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Politik

Intensivkoordinator: Patienten könnten auf der Warteliste sterben

Mittwoch, 1. Dezember 2021

/dpa, Jens Büttner

Erfurt – Die Situation auf den Thüringer Intensivstationen bleibt sehr angespannt, auch wenn die düs­tere Prognose von 300 Betten mit COVID-Patienten zunächst nicht eingetreten ist. Planbare Operationen von Patienten etwa mit Krebs- oder Herzklappen-Erkrankungen müssten aufgeschoben werden, sagte der Thüringer Intensivkoordinator Michael Bauer heute. „Für die bedeutet das unter Umständen den Tod auf der Warteliste oder eine wesentlich schlechtere Prognose.“ Einige seien bereits gestorben.

„In dem Moment, wo ich als Arzt priorisiere und sage, jemand muss auf die Warteliste, mache ich natür­lich eine milde Form einer Triage“, sagte er weiter. Meistens gehe das gut, aber nicht immer. Es sei bei Krebs auch die Frage, wie viele Menschen dadurch aus einem noch heilbaren Stadium in ein Stadium kämen, wo sie etliche Lebensjahre einbüßten.

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„Wir kommen jetzt schon in Bereiche, in denen wir Medizin machen, die wir eigentlich nicht machen wollen.“ Das nähmen die Leute in Kauf, die die Realität hartnäckig leugneten, sagte er mit Blick auf den großen Anteil ungeimpfter Coronapatienten auf den Intensivstationen.

In Thüringen waren laut Bauer heute 217 Coronapatienten auf den Intensivstationen, in den Tagen zuvor war die Zahl um die 200 gependelt.

Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) hatte Mitte November noch vor bis zu 300 Coronaintensiv­pa­tien­­ten bis Ende November gewarnt, wenn sich die Infektions­zahlen weiter so entwickeln und keine neuen Maßnahmen hinzukommen. Das sei aus einer Prognose hervorgegangen, hatte sie damals gesagt. Laut DIVI-Intensivregister hatte der Höchststand im April 2021 bei 233 gelegen.

Woran es liegt, dass sich die Zahlen anscheinend eingepegelt haben, sei schwer zu sagen, hieß es von einer Sprecherin des Gesundheitsministeriums. „Wir glauben nicht, dass es jetzt schon an den Maßnah­men liegt, die letzte Woche umgesetzt wurden.“

Vergangene Woche wurden in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens in Thüringen Einschränkungen und Schließungen beschlossen und umgesetzt. Bis sich solche Maßnahmen auf die Infektionszahlen auswirkten, dauere es in der Regel bis zu zwei Wochen. Bis sich das dann in den Krankenhauszahlen zeige, dauere es nochmal eine Zeit.

„Der Anstieg ist abgebremst, aber wir sind weit entfernt von einem stabilen System“, sagte Intensivmedi­ziner Bauer. In den letzten drei Wochen habe es jeweils 120 bis 130 wöchentliche Neuaufnahmen gege­ben. „Davon werden etwa 40 Prozent versterben oder sind verstorben.“ Bis Jahresende gehe er ganz fest davon aus, dass 250 bis 300 Coronapatienten auf den Intensivstationen liegen. Vor allem im Bereich Süd-West-Thüringen sei die Situation „bedrohlich“.

Auch am Universitätsklinikum Jena, wo Bauer die Klinik für Intensivmedizin leitet, seien seit Wochen keine Betten mehr frei. Aktuell werde der „beste Patient“, egal ob mit oder ohne COVID-19, von der Station verlegt, wenn etwa ein Unfallopfer komme und ein neues Bett gebraucht werde.

Aus der Situation werde man nur mit mehr Impfungen und Kontaktbeschränkungen kommen. Auch in den kommenden Wochen werde man zusätzlich Verlegungen in andere Bundesländer machen müssen. Zuletzt seien insgesamt zehn Patienten über das sogenannte Kleeblatt-System nach Norddeutschland verlegt worden. Doch Bauer mahnte: „Wir können unser Problem nicht wegfliegen, wir müssen unser Problem selbst lösen.“ © dpa/aerzteblatt.de

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