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Vermischtes

Mehr als jeder fünfte Hartz-IV-Empfänger geht Erwerbstätigkeit nach

Mittwoch, 15. Dezember 2021

/Marco2811, stockadobecom

Gütersloh – Sie haben einen Arbeitsplatz und sind trotzdem auf Sozialleistungen angewiesen: Rund 860.000 Menschen müssen einer Untersuchung zufolge aufstocken. Besonders häufig betroffen sind Allein­erziehende, wie die Bertelsmann Stiftung heute erklärte.

„Es ist erschreckend, dass ein so hoher Anteil der Alleinerziehenden trotz Arbeit auf Transferleistungen angewiesen ist, um das Existenzminimum für sich und ihre Kinder zu sichern“, erklärte die Direktorin für Bildung bei der Stiftung, Anette Stein.

Insgesamt 22 Prozent der Sozialhilfeempfänger nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) gingen im Juni 2021 einer Erwerbstätigkeit nach, wie Bertelsmann mitteilte. Gemäß einer Langzeitstudie für den Zeit­raum von 2010 bis 2018 war ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger, die in einer Familie mit Kindern le­ben, erwerbstätig.

Im Juni 2021 lebten demnach mehr als 1,8 Millionen Kinder in Familien, die Hartz IV bezogen. Oftmals lohnt sich die Arbeit für Leistungsempfänger jedoch nur begrenzt: Nur einen kleinen Teil des zusätz­lichen Einkommens dürfen sie behalten, ein Vermögen ansparen dürfen sie nicht.

Ob Erwerbstätige aufstocken mussten oder nicht, hing laut Bertelsmann Stiftung insbesondere mit der Erwerbssituation zusammen. „Je geringer die Arbeitszeit und je niedriger der Stundenlohn ausfallen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, zusätzlich SGB II-Leistungen beziehen zu müssen“, erklärte die Stiftung.

Fast die Hälfte der Aufstockerinnen und Aufstocker (46 Prozent) übte demnach eine geringfügige Be­schäftigung aus, über drei Viertel erhielten darüber hinaus einen Niedriglohn. Besonders häufig mussten laut der Studie Alleinerziehende aufstocken: Mehr als jeder oder jede sechste erwerbstätige Alleinerzie­hende bezog zusätzliche Leistungen nach SGB II.

„Alleinerziehende haben eine hohe Motivation, erwerbstätig zu sein“, erklärte Stein weiter. „Doch für sie ist es besonders schwer, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren“. Wer allein für die Fürsorge für ein Kind zuständig sei, habe aber oftmals keine Wahl, erklärte die Stiftung.

Die Coronapandemie habe die Situation weiter verschärft: Der Anteil der Aufstocker sei zwar zurück­ge­gangen, 2019 lag er noch bei über 26 Prozent. Dies lag jedoch nicht an einer Verbesserung der Erwerbs­situation: Den zentralen Grund sehen die Experten vielmehr im Wegfall vieler Minijobs, insbe­sondere im Gastgewerbe. Zudem sei die Kinderbetreuung während der Pandemie zu einem noch größe­ren Problem geworden.

Aufstocker hatten demnach außerdem häufiger einen Migrationshintergrund und lebten eher in Ost­deutschland. Auch ein niedriges Bildungsniveau erhöhte demnach das Aufstockerrisiko. Ein weiterer Faktor war der Gesundheitszustand.

Um die Situation insbesondere von Alleinerziehenden zu verbessern, forderten die Experten eine Kinder­grundsicherung. Auf eine solche Maßnahme hat sich die Ampel-Koalition in ihrem Koalitionsvertrag ge­einigt. Auch eine Reform der Minijobs könne die Situation verbessern: Die Experten forderten eine Um­wandlung der Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

Die Studie wurde im Auftrag der Bertelsmann Stiftung von Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit erstellt. Für ihre Erhebung nutzten die Forscher demnach hauptsächlich das Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS). Für dieses Panel werden seit 2006/07 jährlich rund 12.000 Menschen ab 15 Jahren in 8.000 Haushalten zu ihrer materiellen und sozialen Lage befragt. © afp/aerzteblatt.de

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