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Ausland

WHO stuft Omikron vorsorglich als „sehr hohes“ globales Risiko ein

Montag, 29. November 2021

/dpa, ZUMA Press Wire, Andre M. Chang

Wien – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt das globale Risiko der neue Coronavariante Omikron von SARS-CoV-2 vorsorglich als „sehr hoch“ ein. In einem Dokument, das heute veröffentlicht wurde, betont die UN-Behörde jedoch auch, dass die Wissenschaft noch sehr wenig darüber wisse, wie sich Omikron auf den Verlauf der Pandemie auswirken wird. Die Risikobewertung sei deshalb mit einem sehr hohen Unsicherheitsfaktor behaftet und könne sich noch ändern.

Es sei noch unklar, wie übertragbar Omikron sei und ob Impfstoffe, Medikamente und Virustests dage­gen weniger wirksam seien. Außerdem gebe es Unsicherheiten, was die Möglichkeit von neuerlichen Infektio­nen von genesenen COVID-19-Patienten betrifft. Dazu laufe eine Reihe von Studien.

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Falls es wegen Omikron zu einem starken Anstieg der Infektionen komme, „könnte das schwere Konse­quenzen haben“, schrieb die WHO. Besonders Länder, in denen noch wenige Menschen geimpft seien, könnten schwer betroffen sein, hieß es mit indirektem Verweis auf das südliche Afrika.

Die EU-Krankheitsbekämpfungsbehörde ECDC hält die Ausbreitung von Omikron in der Europäischen Union (EU) für wahrscheinlich. Das Risiko einer Verbreitung des neuen Erregers in der EU und im Euro­pä­ischen Wirtschaftsraum sei „hoch bis sehr hoch“, heißt es in einem am vergangenen Freitagabend ver­öffentlichten Bericht der in Stockholm ansässigen Behörde.

Die WHO hatte die neue Variante B.1.1.529 bereits am vergangenen Freitag als „besorgniserregend“ ein­gestuft. Diese Klassifizierung ist laut WHO-Definition ein Signal, dass eine Variante ansteckender ist oder zu schwereren Krankheitsverläufen führt. Außerdem besteht bei „besorgniserregenden Varianten“ die Gefahr, dass herkömmliche Impfungen, Medikamente oder Coronamaßnahmen weniger wirksam sind.

Omikron weise eine große Anzahl Mutationen auf, von denen einige besorgniserregend seien, hieß es. Vorläufige Hinweise deuteten auf ein erhöhtes Risiko einer Reinfektion bei dieser Variante im Vergleich zu anderen besorgniserregenden Varianten, zu denen auch die derzeit vorherrschende Delta-Variante zählt.

Laut WHO wurde B.1.1.529 in Südafrika mittels genetischer Analyse entdeckt, die vom 9. November stammt. Insgesamt ist die Variante bislang weniger als 100 Mal genetisch nachgewiesen worden. Sie weist viele Mutationen auf, die aus Sicht von Wissenschaftlern möglicherweise zu einer leichteren Übertragung führen können. Nach Angaben der WHO wird es jedoch noch Wochen dauern, bis klar wird, welche genauen Auswirkungen die Mutationen haben.

Bislang hatte die internationale Gesundheitsbehörde vier „besorgniserregende Varianten“ („variants of concern“) identifiziert: Alpha, Beta, Gamma, sowie Delta, die wegen ihrer hohen Übertragbarkeit zur vierten Pandemiewelle beigetragen hat. Zusätzlich sind zwei „Varianten unter Beobachtung“ („variants of interest“) gelistet, die um den vorigen Jahreswechsel in Südamerika aufgetreten waren.

In Menschen mit geschwächtem Immunsystem entstanden?

Die überraschend viele Mutationen tragende Omikron könnte Experten zufolge in einem Patienten mit HIV oder einer anderen Form der Immunschwäche entstanden sein. Das sei denkbar und wahrscheinlich, ähnliche Befunde seien in anderen Fällen bereits publiziert worden, sagte Carsten Watzl, General­sekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI).

In Menschen mit geschwächtem Immunsystem könne sich das Virus über viele Wochen vermehren, so Watzl. „Dabei können immer wieder vereinzelt Mutationen auftreten, die dem Virus eventuell keinen Vorteil bringen, die sich aber aufgrund der fehlenden Kontrolle durch das Immunsystem dennoch weiter vermehren können.“ Damit könnten zusätzliche Mutationen entstehen, die dann in der Kombination eventuell einen Vorteil brächten.

„Die vielen Mutationen sprechen für Entstehung in HIV-Patienten“, hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schon am vergangenen Freitag getwittert. „Auch wenn wir den Effekt einzelner Mutationen aus den anderen Varianten kennen beziehungsweise abschätzen können, ist aktuell unklar, welchen Effekt diese Kombination an Mutationen haben wird“, erklärte Watzl.

Viele HIV-Patienten würden in Afrika nicht ausreichend therapiert, weshalb ihr Immunsystem deutlich geschwächt sei, so Watzl. Zur Vermeidung der Ausbreitung so umfangreich veränderter Varianten wie Omikron wäre es demnach wichtig, infizierte immungeschwächte Menschen zu identifizieren und sie zu isolieren, bis sie nicht mehr infektiös sind. „Denn selbst wenn das Virus in einer solchen Person stark mutiert, erst die Weitergabe des mutierten Virus ist wirklich gefährlich.“

Beobachtungen von Ärzten

Eine Infektion mit der neuen Coronavariante Omikron hat nach Angaben der südafrikanischen Ärztin Angelique Coetzee bei dutzenden Patienten nur zu leichten Symptomen geführt. Coetzee, Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbandes, sagte gestern im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, sie habe in den vergangenen zehn Tagen rund 30 Patienten untersucht, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, aber ungewohnte Symptome aufgewiesen hätten.

„Sie sind wegen extremer Müdigkeit in die Sprechstunde gekommen“, sagte die in Pretoria praktizieren­de Ärztin. Dies sei ungewöhnlich für jüngere Patienten. Die meisten Infizierten seien Männer unter 40 Jah­ren gewesen, weniger als die Hälfte von ihnen sei geimpft gewesen. Sie hätten leichte Muskel­­schmer­zen gehabt, einen „kratzigen Hals“ und trockenen Husten. Nur einige hätten leicht erhöhte Temperatur ge­habt. Alle hätten sich wieder erholt, ohne ins Krankenhaus zu müssen.

Die sehr milden Symptome unterschieden sich laut Coetzee von Infektionen mit anderen Varianten. Coetzee informierte daher am 18. November die Gesundheitsbehörden ihres Landes über ein nicht zur bis dahin vorherrschenden Delta-Variante passendes Krankheitsbild. Bis dahin hatte sie die ersten sieben der 30 Patienten mit ungewöhnlichen Symptomen untersucht. Die Behörden seien nicht überrascht ge­wesen, da sie die neue Variante bereits untersucht hätten, sagte Coetzee.

Coetzee bedauerte es, dass Omikron als „extrem gefährliche Virusvariante“ mit zahlreichen Mutationen aufgebauscht worden sei, obwohl ihre Gefährlichkeit noch unklar sei. Es wird vermutet, dass die neue Variante sehr ansteckend und resistent gegen die Immunabwehr ist. Ob sie die Wirksamkeit der Vakzine beeinträchtigt, wird aber noch untersucht.

„Wir sagen nicht, dass es keine schweren Erkrankungen geben wird“, betonte Coetzee. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hätten aber auch die nicht geimpften Patienten milde Symptome. „Ich bin ziemlich sicher, dass viele Menschen in Europa dieses Virus schon haben“, zeigte sie sich überzeugt.

Lauterbach zeigte sich angesichts entsprechender Äußerungen Coetzees gegenüber der britischen Zei­tung Telegraph vorsichtig optimistisch. „Es wäre wirklich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, wenn Omikron leichter verliefe“, schrieb Lauterbach gestern im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Bei so vielen Mutationen wäre es aber denkbar.“

Auch Lauterbach mahnte zur Vorsicht. Er verwies darauf, dass in Südafrika nur sechs Prozent der Bevöl­kerung über 65 Jahre alt seien. Deutschland sei hingegen das Land mit der ältesten Bevölkerung in Euro­pa mit vielen chronisch Kranken.

Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, sagte gestern im ZDF-„heute Journal“: „Keiner kann im Moment sagen, was da auf uns zukommt“. Er fügte an: „Das Einzige was man wirklich mit Sicherheit sagen kann, es ist besser, wenn man geimpft ist. Es ist noch besser, wenn man geboostert ist.“

Unterdessen gehen die Bemühungen um eine international koordinierte Reaktion auf die weitgehend unbekannte neue Variante weiter. Großbritannien hatte gestern Abend eine Dringlichkeitssitzung der Gruppe der G7-Staaten für heute angekündigt, „um die Entwicklungen in Bezug auf Omikron“ zu be­sprechen.

Zur Gruppe gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Italien, Japan und die USA gehören. Kanada hatte gestern die ersten Fälle der neuen Variante registriert, die bereits in Deutschland, Italien und Großbri­tannien festgestellt wurde.

Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran ging gestern davon aus, dass es „höchstwahr­schein­lich eine Frage von Stunden“ sei, bis die Variante auch in seinem Land festgestellt wird. Die Schweiz meldete gestern einen „wahrscheinlichen ersten Fall“, der sich in den kommenden Tagen durch weitere Analysen bestätigen soll. Auch Japan untersucht derzeit einen Verdachtsfall.

In vielen Ländern werden Verdachtsfälle unter strenge Beobachtung gestellt. Dennoch schaffte es in den Niederlanden gestern ein Paar, aus dem Quarantänehotel zu fliehen. Es wurde in einem Flugzeug, das gerade nach Spanien starten wollte, festgenommen und erneut unter Quarantäne gestellt. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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