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Politik

Sorgen wegen Coronavariante, Länder schränken Reiseverkehr ein

Freitag, 26. November 2021

/MemoryMan, stock.adobe.com

Berlin – Aus Sorge vor einer neuen Coronavariante von SARS-CoV-2 schränken Deutschland und andere Staaten den Flugverkehr aus Südafrika ein. Deutschland werde Südafrika zum Virusvariantengebiet er­klären, kündigte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heute an.

Die Regelung trete in der Nacht zu morgen in Kraft. Gegebenenfalls seien auch Nachbarländer Süd­afrikas betroffen. Fluggesellschaften dürften dann nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern. „Das letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht“, sagte Spahn.

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Er rief Rückkehrer aus Südafrika dazu auf, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben und einen PCR-Test zu machen. Er könne die heute und in den vergangenen Tagen aus Südafrika eingereisten Menschen nur zu diesem Schritt auffordern, eine rechtliche Handhabe habe er nicht, sagte Spahn.

Experten befürchten, dass die vielen Mutationen der zunächst im südlichen Afrika nachgewiesenen Va­riante B.1.1.529 dazu führen, dass sich der Erreger schneller ausbreitet oder die Impfstoffe ihre Schutz­wirkung verlieren. Heute wurde ein erster Fall in Belgien gemeldet. In Deutschland ist die Variante nach Angaben des Robert-Koch-Instituts von heute Morgen noch nicht festgestellt worden.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, sagte: „Wir sind sehr besorgt. Und ich hoffe sehr, dass stringent dahingehend gearbeitet wird, dass zumindest die Ausbreitung dieser Variante so gut wie möglich durch Reisebeschränkungen eingeschränkt wird.“ Spahn betonte, die Auswirkungen der Variante auf Krankheitsschwere, Infektiosität und Impfschutz seien noch nicht abschließend geklärt.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird sich erst in einigen Wochen herausstellen, ob die Variante ansteckender oder aggressiver ist als bisherige Varianten. Die im südlichen Afrika aufgetretene Version des Virus sei bislang weniger als 100 Mal genetisch sequenziert worden. Die EU-Gesundheitsbe­hörde ECDC wollte noch heute eine Einschätzung zu der Variante abgeben.

Ein WHO-Expertengremium sollte ebenfalls heute Nachmittag über die Einstufung der neuen Variante B.1.1.529 beraten. Es gehe dabei unter anderem um die Frage, ob die Mutante als „besorgniserregende Variante“ („variant of concern“) oder als „Variante unter Beobachtung“ („variant of interest“) klassifiziert werden soll, hieß es von der UN-Behörde.

WHO-Expertin Maria van Kerkhove sagte in einem Briefing, es werde dabei auch untersucht, inwieweit die Variante Folgen für die Diagnostik, Therapien und die Impfkampagnen habe. Die WHO hat für die unterschiedlichen Coronavariante mehrere Kategorien. Eine davon ist die Kategorie „Variant of Concern“, auf deutsch „besorgniserregende Variante“.

Eine der „Variants of Concern“ ist etwa die derzeit in Deutschland vorherrschende Delta-Variante des Coronavirus. Zu den Merkmalen einer solchen Variante kann etwa gehören, dass sie nachgewiesener­maßen die Übertragbarkeit des Coronavirus erhöht hat.

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD hatte gestern mitgeteilt, es seien in Süd­afrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden. Mit mehr Fällen sei im Zuge der laufenden Genomanalysen zu rechnen. Südafrikanische Wissenschaftler hatten heute mitgeteilt, die neue Variante mit der wissenschaftlichen Bezeichnung B.1.1.529 weise eine „sehr hohe Anzahl von Mutationen auf“ und gebe „Anlass zur Sorge“ in dem Land.

Wegen der Ausbreitung der Variante des Coronavirus will die EU-Kommission Reisen aus dem südlichen Afrika in die EU auf ein absolutes Minimum beschränken. Die Brüsseler Behörde werde den EU-Staaten vorschlagen, die dafür vorgesehene Notbremse auszulösen um den Luftverkehr auszusetzen, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter mit. Die EU-Staaten müssen darüber jetzt noch beraten und entscheiden.

Rechtlich bindend wäre die Notbremse nicht, doch es wäre eine wichtige Richtungsentscheidung. Mehre­re EU-Länder verhängten bereits Reisebeschränkungen, so etwa Italien, die Niederlande und Tschechien. Dänemark führt ab Mitternacht Reisebeschränkungen für Südafrika und die sechs südafrikanischen Nach­barländer ein. Die WHO äußerte allerdings zum jetzigen Zeitpunkt Vorbehalte gegen Reisebeschrän­kun­gen.

Biontech bei der Analyse

Der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech schaut sich die im südlichen Afrika festgestellte neue Variante des Coronavirus in Tests an. „Wir können die Besorgnis von Experten nachvollziehen und haben unver­züglich Untersuchungen zur Variante B.1.1.529 eingeleitet“, erklärte ein Biontech-Sprecher. „Die Variante unterscheidet sich deutlich von bisher beobachteten Varianten, da sie zusätzliche Mutationen im Spike­protein hat.“

In spätestens zwei Wochen seien weiterführende Daten aus den Labortests zu erwarten. „Diese Daten werden uns Aufschluss darüber geben, ob es sich bei B.1.1.529 um eine Escape-Variante handeln könnte, die eine Anpassung unseres Impfstoffs erforderlich macht, wenn sich diese Variante international ausbreitet.“

Biontech hat für einen solchen Fall nach eigenen Angaben schon vor Monaten mit seinem US-Partner Pfizer Vorbereitungen getroffen. Der mRNA-Impfstoff soll dann innerhalb von sechs Wochen angepasst werden. Erste Chargen des angepassten Impfstoffs könnten nach Angaben des Unternehmens innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden.

Wissenschaft besorgt

Die derzeit verfügbaren Coronaimpfstoffe sind nach Ansicht eines britischen Experten „fast sicher“ weniger effektiv gegen die im südlichen Afrika entdeckte neue Variante B.1.1.529. Das sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung „BBC 4 Today“ heute.

Ob die Variante auch leichter übertragbar sei, könne anhand der vorliegenden Daten bislang noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. „Wir vermuten das und es gibt einige frühe Daten“, fuhr Naismith fort. Sollte sich eine leichtere Übertragbarkeit bestätigen, sei es unvermeidlich, dass die Variante auch nach Großbritannien gelange, so der Experte weiter.

Die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnete die neue Variante als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“. Die in Südafrika bislang festgestellte Übertra­gungs­rate (R-Wert) liege bei 2. Das ähnele den Werten zu Beginn der Pandemie, so Hopkins im BBC-Radio. Noch seien mehr Daten notwendig, um zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Ein erneuter Anstieg von Infektionen in einem stark durchseuchten Land wie Südafrika lege jedoch nahe, dass dafür zumindest teilweise neue Variationen verantwortlich zu machen seien, fuhr Hopkins fort. Sollte sich eine höhere Übertragbarkeit bewahrheiten, würde die Variante „ein massives Problem“, in der sie den in der Bevölkerung bestehenden Immunschutz umgehen könne.

Auch aus Sicht des südafrikanischen Virologen Shabir Madhi schützen herkömmliche Impfstoffe gegen die neue Coronavariante B.1.1.529 nur bedingt. Dem TV-Sender eNCA in Johannesburg sagte er heute: „Wir gehen davon aus, dass es noch einiges an Schutz gibt.“ Es sei aber wahrscheinlich, dass bisherige Impfstoffe weniger wirksam sein dürften.

Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien, Biozentrum, Universität Basel, bezeichnete die Variante „aus verschiedenen Gründen“ als „bemerkenswert“. Zum einen unter­scheide sie sich an vielen Stellen im Spikeprotein von den ursprünglichen Varianten und kombiniere viele Mutationen, die man aus anderen besorgniserregenden Varianten kenne.

„Viele dieser Veränderungen fallen in Regionen, an die Antikörper binden, in die Rezeptorbindestelle und die Furin cleavage site“, so Neher. Es sei „also durchaus vorstellbar“, dass die Variante sowohl sehr über­tragbar sei als auch Teilen der Immunantwort entkomme.

„Zum anderen haben wir bislang keine intermediären Varianten zwischen B.1.1.529 und denen vom Anfang 2020 beobachtet. Die Variante kam also unerwartet und scheint sich jetzt im Süden Afrikas rasch auszubreiten. Eingehende klinische und virologische Untersuchungen stehen noch aus.“

Neher geht aber von einem gewissen Schutz durch die verfügbaren Impfstoffe aus. „Da die Impfstoffe gegen alle bisherigen Varianten effizient sind, gehe ich davon aus, dass auch gegen diese Variante Impf­schutz besteht. Gerade die T-Zell-Antwort sollte gegenüber den Veränderungen ro­bust sein. Allerdings ist es durchaus vorstell­bar, dass es vermehrt zu Durchbruchsinfektionen kommt, sodass eine dritte Dosis umso wichtiger wird.“

Bis an die Zähne bewaffnet

„Das Ding ist bis an die Zähne bewaffnet“, sagte Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das Virus bringe einen „Riesen-Strauß an Mutationen mit sich“, allein mehr als 30 seien im Spike-Protein. Von einigen der festgestellten Mutationen sei bereits bekannt, dass sie die Wirkung von Antikörpern abschwächen. Allerdings sei es zu früh, um Aussagen über den wei­teren Verlauf zu machen, betont Weber. „Es ist durchaus denkbar, dass die Variante wieder verschwindet.“

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten sieht noch viele offene Fragen. So sei unklar, ob die Variante tatsächlich ansteckender ist oder ob ein anderer Faktor Grund für die momentan beobachtete Ausbrei­tung ist. „Für eine veränderte Krankheitsschwere gibt es derzeit keine Hinweise“, teilte Drosten mit.

Die Variante verdiene auf jeden Fall besondere Aufmerksamkeit, sind sich Experten einig. Aufgrund der festgestellten Mutationen sei es durchaus vorstellbar, dass die Variante sowohl sehr übertragbar sei, als auch Teilen der Immunantwort entkomme, sagt Neher.

„Sie hat keine Mutationen, die wir nicht schon kennen, aber die Kombination der Mutationen kennen wir bisher nicht“, sagte auch Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI). „Wie diese Kombination wirkt, muss man jetzt untersuchen.“ Aussagen über den Einfluss der Variante auf den Krankheitsverlauf sind derzeit nicht möglich. „Dazu haben wir momentan einfach zu wenige Fälle.“

„Die Wissenschaftler sind alle hoch alarmiert“, sagte Kanzleramtsminister Braun heute im ARD-„Morgenmagazin“. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter: „Wir müssen Zeit gewinnen. Nichts ist schlimmer als eine neue Variante in eine laufende Welle hinein.“ Wenn vorläufige Daten sich als korrekt herausstellten, „müssen sofort Reisebeschränkungen erfolgen“.

Der designierte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) verwies bei Maßnahmen gegen die neue Coronavirusvariante auf die geschäftsführende Regierung von Angela Merkel (CDU). Er empfehle aber „auch Maßnahmen im Flugverkehr“, sagte Wissing im Deutschlandfunk.

Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla erklärte, die neue Variante bestätige die „Tatsache, dass dieser unsichtbare Feind sehr unvorhersehbar ist“. Er rief die Südafrikaner auf, Masken zu tragen, Abstand zu halten und insbesondere sich impfen zu lassen. „Wir haben auch das zusätzliche Mittel der Impfungen, das uns helfen wird, schwere Erkrankungen zu vermeiden, einschließlich dass wir in der Klinik enden oder sogar dem Virus zum Opfer fallen“, sagte er.

Israel hat inzwischen die Länder Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswa­tini als „rote Länder“ eingestuft. Ausländer dürften aus diesen Ländern nicht mehr nach Israel einreisen, teilte das Büro des Ministerpräsidenten Naftali Bennett mit. Israelis müssen bei einer Heimkehr aus diesen Ländern für bis zu 14 Tage in Quarantäne in ein Coronahotel, können sich aber nach einer Woche mit zwei negativen PCR-Tests freitesten. Man werde die neue Variante genau beobachten, um eine Aus­breitung in Israel zu verhindern, hieß es.

Die britische Regierung schränkt wegen der neuen Virusvariante den Flugverkehr aus Südafrika, Lesotho, Botsuana, Simbabwe, Eswatini und Namibia ein. Zudem gelte für Ankommende eine strenge Pflicht zur Hotelquarantäne, teilte Gesundheitsminister Sajid Javid mit. Es gebe Hinweise darauf, dass B.1.1.529 noch ansteckender sei als die Delta-Variante und dass die verfügbaren Impfstoffe weniger wirksam seien. Der Flugverkehr aus den sechs Ländern solle von heute Mittag an eingestellt werden.

Bislang wurden in Großbritannien keine Fälle mit der neuen Variante festgestellt, die etwa 30 Mutatio­nen aufweisen soll. Doch täglich kommen laut der Nachrichtenagentur PA 500 bis 700 Menschen allein aus Südafrika in dem Land an. Über die Weihnachtszeit wird mit einer höheren Zahl gerechnet.

PA zitierte einen Experten der britischen Behörde für Sicherheit im Gesundheitswesen mit der Einschät­zung, bei B.1.1.529 handele es sich um „die schlimmste Variante“, die bisher gesehen wurde. Bislang gebe es nur bestätigte Fälle in Südafrika, Botsuana und Hongkong. © dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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