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Medizin

Kardiologen fordern bessere Blutdruckkontrolle in der Schwangerschaft

Donnerstag, 16. Dezember 2021

/skif, stock.adobe.com

Rochester/Minnesota – Obwohl ein erhöhter Blutdruck nach postpartalen Blutungen die zweithäufigste Ursache für Todesfälle während der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Geburt sind, wird in den Leitlinien sehr zurückhaltend zu einer medikamentösen Blutdrucksenkung geraten. Die American Heart Association fordert in einem wissenschaftlichen Statement in Hypertension (2021; DOI: HYP.0000000000000208) ein Umdenken.

Die USA haben von allen hochentwickelten Ländern mit die höchste Müttersterblichkeit. Die Ursache ist nicht klar, eine Zunahme von Hochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft ist jedoch die am meisten plausible Erklärung. Hochdruckerkrankungen haben zugenommen, weil die Frauen ihre Kinder später bekommen und viele bei der Schwangerschaft bereits Risikofaktoren für eine arterielle Hypertonie haben, allen voran ein zu hohes Körpergewicht.

Zugenommen hat auch die Zahl der Schlaganfälle in der Schwangerschaft, für die ein erhöhter Blutdruck der wichtigste Risikofaktor ist. Eine Hypertonie ist auch der zweitwichtigste Risikofaktor für eine Präeklampsie (nach einer Präeklampsie in einer früheren Schwangerschaft), die nicht nur das Leben des Kindes gefährdet, sondern auch die Gesundheit der Frau während und nach der Schwangerschaft.

Obwohl sich die Fachgesellschaften international einig sind, dass ein erhöhter Blutdruck normalerweise frühzeitig mit Medikamenten gesenkt werden sollte, sind die Empfehlungen in der Schwangerschaft sehr zurückhaltend.

Die Leitlinien raten erst zur Behandlung, wenn der Blutdruck deutlich angestiegen ist. In der deutschen Leitlinie liegt der Grenzwert bei 150 bis 160/100 bis 110 mm Hg. In der Praxis erfolgt die Behandlung oft erst, wenn weitere Zeichen einer Präeklampsie, etwa eine Proteinurie, aufgetreten sind. Der Grund ist die Sorge, dass die Medikamente dem Kind schaden könnten. Tatsächlich liegen für die meisten Medika­mente kaum Daten zur Sicherheit in der Schwangerschaft vor, da Schwangere in der Regel von der Teilnahme an Studien ausgeschlossen werden.

Dies hat dazu geführt, das zur Behandlung eher ungewöhnliche Wirkstoffe eingesetzt werden. In Deutsch­land ist Alpha-Methyldopa das Mittel der 1. Wahl, das bei der Behandlung der Hypertonie ansonsten nicht mehr verwendet wird. In angelsächsischen Ländern wird der Betablocker Labetalol eingesetzt, der in Deutschland gar nicht zugelassen ist.

Die Standardwirkstoffe zur Blutdrucksenkung werden in der Schwangerschaft nicht eingesetzt: Bei Diuretika wird befürchtet, dass es infolge eines verminderten Plasmavolumens zu einer Störung der Plazentadurchblutung kommt. ACE-Hemmer und Sartane gelten als nephrotoxisch und potenziell teratogen. Atenolol ist ebenfalls kontraindiziert.

Die Zahl der klinischen Studien zur Behandlung der Hypertonie in der Schwangerschaft ist begrenzt, und eine der wenigen Studien hat keinen eindeutigen Nutzen ergeben. In der kanadischen CHIPS-Studie („Control of Hypertension in Pregnancy Study“) war es zwar gelungen, den Blutdruck auf 133/85 mm Hg zu senken und die Häufigkeit von schweren Hypertonien (160/110 mm Hg oder höher) konnte von 40,6 % auf 27,5 % gesenkt werden.

Ein Vorteil für Mutter und Kind war jedoch nicht nachweisbar. Derzeit wird in der US-amerikanischen CHAP-Studie an etwa 2.400 Schwangeren ein erneuter Versuch unternommen, einen Nutzen der anti­hypertensiven Therapie in der Schwangerschaft zu belegen. Mit den endgültigen Ergebnissen wird in den nächsten Monaten gerechnet. Vorher dürfte es mangels klinischer Daten keine neuen Empfehlungen geben.

Das internationale Expertenteam um Vesna Garovic von der Mayo Clinic in Rochester (zu dem auch Ralf Dechend vom Helios Klinikum Berlin-Buch gehört) hofft auf einen positiven Ausgang der Studie und darauf, dass in Zukunft die Behandlung der arteriellen Hypertonie in der Schwangerschaft gezielter erfolgen kann.

Der Ratschlag an alle Frauen mit Kinderwunsch ist derzeit, die Ernährung umzustellen und möglichst mit einem normalen Körpergewicht in die Schwangerschaft zu gehen. Während der Schwangerschaft sollte eine übermäßige Gewichtszunahme verhindert werden. Die Frauen sollten auch während der Schwanger­schaft sportlich aktiv bleiben, da dies das Risiko auf eine Schwangerschaftshypertonie um etwa 30 % und das Risiko einer Präeklampsie um etwa 40 % senken kann.

© rme/aerzteblatt.de

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