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Medizin

Hebammengeleitete Geburten haben sich an Unikliniken bewährt

Mittwoch, 29. Dezember 2021

/Gorodenkoff, stock.adobe.com

Bern/ Bonn – Geburten, die in einer Klinik unter der Leitung einer Hebamme durchgeführt werden, können eine sichere Alternative zur früheren Hausgeburt sein, da im Fall einer Komplikation alle mo­dernen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Erfahrungen aus der Schweiz und Deutschland zeigen, dass die Hebammen in jedem 2. Fall auf eine ärztliche Unterstützung zurück­greifen.

Die „Midwife-Led-Units“ wurden zunächst im angelsächsischen Raum, später auch in Dänemark und Schweden eingeführt, um Schwangeren mit einem niedrigem Komplikationsrisiko eine Geburt in einer „natürlichen“ Umgebung ohne den Stress und die Hektik eines Kreißsaales zu bieten. Die Frauenklinik des Inselspitals Bern bietet die hebammengeleiteten Geburten seit 2006 für Frauen mit einem unkomplizierten Verlauf der Schwangerschaft an, wenn eine Ultraschalluntersuchung um die 34. Woche keine Hinweise auf mögliche Probleme ergeben hat.

Die Nachfrage scheint in der Schweizer Bevölkerung, die bei einem Anteil von 97 % an ärztlich geleitete Klinikgeburten gewöhnt ist, zwar gering zu sein. Von den 20.720 Geburten, die bis 2019 am Inselspital Bern durchgeführt wurden, erfolgten nur 532 (2,6 %) im Hebammenkreißsaal. Der Anteil ist seit 2006 sogar von 5,1 % auf zuletzt (2019) 1,6 % gesunken.

Doch die Erfahrungen, über die Ann-Katrin Morr und Mitarbeiter kürzlich in BMC Pregnancy Childbirth (2021; DOI: 10.1186/s12884-021-04209-2) berichteten, sind positiv. Bei 302 Frauen (57 %) führten die Hebammen ohne ärztliche Unterstützung eine vaginale Entbindung durch. In den übrigen 230 Fällen wurde ein Arzt oder eine Ärztin hinzugezogen.

Die Gründe waren laut Morr ein ungewöhnlicher Geburtsverlauf, eine Beeinträchtigung des Zustandes des ungeborenen Kindes, ein Wunsch der Kreißenden nach einer Periduralanästhesie zur Schmerzlin­derung oder auch die Notwendigkeit einer medikamentösen Geburtseinleitung. Die Entbindung erfolgte dann zu 62 % vaginal, bei 25 % mit instrumenteller Unterstützung und zu 13% als Kaiserschnitt. In der Gesamtgruppe lag die Kaiserschnitthäufigkeit nur bei 5,6 %.

Die häufigste Komplikation auf Seiten der Mutter war eine postpartale Hämorrhagie (5,6 %) und eine Verletzung des analen Sphinkters (3,6 %). Eine Episiotomie wurde bei 15,4 % aller Schwangeren durchgeführt. Komplikationen beim Kind waren selten: Bei 2 Neugeborenen war der 5-Minuten Apgar unter 7, bei 17 Kindern lag der pH-Wert unter 7,1 und 7 Neugeborene wurden auf die Intensivstation überwiesen.

Für Daniel Surbek, Chefarzt der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, ist die Hebammengeburt deshalb bei schwangeren Frauen mit niedrigem Risiko eine sichere Option – die am Ende auch zur Kostensen­kung beitragen könnte. Ob die Gesamtkosten geringer sind als bei der Geburt mit Betreuung durch Hebamme und Ärztin werde derzeit in einer vertieften ökonomischen Analyse geprüft.

Im letzten Jahr hatte ein Team um Laura Tascon ebenfalls in BMC Pregnancy and Childbirth (2020; DOI: 10.1186/s12884-020-02962-4) die Erfahrungen vom Uni-Klinikum Bonn vorgestellt, wo es seit Novem­ber 2009 einen Hebammen­kreißsaal gibt. In Bonn nahmen bis 2017 insgesamt 612 Schwangere das Angebot an. Wie in Bern fand in etwa der Hälfte der Fälle die Entbindung am Ende doch unter ärztlicher Leitung statt (50,3 %).

Auch das Komplikationsrisiko war mit der Schweizer Klinik vergleichbar. Zu einer postpartalen Hämorrhagie kam es bei 7,0 % der Frauen. Eine Episiotomie wurde mit 4,7 % der Schwangeren deutlich seltener durchgeführt als in Bern. Ein 5-Minuten-Apgar unter 7 wurde bei 3 Neugeborenen notiert und ein pH-Wert unter 7,1 lag bei 8 Neugeborenen vor. In Bonn wurden 5 Neugeborene auf die Intensiv­station überwiesen. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #60222
Presse00335
am Dienstag, 4. Januar 2022, 18:28

Zu viele instrumentelle Geburten

Das Kollektiv war positiv vorselektioniert (keine Makrosomie, keine mütterlichen Erkrankungen wie Diabetes, etc.), also absolute niedrig-Risikoschwangerschaften, das erklärt die niedrige Sectiorate des Gesamtkollektivs. Aber selbst bei dieser günstigen Ausgangslage musste ein Großteil der Schwangeren abgegeben werden. Offenbar waren die Geburtsverläufe trotz des wohl ausgesuchten Niedrig-Risiko-Kollektivs doch so problematisch, dass in der Gruppe, die die Hebammen nicht selbstständig zu Ende betreuen konnten, der Anteil instrumenteller Entbindungen mit 25 % ungeheuer hoch war - ein Desaster für den Beckenboden der Mütter. Da stellt sich die Frage, ob hier eine alternative Geburtsform nicht angebracht gewesen wäre, um zum Beispiel vor Sphinkterverletzungen und Levatoravulsionen (leider nicht angegeben) zu bewahren. Ob man tatsächlich von einem substanziellen Beitrag oder einer "Bewährung" dieser Form der Geburtsleitung sprechen kann, wenn fast die Hälfte von ideal ausgesuchten Schwangeren doch nicht rein hebammenbetreut entbinden kann und überhaupt laut Studie im Beobachtungszeitraum insgesamt 2,6 % (!) der Schwangeren intentional hebammengeleitete Geburten hatten, müsste hinterfragt werden.
Avatar #697567
jojomi
am Dienstag, 4. Januar 2022, 13:40

Die Frau leitet die Geburt

Es muss hebammenbegleitete Geburt lauten und hebammengeleiteter Kreißsaal. Hebammengeleitete Geburten sollten die absolute Ausnahme sein. Die Frau gebärt!
Avatar #749951
WolfgangFunk
am Sonntag, 2. Januar 2022, 11:10

hebammengeleitete Geburt

Hurra! Endlich wissen wir jetzt, wozu wir Universitätsmedizin brauchen!
Avatar #855526
Hampurilainen*
am Donnerstag, 30. Dezember 2021, 13:23

In Skandinavien nichts Neues

Ich habe meine geburtshilfliche Ausbildung vor 50 Jahren in der Universitätsfrauenklinik in Helsinki bekommen. Dort wurden und werden die Geburten nur von Hebammen geleitet und der Arzt wird nur gerufen, wenn es nicht normal läuft. Die Erfolgsstatistik kann sich sehen lassen mit besten Ergebnissen und einer Sectiofrequenz von nur 16 % .




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