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Medizin

COVID-19: WHO rät von Behandlung mit Rekonvaleszenten­serum ab

Dienstag, 7. Dezember 2021

/dpa

Genf – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät in der jüngsten 7. Version ihrer „living“-Leitlinie erstmals ausdrücklich von der Behandlung von COVID-19-Patienten mit dem Blutplasma genesener Patienten ab. Für die Behandlung gibt es laut der Publikation im Britischen Ärzteblatt (BMJ, 2020; DOI: 10.1136/bmj.m3379) weder bei leichten noch bei schweren Fällen einen ausreichenden Wirkungsbeleg.

Das Plasma von Menschen, die von COVID-19 genesen sind, enthält Antikörper gegen SARS-CoV-2, die im Prinzip andere Menschen vor einer Erkrankung schützen könnten. Die Behandlung mit Rekonvaleszen­ten­serum, die nach dem Vorbild der von Emil von Behring vor über 100 Jahren eingeführten Serumthera­pie erfolgt, erfordert jedoch einen hohen organisatorischen Aufwand (Suche nach Spendern, Blutentnah­me und Aufbereitung) und die Dosis der übertragenen Antikörper lässt sich nur schwer standardisieren (die Titer bei den Genesenen können stark schwanken). Hinzu kommt, dass die klinischen Studien, die seit dem Beginn der Pandemie durchgeführt wurden, zumeist nicht die erhofften Ergebnisse erzielt haben.

Die Empfehlungen der WHO-Arbeitsgruppe um Michael Jacobs von der McMaster Universität in Hamilton/Kanada, stützen sich auf gepoolte Daten aus 16 randomisierten kontrollierten Studien, von denen die meisten bei Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Erkrankungen durchgeführt wurden.

Die Metaanalyse zu 14.366 Patienten mit schwerer Erkrankung ergab nur eine minimale Reduktion des Sterberisikos um 8 %. Die Odds Ratio von 0,92 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,70 bis 1,12 jedoch nicht signifikant, so dass der Nutzen nicht sicher belegt ist. Er würde bei einer Vermeidung von 9 Todesfällen auf 1.000 Patienten ohnehin gering ausfallen. Es wurde auch kein signifikanter oder klinisch relevanter Einfluss auf die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung, die Zeit bis zum Abklingen der Symptome, die Verweildauer im Krankenhaus oder die Dauer der Beatmung gefunden.

Diese Ergebnisse dürften viele Experten nicht überraschen, da die Prognose der Patienten bei einer fortgeschrittenen Erkrankung weniger von der Viruslast abhängt als von den bereits eingetretenen Schäden und einer unangemessenen Immunreaktion. Das Rekonvaleszentenserum könnte nur die Viruslast senken. Auf die Folgeschäden hat es vermutlich keinen Einfluss.

Ein Erfolg der Behandlung mit Rekonvaleszentenserum wäre eher im Frühstadium zu erwarten. Hier wurden allerdings kaum Studien durchgeführt, da am Anfang der Infektion kaum abzusehen ist, bei welchen Patienten die Behandlung nötig und der relativ große Aufwand zu rechtfertigen wäre. Die WHO-Autoren konnten nur wenige randomisierte Studien ausfindig machen mit einer begrenzten Anzahl von Teilnehmern. Entsprechend unsicher sind die Ergebnisse.

Die Auswertung zur Mortalität beruht nur auf 1.602 Patienten. Das Sterberisiko wurde um 17 % gesenkt, doch die Odds Ratio von 0,83 hat ein weites 95-%-Konfidenzintervall von 0,43 bis 1,46, woraus sich keine Evidenz ableiten lässt. Hinzu kommt, dass das Sterberisiko im Frühstadium gering ist, was den potenziellen Nutzen einschränkt. Die Behandlung könnte allenfalls 1 von 1.000 Patienten das Leben retten.

Unter dem Strich lässt sich aus den Daten keine Empfehlung für die Behandlung mit Rekonvaleszenten­serum ableiten. Anders ist die Situation bei der modernen Variante, bei der die Patienten mit einzelnen neutralisierenden Antikörpern in hoher Dosis behandelt werden.

Die WHO empfiehlt seit dem 24. September die Gabe von Casirivimab plus Imdevimab. Bei nicht-schweren Erkrankungen sollte die Behandlung aus Kostengründen auf die Patienten mit dem höchsten Risiko auf einen schweren Verlauf beschränkt werden. Bei schweren Erkrankungen macht die Behand­lung nach Ansicht der WHO nur Sinn, wenn die Patienten seronegativ sind, also keinen eigenen Schutz durch frühere Infektionen oder Impfungen haben. © rme/aerzteblatt.de

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