NewsÄrzteschaft„Das Gesundheitswesen ist derzeit für etwa fünf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich“
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„Das Gesundheitswesen ist derzeit für etwa fünf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich“

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Berlin – Umwelt und Gesundheit hängen eng zusammen. Das ist in diesem Jahr auch in der Politik ange­kommen. Erstmals wurde dem Thema Gesundheit auf einer Weltklimakonferenz größere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch die neue Bundesregierung versucht den Zusammenhang stärker zu berücksichtigen und holte sich für ihr Koalitionspapier unter anderem Hilfe von der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoff­mann. Sie riet zu Maßnahmen, die von Städteplanung über Prävention bis zum One-Health-Ansatz reichen.

Doch auch die Umweltmedizin selbst, die sich gezielt mit den Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die menschliche Gesundheit befasst, wird in Deutschland bislang vernachlässigt, meint die Dermatologin. Noch immer gibt es keine flächendeckende Versorgung, wie Traidl-Hoffmann gemeinsam mit Kollegin­nen und Kollegen der Kommission Umweltmedizin und Environmental Public Health am Robert-Koch-Institut in einer Stellungnahme erklärt. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit ihr.

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Fünf Fragen an Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich sowie Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg.

DÄ: Frau Traidl-Hoffmann, Sie beklagen in Ihrer Stellungnahme einen extremen Rückgang von qualifizierten Umweltmedizinern. Es gebe kaum noch Weiterbildungsmöglichkeiten und die Finan­zierung des Bereiches sei problematisch. Warum wäre es gerade jetzt wichtig, den Bereich Umweltmedizin stärker zu fördern?
Claudia Traidl-Hoffmann: Die Umweltmedizin versucht zu verstehen, wie die Umwelt krank macht oder auch gesund hält. Denn Umwelt ist ja deutlich mehr als die Luft, die wir atmen oder das Wasser, das wir trinken.

Die Umwelt ist alles, was wir nicht selbst sind. Dazu zählen zum Beispiel auch Ernährung und psychosoziale Faktoren. Nur wenn die Umweltmedizin so ganzheitlich und interdisziplinär gedacht wird, lässt sich auch die Forschung vorantreiben. Und die ist immens wichtig, denn nur, wenn man all diese Zusammenhänge versteht, kann man die richtigen Präventionsmaßnahmen ergreifen.

Die jetzige Pandemie zeigt ja ganz deutlich: Wenn wir Prävention höher eingestuft hätten, würden wir heute vielleicht weniger schlecht dastehen. Menschen, die auf den Intensivstationen liegen, sind häufig adipös, Raucher oder haben Typ-2-Diabetes. Wäre der Fokus mehr darauf gelegt worden, auch diesen Menschen zu vermitteln, wie sie gesünder leben können, wären sie weniger anfällig gewesen.

DÄ: Sie selbst erforschen molekulare Mechanismen der Interaktion Mensch-Umwelt sowie die Folgen von Klimawandel und Klimaeffekt. Was haben sie bisher herausgefunden?
Traidl-Hoffmann: Ich habe mich in meiner medizinischen Forschung auf das Thema Allergien konzen­triert, die Umweltkrankheit an sich. 40 Prozent der Menschen in Europa sind davon betroffen, ein hoch­spannendes Feld. Wir untersuchen also wie Pollen, aber auch Schadstoffe, ultrafeine Partikel, auf uns Menschen wirken. Wir wissen mittlerweile wie die Barriere der Haut auf molekularer Ebene gestört wird, wie Eiweißmoleküle auf der Haut reduziert werden, also letztendlich welchen Einfluss die Umwelt auf das Mikrobiom der Haut hat.

Gleichzeitig schauen wir uns an, wie Umweltfaktoren die Ökosysteme beeinflussen. Denn Schadstoffe können diese verändern. Pollen fliegen deutlich früher und länger, bis spät ins Jahr. Sie werden auch aggressiver, weil CO2 ein Wachstumsfaktor ist und es gibt auch neue Pollen, die hier früher nicht heimisch waren. Irgendwann ist unser Forschungsteam dann gemeinsam in die Städte gegangen und auf Birken geklettert, um Pollen zu sammeln und zu untersuchen, denn natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen Stadt und Land.

DÄ: Was haben Sie der neuen Bundesregierung basierend auf Ihren Ergebnisse geraten?
Traidl-Hoffmann: Unter anderem, die Gesundheit beim Bauen stärker zu berücksichtigen. Städteplanung ist ein riesiger Hebel. Das beginnt schon bei der Begrünung. In vielen Städten stehen hochallergene Birken dicht an dicht. Stattdessen sollten Pflanzen sinnvoll ausgewählt werden, auch Fassaden und Dächer begrünt und Grünflächen grundsätzlich nachhaltig bepflanzt werden, also etwa ohne tropische Importe, hohen Wasser- oder Pflegebedarf.

Derzeit sind Städte Hitzeinseln, dieser Einfluss muss reduziert werden. Auch im Koalitionsvertrag steht nun, dass die Städteplanung zukunftsorientiert sein soll. Auch der One-Health-Ansatz wurde aufge­nommen, was beispielweise auch den jetzigen Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft verändern wird.

DÄ: Sind Sie mit er Rolle zufrieden, die Gesundheit bei der Weltklimakonferenz in Glasgow gespielt hat?
Traidl-Hoffmann: Auch in Glasgow wurde erkannt, dass die Gesundheit ein Thema ist, das als Kommuni­ka­­­tionsplattform dienen kann, um den Menschen das Thema Klimawandel näher zu bringen. Denn wenn die Leute verstehen, dass es ihnen an den Kragen geht, werden sie wahrscheinlich eher aktiv, als wenn die Eisbären sterben. Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert, das muss man der Bevölkerung klar machen.

Ich bin also zufrieden, dass der Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit in Glasgow präsent war und darüber gesprochen wurde. Ausreichend kann das noch lange nicht sein, denn die massiven Maßnahmen, die nötig wären, werden bislang einfach noch nicht ergriffen.

Einer der wichtigsten Beschlüsse war aus meiner Sicht, dass der Gesundheitssektor nicht nur Umwelt­einflüsse bei der Gesundheitsversorgung stärker berücksichtigen sollte, sondern auch, dass der Gesund­heitssektor selbst nachhaltiger werden muss. Deutschland hat leider nicht mitunterschrieben, dass die Gesundheitssekto­ren bis 2040 klimaneutral werden sollen. Dafür hat der Deutsche Ärztetag unabhängig davon diesen Beschluss gefasst.

DÄ: Welchen Beitrag kann das Gesundheitswesen denn aus Ihrer Sicht leisten?
Traidl-Hoffmann: Das Gesundheitswesen ist derzeit für etwa fünf Prozent der CO2-Emissionen verant­wortlich und ist einer der größten Arbeitgeber weltweit. Wir müssen also auch vor der eigenen Tür kehren. Das betrifft alle Bereiche. Es beginnt mit Krankenhäusern, die so geplant werden müssen, dass sie nachhaltig funktionieren können und reicht bis hin zur Ärzteversorgung, die nur noch in nachhaltige Quellen investiert werden sollten, nicht mehr in Anlagen beispielsweise mit Öl. Es muss also sehr umfassend gedacht werden.

Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug), deren Mitglied ich bin, hat dazu bereits Gespräche unter anderen mit den Landesärztekammern geführt. Viele haben auch schon reagiert und versuchen die Finanzanlagen entsprechend zu ändern. Aber auch die Niedergelassenen müssen reagie­ren.

Schon kleine Schritte können dabei viel bewirken, etwa in dem alle Lichter auf LED umgestellt werden. Es wäre sinnvoll Maßnahmenkataloge für die verschiedenen Bereiche zu erarbeiten, an denen sich die verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens dann orientieren können. © alir/aerzteblatt.de

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