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Grünenthal-Eigentümer­familie bittet Conterganopfer um Entschuldigung

Montag, 29. November 2021

/picture-alliance, Stefan Puchner

Aachen/Hamburg – 60 Jahre nach Marktrücknahme des Schlafmittels Contergan hat die Eigentümer­familie des Herstellers die Opfer um Entschuldigung gebeten. Für den „gesamten Inhalt dieser Zeit von 60 Jahren“ entschuldige er sich im Namen seiner ganzen Familie, sagte Michael Wirtz für die Eigen­tü­merfamilie der Pharmafirma Grünenthal.

Die Entschuldigung richte sich an „eine große und auch im Wesentlichen unbekannte Größe von betrof­fenen Menschen in Deutschland, aber auch in Europa.“ Die persönlichen Worte äußerte Wirtz in einem aufgezeichneten Gespräch mit dem früheren Vorsitzen­den des Bundesverbands Contergangeschädigter, Georg Löwenhauser. Ein Ausschnitt aus dem Video wurde vorgestern bei einer Online-Veranstaltung des Bundesverbands eingespielt.

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Der frühere geschäftsführende Grünenthal-Gesellschafter sagte darin, die Betroffenen erwarteten, dass sich die Familie Wirtz äußere und das „nicht versteckt hinter einer juristischen Person der Grünenthal GmbH“. Er betonte: „Und das tue ich hiermit in aller Offenheit und hochoffiziell unter Zeugen, dass ich mich für diese Thematiken, die sich bei Ihnen in all' diesen Familien abgespielt haben, ausdrücklich entschuldige.“

Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid war im Oktober 1957 auf den Markt gekommen und hatte zu einem der schlimmsten Skandale der Nachkriegsgeschichte geführt. Etwa 5.000 Kinder kamen in Deutschland mit Fehlbildungen zur Welt, häufig mit verkürzten Armen oder Beinen, nachdem ihre Mütter Contergan in der Schwangerschaft eingenommen hatten. Am 27. November 1961 nahm Grünenthal das Medikament vom Markt. Viele Opfer sind bereits gestorben. Etwa 2.400 Contergangeschädigte leben mit erheblichen Beeinträchtigungen.

„Aus vielen Gesprächen wissen wir um die Bedeutung dieser Geste für viele von Contergan betroffene Menschen und deren Eltern. Wir begrüßen diesen Schritt daher sehr“, hieß es in einer Reaktion des Un­ternehmens Grünenthal auf die Äußerung von Wirtz. „Er ist ein wichtiger Punkt auf dem eingeschla­genen Weg des Dialogs zwischen den Betroffenen, Grünenthal und der Eigentümerfamilie.“

Löwenhauser, der sich an der aus Hamburg ausgestrahlten Online-Veranstaltung am Samstag beteiligte, sagte zu der Entschuldigung, er sei positiv überrascht worden. Sie sei „mit Sicherheit absolut ernst ge­meint.“

Laut Betroffenenverbänden ist eine klare Bitte um Verzeihung für viele Opfer wichtig. Das Unter­nehmen hatte sich 2012 dafür entschuldigt, nicht früher auf die Opfer zugegangen zu sein. Opferver­bände hatten das damals aber als wertlos oder sogar beleidigend bezeichnet.

Grünenthal betonte vorgestern in einer Erklärung aus Aachen: „Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Aber wir wollen mit unserer Grünenthal-Stiftung zur Unterstützung Thalidomidbetroffener Verant­wor­tung übernehmen und unseren Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten.“ Die Contergan­tragödie sei Teil der Unternehmensgeschichte „und wir bedauern die weitreichenden Folgen zutiefst.“ © dpa/aerzteblatt.de

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