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Medizin

Omikron: Erkrankungen in Südafrika nehmen häufig milderen Verlauf

Donnerstag, 23. Dezember 2021

/Michael, stock.adobe.com

Johannesburg – In Südafrika, wo die Erkrankungszahlen in den letzten Tagen wieder leicht zurückgegan­gen sind, mussten Patienten mit einer Omikron-Infektion deutlich seltener im Krankenhaus behandelt werden als während der Delta-Welle. Der Anteil der schweren Erkrankungen scheint ebenfalls geringer zu sein, obwohl die Viruslast laut dem Bericht in medRxiv (2021; DOI: 10.1101/2021.12.21.21268116) höher ist.

Normalerweise geht eine erhöhte Viruslast mit schwereren Verläufen einer Erkrankung einher, da mehr Viren mehr Zellen infizieren und zerstören können. Experten mussten deshalb davon ausgehen, dass die neue Variante Omikron zu einem Anstieg von Hospitalisierungen und Intensivbehandlungen führt. Die Zahlen, die Nicole Wolter vom südafrikanischen National Institute for Communicable Diseases (NICD) und Mitarbeiter in Johannesburg jetzt vorstellen, scheinen deshalb nicht zusammenzupassen.

Der CT-Wert liegt in den Omikron-Abstrichen bisher bei 23,95 gegenüber 26,98 während der frühen Delta-Welle. Der CT-Wert ist die Zahl der Zyklen, die im PCR-Test bis zum Virusnachweis notwendig werden. Dies ist bei einer hohen Viruslast bei weniger Zyklen der Fall. Ein niedriger CT-Wert weist deshalb auf eine hohe Viruslast hin, die auch die rapide Ausbreitung der neuen Variante erklärt.

Dennoch war die Zahl der Patienten mit Omikron-Infektion, die nach einem positiven PCR-Test (im Zeitraum bis zum 30. November) wegen COVID-19 hospitalisiert wurden, ungewöhnlich niedrig. Wolter hat hier die täglichen Berichte ihrer Behörde zu den Krankenhausbehandlungen wegen COVID-19 (DAT-COV) ausgewertet.

Die Hospitalisierungsrate lag zu Beginn der neuen Erkrankungswelle bei Patienten mit „S gene target failure“ (SGTF) nur bei 2,5 % gegenüber 12,8 % bei den Patienten ohne SGTF. Die adjustierte Odds Ratio betrug nach den Berechnungen von Wohler 0,2 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,1 bis 0,3 hochsignifikant.

Beim SGTF fällt der Gennachweis auf das Spikegen falsch negativ aus, weil der Genabschnitt, den die PCR vervielfältigen soll, aufgrund einer Deletion im Omikron-Genom fehlt (wie dies auch bei der inzwi­schen weitgehend verschwundenen Alpha-Variante der Fall war). In der Delta-Variante ist das Gen an dieser Stelle komplett.

Auch in einem Vergleich zu der früheren Delta-Welle ist die Hospitalisierungsrate niedrig. Wolter ermit­telt eine adjustierte Odds Ratio von 0,3 (0,2 bis 0,5). Eine Infektion mit Omikron könnte demnach zu 70 % bis 80 % seltener eine Hospitalisierung erforderlich machen. Die Nachbeobachtungszeit reicht inzwi­schen bis zum 21. Dezember. Damit lässt sich laut Wolter weitgehend ausschließen, dass die Studie nur die Frühphase der Erkrankungen erfasst und viele Patienten das Spätstadium von COVID-19 noch nicht erreicht haben. Gegen diesen Einwand spricht auch, dass der 1. Vergleich an Personen erfolgte, die sich gleichzeitig infiziert hatten.

Eine mögliche Erklärung für den milderen Verlauf trotz höherer Viruslast könnte die hohe Immunität in der südafrikanischen Bevölkerung sein. Die Impfquote ist zwar mit 24 % (bei 18- bis 34-Jährigen) bis 65 % (bei den über 60-Jährigen) im Vergleich zu anderen Ländern niedrig. Die Zahl der Infektionen mit SARS-CoV-2 war in Südafrika in den ersten 3 Wellen jedoch sehr hoch.

Es wird geschätzt, dass sich 60 % bis 70 % der Bevölkerung bereits 1 Mal mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Die Immunität durch Impfung oder frühere Infektionen könnte dazu geführt haben, dass die Viren sich zwar auf den Schleimhäuten stark vermehren, aber nicht tiefer in den Körper eindringen.

Auch die Gefahr von schweren Verläufen scheint geringer zu sein. Der Anteil der hospitalisierten Patien­ten mit SGTF, die auf Intensivstation behandelt werden mussten, ein akutes Atemnotsyndrom erlitten oder starben, lag bei 21 % gegenüber 40 % bei Patienten ohne SGTF. Die adjustierte Odds Ratio von 0,7 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,3 bis 1,4 jedoch nicht signifikant, was an den niedrigen Fallzahlen gelegen haben könnte.

Im 2. Vergleich mit der Delta-Welle wurde das Signifikanzniveau erreicht. Wolter errechnet eine adjus­tierte Odds Ratio von 0,3 (0,2 bis 0,5), die auf einen Rückgang der schweren Fälle mit Intensivbehand­lung um 70 % hindeutet. Dies muss nicht unbedingt zu einer Entlastung der Intensivstationen führen, da die Omikron-Welle deutlich schneller anflutet als zuvor die Delta- und Alpha-Welle. Es könnte zu mehr Erkrankungen innerhalb eines kurzen Zeitraums kommen.

Experten mahnten vor vorschnellen Schlüssen. „Aktuell erscheinen mir die Daten zur Krankheits­schwere von Omikron noch etwas zu dünn, um daraus allgemeingültige Aussagen zu treffen“, sagte die Infektiolo­gin Isabella Eckerle von der Universität Genf.

Sie mahnte, keine voreiligen Schlüsse aus der Untersuchung zu ziehen. „Man muss auch bedenken, dass Südafrika eine junge Population hat, in den vorherigen Wellen bereits eine starke Übersterblichkeit ent­stand und die berichteten Fälle vor allem junge Menschen mit Impfdurchbrüchen waren“, sagte sie. „Auch zirkulierte in Südafrika vermehrt die Beta-Variante, so dass wahrscheinlich ein anderer immunologischer Hintergrund herrscht als bei uns.“

Ähnlich äußerte sich Björn Meyer, Leiter der Arbeitsgruppen Virusevolution der Universität Magdeburg. Es gebe große Unterschiede zwischen Südafrika und Deutschland. Südafrika habe viele schwere Wellen erlebt, die Bevölkerung sei im Durchschnitt sehr viel jünger. „Es bleibt somit abzuwarten.“ © rme/dpa/aerzteblatt.de

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