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Ärzteschaft

„Wir mussten jetzt auch die großen Tumoreingriffe aussetzen“

Freitag, 26. November 2021

Traunstein – Der Landkreis Traunstein gehört in der aktuellen vierten Pandemiewelle zu den Hochinzi­denzgebieten. Die stationäre Versorgung im Landkreis wird in erster Linie von den Kliniken Südostbayern gesichert, einem kommunalen Verbund mit sechs Standorten in den Landkreisen Traunstein und Berch­tesgadener Land.

Der größte Standort des Verbundes ist das Klinikum Traunstein, ein Krankenhaus der gehobenen Schwer­punktversorgung mit 22 Stationen und 548 Betten. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt () erklärt der Ärztliche Direktor des Klinikums Traunstein und Chefarzt der Abteilung für Anästhesie, Inten­sivmedizin und Schmerztherapie, Tom-Philipp Zucker, wie dramatisch die Lage aktuell in seinem Kran­kenhaus ist, wie es den Mitarbeitern geht und welche Auswirkungen die vierte Pan­demiewelle auf die Nicht-COVID-Patienten hat.

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5 Fragen an Tom-Philipp Zucker, Klinikum Traunstein

DÄ: Wie stellt sich die aktuelle Situation auf Ihrer Intensivstation dar?
Tom-Philipp Zucker: Der Landkreis Traunstein ist nun zum vierten Mal „Hotspot“ der COVID-Pandemie. Seit März 2020 haben wir 270 COVID-19-Patienten intensivmedizinisch versorgt. Vor der Pande­mie konnten wir am Klinikum Traunstein 36 von 43 Plätzen der Erwachsenen-Intensivstationen betreiben. Nach der dritten Pandemiewelle waren es mit Mühe noch 31.

Mit dem Anfluten der vierten Welle und einer immer weiter stei­genden Zahl an COVID-Patienten auf den Intensivstationen haben wir durch Reduktion des OP-Programms und elektiver Interventio­nen freigesetztes Funktionspersonal aus dem OP-Bereich für die Intensivstationen gewinnen und damit wieder 36 Betten belegen können, grundsätzlich alle mit Beatmungsmöglichkeit.

Ärzte für Anästhesiologie aus dem OP unterstützen die Intensiv­fachpflegekräfte im Dreischichtbetrieb durch Übernahme aller Transporte beatmeter Patienten, der Lage­rungstherapie, der Durchführung von Blutgasanalysen und der Vorbereitung der Punktionen. Sie helfen aber auch beim Wachen der Patienten.

Mittlerweile sind 75 Soldaten der Bundeswehr sukzessive im Einsatz zur Unterstützung der medizini­schen Kräfte. Der Anteil der besonders aufwändigen COVID-Patienten – wir betreiben unter anderem zwei ECMO-Plätze – erreicht 60 Prozent, im Rettungsdienstbereich über 70 Prozent. Erstmals in der Pan­de­mie werden an fünf der sechs Standorte unseres Klinikverbundes COVID-Patienten versorgt, davon an drei Standorten auch intensivmedizinisch. 75 bis 80 Prozent unserer COVID-Patienten auf den Intensiv­stationen sind nicht geimpft.

DÄ: Wie hat Ihr Krankenhaus auf die vierte Pandemiewelle reagiert?
Zucker: Mit der vierten Welle haben wir zum ersten Mal in der Pandemie nicht nur das elektive OP-Programm und die meisten elektiven stationären Krankenhausaufnahmen abgesagt. Obwohl wir ein zer­ti­fiziertes onkologisches Zentrum mit etlichen Fachzentren sind, mussten wir auch die großen Tumor­eingriffe aussetzen, die eine postoperative intensivmedizinische Überwachung, Kreislaufunterstützung oder gar Beatmungstherapie erfordern.

Teilweise vermitteln wir unsere Patienten an Kliniken anderer Bundesländer. Das Klinikum Traunstein ist nach dem Register der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie der viertgrößte Traumaversorger Deutschlands und hält als einziges Schwerpunktkrankenhaus für zwei Landkreise und mit überregiona­lem Einzugsgebiet rund um die Uhr zwei Schockräume, einen Herzkatheter, eine Stroke-Unit mit inter­ven­tioneller Neuroradiologe, eine Neurochirurgie, eine Kinderchirurgie, eine Replantationschirurgie, eine Gefäßchirurgie sowie ein Dialysezentrum neben dem normalen Spektrum eines Kreisklinikums vor.

Allein am Klinikum Traunstein sind drei arztbesetzte Rettungsmittel stationiert. Die überwiegend unge­impf­ten COVID-Patienten schränken die Schwerpunktversorgung der überwiegend geimpften Nicht-COVID-Patienten erheblich ein. Insgesamt gehen die Prognosen trotz der Maßnahmen von einer weiteren Zunahme an stationären COVID-19-Fällen aus.

Da sich die Inzidenz in unserer Region nie ganz beruhigt hatte, galten schon vor der vierten Welle die 3G-Regel sowie die „4 mal 1“-Regel, die besagt, dass ein Besucher für eine Stunde an einem Tag einen Patienten besuchen darf. Seit dem 4. November gilt für unsere Kliniken nun ein Besuchsverbot.

DÄ: Wie sind Sie mit den anderen Krankenhäusern in Ihrer Region vernetzt?
Zucker: Schon immer und gerade in der aktuellen Coronasituation ist vernetzte Kooperation die Basis erfolgreichen Wirkens. So hatte hier zu Beginn der vierten Welle unsere Kreisklinik Bad Reichenhall unter Führung der Pneumologie schwerpunktmäßig die COVID-Versorgung unseres Klinikverbundes übernom­men, konnte die Last aber bald nicht mehr alleine bewältigen.

Im Oktober konnten wir in Traunstein durch Übernahme von beatmeten Intensivpatienten noch die zu­nächst schwerer betroffene Region Rosenheim entlasten. Aktuell versorgen wir an fünf unserer sechs Stand­orte COVID-Patienten. Nur durch Abverlegung von bis dato über 30 beatmeten COVID-Patienten aus dem Rettungsdienstbereich Traunstein bis in die Regierungsbezirke Nordbayerns – davon zehn aus unse­rem Klinikum – sind wir intensivmedizinisch noch handlungsfähig.

Die Zusammenarbeit der Kliniken und der Rettungsdienste der vier Landkreise des Rettungsdienstbe­reichs Traunstein bei der Verteilung der COVID-Patienten auf die Normal-Isolationsstationen und auf die Intensivstationen gelingt hervorragend. Man kennt sich untereinander und dadurch sind wir vernetzter denn je. Die Intensivstationen verhalten sich wie kommunizierende Röhren. Wer gerade Platz hat, nimmt auf. Der Krankenhauskoordinierungsarzt spricht sich kalendertäglich, oft mehrmals, mit den Pandemie­beauftragten ab.

Um den Betrieb auf den COVID-Einheiten weiter aufrechterhalten zu können, planen wir derzeit soge­nan­nte Übergangspflegeeinheiten. Hier sollen Patienten versorgt werden, die zwar genesen sind, aber noch nicht fit genug, um zu Hause ausreichend versorgt zu werden, sowie Patienten mit leichten COVID-Ver­läu­fen, bei denen der pflegerische und medizinische Aufwand nur noch gering ist.

Die Übergangspflegeeinheit kann innerhalb kürzester Zeit ins Leben gerufen werden. Sie wird durch den pandemiebeauftragten Arzt aktiviert. Des Weiteren hoffen wir, dass möglichst viele Freiwillige über den Pflegepool Bayern zu uns stoßen, um uns tatkräftig zu helfen.

DÄ: Wie ist die derzeitige Stimmung auf Ihrer Intensivstation?
Zucker: Die Belastungen im Personal sind sehr hoch – zu hoch. Und das schon eine ganze Weile. Dies besorgt uns sehr. Es bleibt kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen. Wir versuchen alle unser Möglichstes, um auch diese Welle zum Wohl unserer anvertrauten Patienten meistern zu können.

Corona spielt dabei natürlich eine große Rolle. Zum einen ist da die enorm hohe Arbeitsbelastung aller Mitarbeiter. Der Pflegeaufwand von COVID-Patienten ist erheblich höher als der von Nicht-COVID-Patien­ten. Auch das Tragen von Schutzkleidung ist anstrengend. Dazu kommt leider die notwendige Trennung von Teams aufgrund der dynamischen Situation, in der wir im Rahmen der COVID-19-Versorgung unsere Kapazitäten ständig neu anpassen müssen. So arbeiten die Mitarbeiter teilweise nicht in ihrer gewohnten Umgebung oder Fachrichtung.

Zum anderen gehen unseren Mitarbeitern auch die Schicksale der Patienten nahe. Manche, die schwer an COVID-19 erkranken, sind sehr jung. Dadurch entstehen erhebliche zusätzliche psychische Belastungen. Die Pflegekräfte an allen Standorten sind ausgelaugt, sowohl im Intensiv- und Notaufnahmebereich als auch im bettenführenden Bereich. In Teilen trifft das sicherlich auch auf die Berufsgruppe der Ärzte zu.

Die Motivation, Patienten noch adäquat zu versorgen, ist nach wie vor sehr hoch, aber die Kräfte schwin­den. Dennoch gibt es bei uns eine sehr gute kollegiale, sich gegenseitig stützende und interdisziplinäre Zusammenarbeit – das ist aktuell die tragende Säule für unsere Mitarbeiter.

Administrativ unterstützen wir unser Personal seit bereits vier COVID-Wellen in allen Bereichen, infor­mie­ren zeitnah und transparent und unterstützen im COVID-Management. Am hilfreichsten sind klare Vorgaben und Zeit, diese umzusetzen. Ganz klar ist: Eine langfristige Entlastung würde in erster Linie eine Steigerung der Impfquote- und der Impfbereitschaft bringen.

DÄ: Wie geht es Ihnen persönlich angesichts der aktuellen Situation?
Zucker: Alle Mitarbeiter blicken trotz des Lockdowns mit Sorge auf die nächsten Wochen, denn diese Maßnahmen werden erst verzögert wirken. Nicht zuletzt durch die Einstellung unserer geplanten Ein­griffe und weiterer Maßnahmen wie der Schmerztherapie haben wir jetzt kurzfristig die verfügbar ge­wor­­­denen psychologischen Begleitungen aus den Bereichen Onkologie und Schmerztherapie an ver­schie­denen Stellen fokussiert.

Unsere Seelsorge ist ebenso eingebunden wie Kriseninterventionsmitarbeiter, um unsere Mitarbeiter an vorderster Front – wenn Sie es wollen – in den Notaufnahmen, Intensivstationen und insbesondere in den Hochlast-COVID-Bereichen zu stützen. Zudem gibt es eine 24-Stunden-Betreuungsplattform für jeden. © fos/aerzteblatt.de

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