NewsVermischtes„An manchen Tagen denke ich: Wie soll ich diese Schicht nur überstehen?“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

„An manchen Tagen denke ich: Wie soll ich diese Schicht nur überstehen?“

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Nürnberg – Bayern gehört in der aktuellen vierten Welle der COVID-19-Pandemie zu den Hochinzidenz­gebieten. Victoria König arbeitet als Intensivkrankenpflegerin im Klinikum Nürnberg Süd, das mit seinen beiden Standorten in der Stadt mit etwa 2.200 Betten der größte kommunale Versorger in der Region ist.

Zudem ist sie Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedi­zin (DGIIN). Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (), erklärt sie, wie sich die Lage am Standort Süd des Klinikums Nürnberg zurzeit darstellt, was sie sich von der Politik wünscht und wovor sie am meisten Angst hat.

Anzeige

5 Fragen an Victoria König, Klinikum Nürnberg Süd

DÄ: Frau König, wie stellt sich aktuell die Lage auf Ihrer Intensiv­station dar?
Victoria König: Wir haben bei uns auf der internistischen Intensiv­station des Klinikums Nürnberg Süd 34 Intensivbetten, von denen zurzeit zwölf mit COVID-Patienten und weitere zwölf mit Nicht-COVID-Patienten belegt sind. Wir haben unsere OP-Kapazitäten reduziert, damit wir mehr COVID-Patienten aufnehmen können.

Insbesondere aus der Anästhesie wird wieder Personal freigesetzt, um auf den Intensivstationen zu helfen. Trotzdem können wir ak­tu­ell zehn unserer Betten nicht betreiben, weil wir nicht genügend Pflegepersonal haben.

DÄ: Wie sieht Ihre Arbeit zurzeit aus?
König: Ich versorge die COVID-Patienten, die bei uns in Einzel- oder Doppelzimmern liegen. Dabei arbeite ich viel alleine im Zim­mer. Die Arbeit ist sehr anstrengend. Das fängt beim Anziehen der Schutzkleidung an. Wenn ich sie angezogen habe, schleuse ich mich in die Patientenzimmer ein. Dort bleibe ich für etwa zwei bis drei Stunden und versorge die Patienten – sowohl die beatmeten als auch die spontan atmenden –, zum Beispiel, indem ich sie umlagere, Verbände wechsle, Medikamente appli­ziere und Mund- und Augenpflege durchführe.

Dabei rede ich mit ihnen. Denn man weiß nie, was sie mitbekommen. Ich erzähle ihnen, was ich gerade mache, und ich berühre sie, damit sie merken, dass sie nicht alleine sind. Dabei hoffe ich, dass es keinen Notfall in einem anderen Zimmer gibt.

Anstrengend ist vor allem auch, dass man am Ende einer Schicht gar nicht richtig sagen kann, inwieweit man eine gute Arbeit geleistet und den Patienten geholfen hat. Denn viele pflegerische Tätigkeiten wür­de man gerne vertiefen, um den Patienten noch besser helfen zu können.

DÄ: Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen in dieser Situation?
König: Ich bin eigentlich ein sehr geduldiger Mensch. Doch ich merke, dass meine Zündschnur immer kürzer wird. Das an mir selbst zu beobachten, finde ich schlimm. Zudem merke ich, dass mich die Arbeit, auf die ich mich früher gefreut habe – das ganze Intensivgeschäft: die Aufnahme, die Diagnostik, die The­rapie, das Helfenkönnen in einer Notlage – heute nur noch anstrengt. An manchen Tagen denke ich mor­gens: Wie soll ich diese Schicht nur überstehen?

Von unserer Intensivstation aus kann man die Rettungswagen sehen, die unsere Notaufnahme anfahren. Im letzten Winter haben wir noch darüber gesprochen, wie es wäre, wenn sie vor unserer Notaufnahme Schlange stehen würden. In diesem Winter wird es wohl so kommen. Das macht mir Angst. Ich könnte deshalb zurzeit nicht sagen, dass es mir gut geht. Auch, wenn ich nach Hause komme, fällt es mir schwer, abzuschalten.

Man merkt auch die Angst auf der Station, dass wir die Arbeit nicht bewältigen können: dass wir zu we­nige Ressourcen bei uns haben, um den Menschen zu helfen, und dass auch die eigenen Ressourcen nicht ausreichen. Ich mache mir auch Sorgen um die anderen Patienten, die nicht an COVID erkrankt sind. Denn sie sind es ja, die ausbaden müssen, was gerade passiert, zum Beispiel die Herzinfarkt- oder die Schlaganfallpatienten. Man hört ja immer mehr, dass diese Patienten akut keine Notaufnahme finden, die sie aufnimmt.

Und schließlich ist es belastend, die schwer kranken COVID-Patienten bei uns zu sehen, die mit dem Tod kämpfen, weil sie nicht geimpft sind. Wir haben bei uns junge, sportliche Männer oder Eltern, die sich über ihre Kinder angesteckt haben. Vor kurzem hatten wir eine junge Frau, die gerade entbunden hatte und jetzt nicht bei ihrer Familie sein konnte, weil sie um ihr Leben kämpfen musste. Das berührt einen schon.

DÄ: Macht es Sie wütend, dass diese vierte Welle hätte verhindert werden können, wenn sich mehr Men­schen geimpft hätten?
König: Es ist eher Unverständnis als Wut. Wut ist bei unserer Arbeit kein passendes Gefühl. Dann müsste ich ja auch wütend sein auf den Raucher, der bei uns liegt. Das bin ich aber nicht. Bei uns sind circa 90 Prozent der COVID-Patienten ungeimpft. Geimpfte COVID-Patienten haben fast immer eine Vorerkran­kung und zudem einen leichteren Verlauf, als sie ohne Impfung gehabt hätten – selbst, wenn sie bei uns auf der Intensivstation liegen. Es ist gut zu sehen, dass die Impfung wirkt. Auch ich fühle mich mit der Impfung bei meiner Arbeit sicherer.

DÄ: Was wünschen Sie sich von der Politik und der Gesellschaft?
König: Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen dazu entscheiden würden, sich impfen zu lassen. Und ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen über verlässliche Quellen informieren und nicht über irgendwelche Facebookseiten. Hier fehlt vielen die richtige Medienkompetenz. Andererseits gibt es selbst bei uns auf der Intensivstation noch Patienten, die mit 100 Prozent Sauerstoff high-flow beatmet werden und die einem immer noch sagen, dass COVID-19 nicht so schlimm sei und dass sie sich trotzdem nicht impfen lassen wollen.

Von der Politik wünsche ich mir, dass sie die Profession der Pflege mehr einbezieht, um die Arbeitsbe­dingungen attraktiver zu machen. Wir sehen seit Jahren, dass die Zahl der Pflegenden auf den Intensiv­stationen zurückgeht. Durch die Pandemie wird das noch verstärkt. Ich finde das höchst alarmierend.

Um das zu ändern, muss die Pflege ein selbstverständlicher Teil der Selbstverwaltung werden. Sie muss selbst festlegen, was ihre Profession betrifft – so, wie es in anderen Berufen wie bei den Ärzten auch der Fall ist. Nur dann können sich die Arbeitsbedingungen aus meiner Sicht nachhaltig zum Besseren verän­dern.

Die Pflegepersonaluntergrenzen, die die Politik eingeführt hat, finde ich grundsätzlich gut. Bei uns wird auch darauf geachtet, den Pflegeschlüssel von 1:2 auf den Intensivstationen einzuhalten. Deshalb sind ja auch sieben unserer Betten gesperrt. Natürlich kann man einen festen Personalschlüssel hinterfragen.

In Zukunft brauchen wir dynamische Personalschlüssel. Denn nicht alle Patienten brauchen gleich viel Betreuung. Und nicht alle Intensivpflegenden sind gleich erfahren. Zurzeit sind die Pflegepersonalunter­grenzen aber die letzte Verteidigungslinie, um die Intensivpflegenden zu schützen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass sie die Mindestbesetzung vorgeben, die aber schon jetzt vielerorts als Maximal­besetzung angesehen wird. © fos/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER