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Politik

Impftempo zieht an, Ziel nicht in Reichweite

Mittwoch, 1. Dezember 2021

/picture alliance, Jonas Walzberg

Berlin – Für die bis Jahresende geplante Beschleunigung von Auffrischimpfungen ist offenbar ausrei­chend Coronaimpfstoff verfügbar. Das versicherte zumindest das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) heute. Aktuell würden bis einschließlich nächster Woche 28 Millionen Dosen ausgeliefert, sagte ein BMG-Sprecher.

Eine Knappheit sei nicht zu erkennnen. Es hänge aber auch vom Bestellverhalten von Praxen und Impf­stellen ab, dass der Impfstoff sie erreiche. In der vergangenen Woche habe es einzelne Nachbestellungen gegeben, die dann häufig nicht mehr bedienbar gewesen seien. Den Bund hätten Rückmeldungen aus zehn Ländern erreicht, dass es Probleme gebe – beispielsweise Hessen habe sich aber nicht vorab des­wegen gemeldet.

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Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte nach der gestrigen Bund-Länder-Beratung das Ziel betont, dass bis Jahresende bis zu 30 Millionen Menschen geimpft werden sollen. Um die operative Umsetzung mit Lieferungen und Verteilung soll sich auch ein neuer Bund-Länder-Krisenstab im Kanzler­amt kümmern.

Aus einigen Regionen waren Klagen von Impfstellen laut geworden, dass Impfstoff mangele. Der hessi­sche Hausärzteverband kritisierte, dass ausgerechnet jetzt nicht genug Impfstoff in den Praxen ankom­me, sei „eine vollständige Katastrophe“, wie der Vorsitzende Armin Beck sagte.

Das Gesundheitsministerium erläuterte, dass für konkrete Impfangebote vor Ort die Länder zuständig seien. In den Ländern würden jetzt Impfzentren wieder hochgefahren, auch die Praxen täten alles, um mehr zu impfen.

Konkret seien in dieser und der vergangenen Woche insgesamt 18 Millionen Dosen vom Bund ausgelie­fert worden, weitere zehn Millionen Dosen sollen kommende Woche folgen. Darüber hinaus stünden noch weitere 25 Millionen Dosen für Verstärkungen („Booster“) schon länger zurückliegender Impfungen zur Verfügung. Dafür können die Impfstoffe von Biontech und Moderna eingesetzt werden, wobei für Biontech vorerst Bestellobergrenzen gelten.

Aus den Praxen ist zu hören, dass es vereinzelt Diskussionen mit Patienten über den Wechsel zum Moderna-Impfstoff für Boosterimpfungen gibt. „Die Praxen sind zurzeit stark ausgelastet und der Wechsel von Biontech auf Moderna erzeugt bei vielen Patienten Erklärungsbedarf, was wiederum Zeit kostet, die wir eigentlich nicht haben“, sagte der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Markus Beier.

Dabei seien beide Impfstoffe bei über 30-Jährigen gleich gut für Auffrischimpfungen geeignet – unab­hän­gig vom Impfstoff bei Erst- und Zweitimpfung, sagte Beier. „Ich würde mich jederzeit mit Moderna boostern lassen.“ Ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) bestätigte, dass solche Diskussionen in den Praxen bei einzelnen Patienten nötig seien. „Als größeres Problem“ sei das an die KVB bisher aber nicht kommuniziert worden.

Experten halten die angepeilten 30 Millionen zusätzlichen Impfungen bis Weihnachten für sehr ehrgei­zig. „Das ist logistisch schwer umzusetzen, da etwa 1,5 Millionen Impfungen am Tag verabreicht werden müssten“, sagte Thomas Schulz, Leiter des Instituts für Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Ärzte den Impfstoff nicht an den Mann bekommen, sondern dass es vielmehr Probleme bei der Verteilung des Impfstoffs gibt“, sagte Schulz.

Der Epidemiologe Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Prä­ventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, sagte, er habe auch wegen eines möglichen Impfstoff­mangels Zweifel an der Umsetzung des Ziels, „aber auch ein knappes Scheitern wäre schon etwas“.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hat ebenfalls Zweifel daran geäußert, dass sich das Ziel errei­chen lässt. „Ich begrüße das Ziel, aber es ist gefährdet“, sagte die SPD-Politikerin. Das Impfen komme zum Teil ins Stocken. Insbesondere die niedergelassenen Ärzte, aber auch die Impfzentren müssten sich da­rauf verlassen können, dass der Impfstoff auch komme, der bestellt werde.

In Deutschland sind inzwischen mindestens 57 Millionen Menschen vollständig gegen COVID-19 geimpft. Das sind 68,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, wie aus dem Impfdashboard des Robert-Koch-Instituts hervorgeht (Stand: heute 9.38 Uhr). Gestern wurden demnach rund 807.000 Dosen verabreicht. Dabei handelte es sich um 90.729 Erstimpfungen, 59.847 Zweit- und 656.743 Auffrischungsimpfungen.

Zum Vergleich: Am Dienstag vor einer Woche (23.11.) wurden 96.410 Erstimpfungen verzeichnet, vor zwei Wochen (16.11.) waren es 63.365. Es gab in diesem Monat allerdings auch schon deutlich höhere Werte: So wurden am 24. und 25. November jeweils fast 120.000 Erstimpfungen registriert.

Das Ziel von Bund und Ländern, bis Weihnachten bis zu 30 Millionen Erst-, Zweit- und Auffrischim­pfungen zu ermöglichen, wäre bei dem aktuellen Impftempo nicht zu schaffen. Mit rund 800.000 Impfungen pro Tag würden bis Weihnachten nur etwa 20 Millionen erreicht. Bisheriger Rekordtag war der 9. Juni mit insgesamt 1,4 Millionen Dosen.

Nach Hochrechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) ist das Ziel von 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten jedoch dann leistbar, wenn der Öffentliche Gesundheitsdienst 25 Prozent der Impfungen hinzusteuert.

„Die Zahlen steigen rasant, täglich und dank des enormen Einsatzes der niedergelassenen Ärztinnen, Ärzte und ihrer Teams, der Medizinischen Fachangestellten“, sagte heute Andreas Gassen, Vorstandsvor­sitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Stephan Hofmeister sagte: „Die hausärztlichen und fach­ärztlichen Kolleginnen und Kollegen gehen bis an die Grenzen des Machbaren und oft genug darüber hinaus. Unabdingbar für den Impferfolg sind verlässliche Rahmenbedingungen der Politik, auf die sich die Ärzte verlassen können.“

Das RKI geht davon aus, dass unter Erwachsenen vermutlich mehr Menschen geimpft sind, als die Daten nahelegen: Eine hundertprozentige Erfassung der Impfungen könne durch das Meldesystem nicht erreicht werden, heißt es auf der Impfübersicht des RKI.

Weiterhin gibt es beim Stand der Impfungen gegen das Coronavirus erhebliche regionale Unterschiede: Unter den Bundesländern verzeichnet Bremen den höchsten Anteil, 80,2 Prozent der Bevölkerung dort sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Sachsen bleibt mit Abstand Schlusslicht, hier beträgt der Anteil der vollständig Geimpften nur 58,2 Prozent. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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