Politik
Richtlinie zur Komplexbehandlung schwer psychisch Kranker nicht beanstandet
Donnerstag, 9. Dezember 2021
Berlin – Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat die neue Richtlinie zur Komplexbehandlung (KSVPsych-Richtlinie) schwer psychisch kranker Menschen entgegen der Kritik von Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) sowie ärztlichen und psychotherapeutischen Berufsverbänden nicht beanstandet.
Die am 2. September vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossene KSVPsych-Richtlinie sieht vor, dass schwer psychisch Kranke künftig durch ein Netz aus Ärzten beziehungsweise Psychotherapeuten versorgt werden sollen.
Patienten können dabei eine ärztliche oder therapeutische Bezugsperson bestimmen, die für sie die gesamte Behandlung plant und alle daran Beteiligten koordiniert. Letzteres schließt medizinische, psychotherapeutische, psychiatrische, ergo- und soziotherapeutische, psychosomatische und psychosoziale Hilfen ebenso wie eine psychiatrische häusliche Krankenpflege ein.
„In der aktuellen Fassung der Richtlinie ist die koordinierte strukturierte Versorgung schwer psychisch Kranker nicht gesichert, weil so nicht flächendeckend ausreichend psychotherapeutische und ärztliche Praxen zur Verfügung stehen“, kritisierte BPtK-Präsident Dietrich Munz. Die BPtK hält die KSVPsych-Richtlinie zudem für rechtswidrig, weil sie Familien- und Sorgearbeit diskriminiere.
„Der Gesetzgeber hat vor 15 Jahren ausdrücklich die Möglichkeit geschaffen, dass sich Psychotherapeuten und Ärzte Praxissitze teilen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können“, heißt es aus der BPtK. Die neue Richtlinie sieht vor, Leistungserbringer mit halben Praxissitzen von der zentralen Koordinierungsrolle in der ambulanten Komplexversorgung auszuschließen.
„Gerade in ländlichen und strukturschwachen Regionen werden deshalb psychotherapeutische und ärztliche Praxen fehlen, die die Komplexversorgung übernehmen können“, erklärt BPtK-Präsident Munz. Die BPtK hatte deshalb auch in einer Resolution beim 39. Deutschen Psychotherapeutentag am 19. und 20. November vom BMG gefordert, die Richtlinie zur Komplexversorgung zu beanstanden.
„Der Ausschluss von Praxen mit halbem Versorgungsauftrag hilft der Richtlinie nicht beim Start in die Versorgung, denn mehr als 50 Prozent der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verfügen inzwischen über einen halben Versorgungsauftrag“, ergänzte Benedikt Waldherr, Vorsitzender des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). „Es ist enttäuschend, dass wir kein Gehör gefunden haben.“
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Laut KSVPsych-Richtlinie ist ein voller Praxissitz notwendig, damit die koordinierenden Ärzte und Psychotherapeuten ausreichend erreichbar sind, auch bei Krisen und Notfällen. „Auch Psychotherapeuten mit halben Praxissitzen müssen für Patientinnen und Patienten in Krisen jederzeit erreichbar sein“, argumentiert hingegen die BPtK.
Nadelöhr differenzialdiagnostische Abklärung
Darüber hinaus sieht die KSVPsych-Richtlinie vor, dass sich jeder Patient innerhalb einer Woche zur differenzialdiagnostischen Abklärung bei einem Facharzt für Psychiatrie oder Psychosomatik vorstellen muss, um in die Richtlinie eingeschrieben werden zu können, auch wenn diese bereits von einem Psychotherapeuten in der Sprechstunde durchgeführt wurde.
„Dies stellt für Patienten eine überflüssige bürokratische Hürde dar und ist zudem unnötig“, kritisiert BPtK-Präsident Munz. „Wir haben vielerorts einen eklatanten Mangel an Psychiatern und Psychosomatikern, sodass dieses Nadelöhr unbedingt vermieden werden muss“, betont auch bvvp-Vorstandsmitglied Ulrike Böker.
Die Bundespsychotherapeutenkammer weist darauf hin, dass die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag vereinbart hat, für Patienten mit schweren und komplexen psychischen Erkrankungen den Zugang zu ambulanten Komplexleistungen sicherzustellen.
„Wir brauchen nun schnell einen gesetzlichen Auftrag an den G-BA, der die Fehler der Richtlinie zur ambulanten Komplexversorgung korrigiert, damit flächendeckend ein ausreichendes Versorgungsangebot entstehen kann“, fordert BPtK-Präsident Munz. © PB/aerzteblatt.de

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