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Ärzteschaft

„Irgendwann reden wir dann über Katastrophenmedizin“

Freitag, 3. Dezember 2021

Leipzig – Sachsen gehört in der aktuellen vierten Welle der COVID-19-Pandemie zu den Hochinzidenz­gebieten. Die schwer erkrankten Patienten werden dabei vor allem in den großen Krankenhäusern des Landes versorgt.

Sven Bercker arbeitet als stellvertretender Klinikdirektor an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Universitätsklinikums Leipzig. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt () erklärt er, wie die Lage auf seiner Intensivstation derzeit ist, wie die nächsten Wochen aus seiner Sicht verlaufen werden und was er sich von der Politik wünscht.

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5 Fragen an Sven Bercker, Universitätsklinikum Leipzig

DÄ: Herr Professor Bercker, wie ist derzeit die Lage auf Ihrer Inten­sivstation?
Sven Bercker: Zu meiner Klinik gehört eine operative Intensiv­sta­tion, auf der wir normalerweise über 52 Intensivbetten verfü­gen. Nachdem wir bei uns im Haus viele elektive Eingriffe ver­scho­ben und Personal von den Normalstationen auf die Intensiv­station ge­holt haben, können wir derzeit 69 Betten betreiben.

Zurzeit sind 20 bis 30 unserer Intensivbetten mit COVID-19-Pa­tienten belegt, Tendenz steigend. Heute sind fünf ECMOs in Ge­brauch. Da wir bei uns ein Zentrum für akutes Lungenversagen betreiben, übernehmen wir viele schwer kranke Patienten von außen.

Auch bei uns sind die meisten Patienten ungeimpft. Das Alters­spektrum ist recht breit. Die meisten Patienten sind zwischen 40 und 60 Jahren alt, manche älter. Die Geimpften, die bei uns liegen, sind fast alle gesundheitlich vorbelastet. Manche haben eine hä­matologische Grunderkrankung, andere sind organtransplantiert. Dass jemand geimpft und ansonsten gesund ist und trotzdem schwer erkrankt, ist eine Rarität.

DÄ: Sind Sie wütend auf die ungeimpften Patienten, die diese vierte Pandemiewelle ja zu einem großen Teil ausgelöst haben?
Bercker: Nein. Natürlich fehlt mir manchmal das Verständnis. Ich glaube, viele der Ungeimpften sind schlecht informiert und haben ein irrationales Weltbild. Das hatten wir aber auch schon vor der Pande­mie. Die Welt ist nun einmal bunt und viele Menschen haben Erklärungsansätze für Krankheiten, die tat­sächlich weit weg von meinem Ansatz sind. Ich erwarte nicht, dass diese Menschen wegen der Pandemie jetzt ihr Weltbild ändern.

Wütend bin ich höchstens auf die Menschen, die zu uns kommen und unsere Mitarbeiter dafür kritisieren oder im schlimmsten Fall beschimpfen, dass wir ihnen eine wissenschaftlich fundierte Medizin anbieten. Das finde ich unangemessen.

DÄ: Wie ist die Stimmung auf Ihrer Station?
Bercker: Viele unserer Mitarbeiter sind erschöpft. Die Arbeit auf der Intensivstation ist zurzeit sehr an­stren­gend. Ich finde es erstaunlich, wie viele Mitarbeiter trotzdem eine tolle und engagierte Arbeit leis­ten – gerade Pflegende, die von anderen Stationen ohne Intensiverfahrung kommen und die uns unter­stützen. Die Mitarbeiter sind ja nicht nur durch die Arbeit belastet, man verlangt ja von ihnen darü­ber hinaus die gleiche Solidarität wie von allen anderen: Einschränkungen in der Freizeit, geschlossene Schulen und die damit verbundenen Folgen. Es ist wieder eine schwere Zeit.

DÄ: Wie werden die nächsten Wochen aus Ihrer Sicht verlaufen?
Bercker: Die Situation wird sich weiter zuspitzen. Ich mache mir Sorgen, dass die medizinische Versor­gung der Menschen dadurch noch weiter eingeschränkt wird. Als die Infektionszahlen im Dezember 2020 gestiegen sind, hatten wir einen Lockdown und konnten erwarten, dass die Zahl der COVID-Patienten auf unserer Intensivstation wieder sinken wird. Heute haben wir keinen Lockdown. Und ich sehe im Alltag, dass sich viele Menschen bei uns nicht an die neuen Schutzmaßnahmen halten. 2G klingt zwar wohlfeil. Ich kann aber überhaupt nicht einschätzen, in welchem Umfang und ob überhaupt hierdurch Effekte zu erwarten sind.

Ich nehme an, dass es in einem so großen Klinikum wie unserem in absehbarer Zeit nicht zu einer harten Triage kommen wird. Dringliche Eingriffe werden durchgeführt, aber natürlich müssen wir wie alle Klini­ken priorisieren. Und das führt eher zu einer Absenkung der Versorgungsqualität in der Breite. Das ist ja eine Abwärtsspirale.

Wir können natürlich mehr weniger qualifiziertes Personal einsetzen, den Pflege­schlüssel weiter absen­ken und damit zulassen, dass die Belastung der Mitarbeiter weiter zunimmt. Ich kann mir aber leicht eine Situation vorstellen, in der das nicht mehr geht. Irgendwann reden wir dann über Katastrophenmedizin.

DÄ: Was erwarten Sie jetzt von der Politik?
Bercker: Ich habe Respekt vor den Entscheidungen, die die Politik jetzt treffen muss. Sie muss versuchen, die Waage zu halten zwischen dem Schutz der Bevölkerung und der Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und den Freiheitsrechten der Bevölkerung – inklusive der Freiheitsrechte der Kinder und Jugendlichen. Ich wünsche mir, dass die hohe Arbeitsbelastung auf den Intensivstationen und die De­kom­­­­pensation der medizinischen Versorgung aufhört. Ich wünsche mir aber auch, dass unsere Kinder ihr Leben leben können. Ich maße mir nicht an, hier die Wahrheit zu kennen.

Darüber hinaus mache ich mir Sorgen, dass der Pflegemangel nach der Pandemie noch größer werden wird. Wir machen uns auch bei uns im Krankenhaus Gedanken darüber, wie man die Attraktivität des Pflegeberufes verbessern kann. Das ist aber nicht so leicht, denn es ist nun einmal kein Beruf, den man von 9 bis 17 Uhr ausführen kann. Eine inhaltlich begründete Personalbemessung, wie sie mit den Pflege­personaluntergrenzen versucht wird, finde ich richtig.

Gleichzeitig wollen wir aber auch unsere Patienten versorgen. Und wenn ich vor der Wahl stehen würde, einen Notfall aufzunehmen, für den es keine andere Versorgungsmöglichkeit gibt, und damit die Grenz­werte bei den Pflegepersonaluntergrenzen zu reißen oder ihn nicht aufzunehmen und die Grenzwerte einzuhalten, würde ich natürlich den Patienten aufnehmen.

Das ist ein Dilemma, das wir in den Kliniken nicht lösen können und ich wünsche mir, dass dieses Dilem­ma auf einer gesellschaftlichen Ebene diskutiert und gelöst wird und nicht alleine bei uns bleibt. © fos/aerzteblatt.de

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