektionen von thrombozytenreichem Plasma scheitern in 3 Indikationen

Freitag, 7. Januar 2022

/staras, stock.adobe.com

Coventry, Amsterdam und Melbourne – Die Injektion von autologem thrombozytenreichem Plasma, die auch in Deutschland als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) angeboten wird, hat in 3 Ländern in randomisierten klinischen Studien in der Behandlung von Gonarthrose, Sprunggelenksarthrose und Achillessehnentendinitis keine besseren Ergebnisse erzielt als ein Placebo.

Die Ergebnisse wurden in den letzten Monaten im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA, 2021; DOI: 10.1001/jama.2021.16602 und DOI: 10.1001/jama.2021.19415) publiziert.

Thrombozyten enthalten eine Reihe von Wachstumsfaktoren, die in Laborexperimenten die Bildung von Knochen, Knorpel und Blutgefäßen stimuliert haben. Die Thrombozyten lassen sich durch Zentrifugation relativ einfach aus einer Blutprobe gewinnen. Eine Verwendung des patienteneigenen Bluts ist schonend, da das Risiko einer immunvermittelten Abstoßung vermieden und die volle Wirkung des thrombozyten­reichen Plasmas erzielt wird.

Sinnvoll erscheint die Behandlung vor allem bei Erkrankungen in Geweben mit einer fehlenden Tendenz oder geringen Möglichkeit zur Spontanheilung, zu denen vor allem Arthrosen, aber auch Erkrankungen der Sehnen und Muskelansätze gehören. Häufige Indikationen sind Arthrosen von Knie, Schulter, Knöchel und Fußgelenken oder auch eine Tendinitis der Achillessehne oder eine Epikondylitis im Ellbogen. Die Behandlung erfolgt durch Injektion des thrombozytenreichen Plasmas in das erkrankte Gewebe, also in Gelenk, Sehne oder Muskelansatz.

Nicht selten scheitern plausible Therapieansätze am Ende in randomisierten Studien. Dies scheint auch bei der Behandlung mit thrombozytenreichem Plasma der Fall zu sein.

Die erste der 3 Negativstudien wurde im Juli veröffentlicht. An der ATM-Studie hatten 240 Patienten aus 24 britischen Zentren teilgenommen, die im Mittel seit 24 Monaten unter einer schmerzhaften Entzün­dung der Achillessehne litten und sich zu einer chirurgischen Behandlung vorgestellt hatten. Den Patien­ten wurde stattdessen eine einmalige Injektionsbehandlung mit thrombozytenreichem Plasma angebo­ten, die allerdings nur jeder 2. erhielt. Bei der anderen Gruppe erfolgte eine „trockene“ Injektion unter die Haut.

Gewirkt haben beide Behandlungen. Wie Rebecca Kearney von der University of Warwick in Coventry berichtete, besserte sich der VISA-A-Score („Victorian Institute of Sport Assessment-Achilles“), in dem die Patienten 7 Aspekte der Erkrankung bewerten, in beiden Gruppen gleich stark auf 54,4 Punkte in der Gruppe, die die echte Behandlung erhielt versus 53,4 Punkten unter der Scheinbehandlung.

Der geringe Unterschied zwischen den beiden Gruppen war klinisch nicht relevant und statistisch nicht signifikant. Die „echte“ Behandlung führte jedoch erwartungsgemäß häufiger zu Beschwerden an der Injektionsstelle und zu Schwellungen. Blutergüsse traten in beiden Gruppen gleich häufig auf.

Auch in der PRIMA-Studie, an der an 6 Zentren in den Niederlanden 100 Patienten mit Sprunggelenks­arthrose teilnahmen, war kein Vorteil für die Behandlung mit thrombozytenreichem Plasma erkennbar. Die Patienten litten seit mehreren Jahren unter Schmerzen (mehr als 40 von 100 mm auf einer visuellen Analogskala), die bei einer radiologischen Untersuchung auf eine Arthrose zurückgeführt wurden.

Den Patienten wurden 2 intra-artikuläre Injektionen angeboten, die bei jedem 2. Patienten nur Kochsalz enthielten. Primärer Endpunkt der Studie war der AOFAS-Score („American Orthopaedic Foot and Ankle Society“), der Schmerzen und Gelenkfunktion mit bis zu 100 Punkten bewertet.

Wie Liam Paget von der Uniklinik in Amsterdam und Mitarbeiter im Oktober berichteten, kam es nach der echten Behandlung zu einer Verbesserung um 10 Punkte gegenüber einer Verbesserung um 11 Punkte in der Placebogruppe. Auch hier war die Differenz zwischen den beiden Gruppen weder relevant noch signi­fi­kant. Unterschiede gab es nur bei den unerwünschten Ereignissen, die nach der Injektion des throm­bozytenreichen Plasmas häufiger auftraten.

Jetzt stellen Kim Bennell von der Universität Melbourne und Mitarbeiter die Ergebnisse der RESTORE-Studie vor, an der 288 Erwachsene im Alter von durchschnittlich 62 Jahren teilnahmen. Sie litten im Mittel seit 5 Jahren unter Knieschmerzen, die auf eine Gonarthrose vom Schweregrad 2 oder 3 nach Kellgren and Lawrence zurückgeführt wurden.

Die Patienten erhielten im wöchentlichen Abstand 3 intra-artikuläre Injektionen eines thrombozyten­reichen Plasmas oder eines Placebos (Kochsalz). Auch hier kam es in beiden Gruppen zu einer Verminde­rung der Schmerzen nach 12 Monaten um 2,1 versus 1,8 Punkten auf einer Schmerzskala von 0 bis 10.

Der Vorteil von 0,4 Punkten zugunsten der Behandlung mit dem thrombozytenreichen Plasma war mini­mal und statistisch nicht signifikant. In beiden Gruppen kam es zudem zu einem weiteren Rückgang des Knorpelvolumens auf der medialen tibialen Gelenkfläche von 1,4 % und 1,2 %, der den Placebocharakter der schmerzlindernden Wirkung unterstreicht.

Die Serie von 3 Negativstudien zeigt nach Ansicht des Editorialisten Jeffrey Katz vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, dass es nicht gelungen ist, die vielversprechenden Laborbefunde in eine wirksame Behandlung zu übertragen (DOI: 10.1001/jama.2021.19540) . © rme/aerzteblatt.de

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