NewsMedizinJahresrückblick: Im 2. Jahr von Alpha bis Omikron
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Medizin

Jahresrückblick: Im 2. Jahr von Alpha bis Omikron

Montag, 3. Januar 2022

/Lagunov, stock.adobe.com

Berlin – Die Impfungen gegen COVID-19 haben im vergangenen Jahr vielen Menschen das Leben geret­tet. Die hohe Mutationsrate des Virus SARS-CoV-2 hat jedoch mehrere Varianten hervorgebracht, die den Immunschutz von Geimpften und Genesenen untergraben haben.

Omikron gefährdet auch den Einsatz der gerade zuge­lassenen Antikörperpräparate. Die Entwicklung der 1. oralen Virustatika könnte künftig die Behandlung erleichtern. Long COVID und die Herkunft des Virus dürften auch 2022 ein Thema bleiben.

Frühe Erfolge der Impfkampagne

Niemals in der Geschichte der Menschheit sind so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit gegen eine Krankheit geimpft worden wie gegen COVID-19. Die ersten Länder hatten bereits im Dezember 2020 mit der Impfkampagne begonnen, am 5. Januar 2021 gab die WHO mit der Notfallzulassung von BNT162b2 den internationalen „Startschuss“. Einen Tag später wurde mRNA-1273 von Moderna in Europa zuge­lassen.

Ende Januar folgte AZD1222 von Astrazeneca und Mitte März der Einmalimpfstoff Ad26.COV2.S von Jans­sen. Mit diesen 4 Impfstoffen wurden bis Ende des Jahres 71,1 % der deutschen Bevölkerung geimpft. Weltweit haben Ende 2021 mehr als 4,4 Milliarden Menschen eine oder mehrere Dosierungen von mitt­ler­weile 23 verschiedenen Impfstoffen erhalten. Das sind etwa 56 % der Weltbevölkerung.

Die Verteilung war ungleich. Während in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Chile und Kuba auf 100 Personen mehr als 200 Impfdosen kamen, waren es in Tansania, Afghanistan oder Papua-Neuguinea weniger als 20.

Rückgang der Sterblichkeit zeigt sich frühzeitig

Der Erfolg der Impfkampagne stellte sich früh ein. Mitte Januar war in Israel die Zahl der Erkrankungen bei den Senioren bereits um 60 % gesunken. Bald wurde auch aus England, das ebenfalls schon im De­zember mit den Impfungen begonnen hatte, ein deutlicher Rückgang der schweren Erkrankungen ge­meldet. BNT162b2 hatte das Sterberisiko nach der 2. Dosis um 69 % gesenkt.

In Großbritannien wurden wegen des Impfstoffmangels die Intervalle zwischen den beiden Impfdosen verlängert. Die Befürchtung, dass dadurch die Schutzwirkung zurückginge, war unbegründet. Das Hinaus­zögern der 2. Dosis scheint die Antikörperbildung eher zu verstärken. Ein ähnlich günstiger Effekt wurde durch den Wechsel des Impfstoffs erreicht, der wegen Lieferschwierigkeiten der Hersteller und Änderun­gen der Impfempfehlungen notwendig wurde.

Impfstoffe retten Menschenleben

Schätzungen zufolge haben die Impfungen 2021 allein in den Vereinigten Staaten und in Europa min­dest­ens 750.000 Menschenleben gerettet. Eine im November von der WHO und dem Europäischen Zen­trum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass in 33 europäischen Ländern allein bei Personen über 60 Jahren mindestens 500.000 To­des­­fälle vermieden wurden. Die Impfungen könnten einen Abfall der Lebenserwartung, zu dem es im Jahr 2020 in Europa und noch stärker in den USA gekommen war, verhindert haben.

Erster Impfstoff für Skeptiker?

Am 20. Dezember wurde mit NVX-CoV2373 in Europa als 5. Impfstoff die 1. proteinbasierte Vakzine zuge­lassen. Anders als die anderen 4 Impfstoffe, die mit der mRNA die genetische Information für die Produk­tion des Spikeproteins in menschliche Zellen schleusen, besteht NVX-CoV2373 aus dem Protein selbst (leicht modifiziert und in Nanopartikel verpackt). Solche Untereinheitenimpfstoffe werden seit längerem verwendet.

Das 1. Exemplar war 1986 ein Hepatitis B-Impfstoff. Ob dies die Bedenken von Impfgegnern ausräumen kann, bleibt abzuwarten. Immerhin werden die Impfstoffe in genmodifizierten Zellen hergestellt und zur Verstärkung werden sie mit Adjuvanzien versehen, die in der Vergangenheit Ängste ausgelöst haben (die durch die guten Erfahrungen mit dem Hepatitis-B-Impfstoff auch bei Kindern abgebaut wurden). Auch die HPV-Impfstoffe, mit denen sich Jugendliche vor einem späteren Zervixkarzinom schützen können, gehören zu den proteinbasierten Vakzinen.

Intranasale oder inhalative COVID-19-Impfstoffe, die von mehreren Herstellern entwickelt wurden, könnten die Impfstoffbedenken auch bei Menschen mit Spritzenangst mindern. Eine Vakzine des chinesi­schen Herstellers CanSino hat sich in einer Phase-1-Studie als sicher erwiesen.

Frühe Sorgen über eine nachlassende Schutzwirkung gegen Alpha

Die Freude über die gute Wirksamkeit der Impfstoffe wurde bald überschattet von der Sorge um eine Immunevasion. Die Impfstoffe waren Anfang 2020 gegen den damaligen Wuhan-Typ konzipiert worden. Schon im Februar hatte sich die Variante B.1 in Europa und dann weltweit durchgesetzt. Sie unterschied sich lediglich durch eine Mutation an Position 614 vom Wildtyp (und wird meist mit diesem gleichge­setzt).

In der Variante B.1.1.7, die heute als Alpha bezeichnet wird, wich das Spikeprotein bereits an 17 Stellen vom Wildtyp ab. Dies hätte theoretisch zu einer Immunevasion führen können. Die Labortests gaben je­doch für Alpha schnell eine Entwarnung und die Impfkampagnen blieben erfolgreich.

Auch die Befürchtung, dass die inzwischen in Südafrika entstandene Variante B.1.351, die heute als Beta bezeichnet wird, eine weitere Welle auslösen könnte, war unbegründet. Beta konnte außerhalb Afrikas nicht Fuß fassen. Auch die Linie P.1, die heute als Gamma-Variante bezeichnet wird, blieb auf Südamerika beschränkt.

Impfkomplikationen VITT und Myokarditis

Mehr als die Virusvarianten beschäftigte die Öffentlichkeit im Frühjahr das Auftreten von ungewöhn­li­chen Komplikationen der Impfung. Seit März war es im Anschluss an die Impfung mit AZD1222 bei jün­geren Personen vereinzelt zu akuten Hirnvenen- und Sinus­thrombosen (CVST) gekommen, die häufig tödlich verliefen. Die Impfungen mit AZD1222 wurden vorübergehend ausgesetzt.

​Die Ständige Impfkommission (STIKO) riet, den Impfstoff nur noch bei älteren Patienten einsetzen. Die Zahl der Zwischenfälle blieb jedoch gering. Der EU-Datenbank zur Arzneimittelsicherheit EudraVigilance wurden bis Ende März weniger als 100 Fälle gemeldet. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) be­ließ es deshalb bei einem Warnhinweis in den Fachinformationen. Die Impfkampagne konnte fortgesetzt werden.

Es stellte sich schnell heraus, dass die CVST nur eine von mehreren Manifestationen einer systemischen thrombotischen Komplikation war, die auch andere Venen und Arterien betraf und die mit einem Mangel an Thrombozyten einherging. Die Komplikation erinnerte damit stark an die Heparin-induzierte Throm­bo­zytopenie (HIT), deren Ursache Andreas Greinacher vor Jahren aufklären konnte.

Auslöser waren Antikörper gegen den Plättchenfaktor 4. Bei der HIT wurden sie durch Heparin als Hap­ten ausgelöst. Der Mediziner konnte zeigen, dass die Antikörper auch bei den Patienten mit CVST im Blut vorhanden waren, weshalb die Komplikation heute als „Vakzin-induzierte immunthrombotische Throm­bozytopenie“ (VITT) bezeichnet wird.

Da die Komplikation nur nach Gabe von Impfstoffen auftrat, die Adenoviren als Transportvehikel für die mRNA nutzen, werden Bestandteile der Adenoviren als Auslöser vermutet, was sich bei weiteren Studien im Dezember bestätigte.

Schon bald stellte sich dann heraus, dass es auch nach der Gabe von mRNA-Impfstoffen bei jüngeren Personen zu Komplikationen kommen kann. Das israelische Gesundheitsministerium teilte Ende April mit, dass es bei einigen wenigen jungen Personen nach der Impfung mit BNT162b2 zu Myokarditis­erkrankungen gekommen war.

Die Komplikation wurde später auch in anderen Ländern beobachtet. Anders als die VITT verliefen die Myokarditiden (und Epikarditiden) in der Regel glimpflich. Es gab deshalb keinen Grund für ein Verbot der Impfstoffe.

Der Auftritt von Delta

Kaum hatten die Impfstoffe die Zahl der Infektionen durch Alpha gesenkt, trat mit Delta die nächste Variante auf den Plan. In Indien erreichte die Epidemie am 7. Mai mit mehr als 400.000 täglichen Fällen und mehr als 4.000 Todesfällen pro Tag den Höhepunkt.

Im Mai stufte die WHO Delta als besorgniserre­gen­de Variante (VOC) ein. Delta verdrängte im Sommer in den meisten Ländern die Alpha-Variante, weil einige der 13 Mutionen die Bindung am ACE-Rezeptor verstärken und den Eintritt in die Zellen erleich­tern. Die Infektiosität war um 40 % höher.

Mit der Ausbreitung in Europa stieg die Sorge, dass die Impfstoffe nicht vor Delta schützen und die Impf­kampagne ins Leere läuft. Vor allem ein rascher Anstieg der Erkrankungen in Israel, das mit die höchste Impfquote hatte, ließ dies befürchten.

In Wirklichkeit waren die Fallzahlen in Israel stark gestiegen, weil die Antikörpertiter rascher als erwartet abgefallen waren. Ein Großteil der Bevölkerung hatte in weniger als 6 Monaten den Schutz vor einer In­fektion verloren. Die Zahl der schweren Erkrankungen und Todes­fälle blieb jedoch niedrig.

Israel startete im Sommer als erstes Land eine bevölkerungsweite Impfkampagne, die die 3. Welle im Land innerhalb weniger Wochen brechen sollte. Im Oktober war die Delta-Welle überwunden. Israel wurde damit zum Vorbild für andere Länder, die angesichts der im Herbst wieder steigenden Zahlen erst der älteren und später der gesamten erwachsenen Bevölkerung zu einer Auffrischung rieten. Bis Ende des Jahres ließen sich Deutschland 31,6 Mio. Menschen boostern.

Boostern gegen Omikron

Die Booster galten Ende des Jahres als wichtiger Schutz gegen die neue Variante Omikron. Im September hatten Virologen in Science vor der Entstehung neuer Varianten in Afrika gewarnt. Die niedrige Impfquo­te und auch die hohe Zahl von Menschen, deren Immunschutz infolge einer HIV-Infektion eingeschränkt ist, bildeten günstige Voraussetzungen für die „Weiterentwicklung“ des Virus.

Am 22. November entdeckten dann südafrikanische Forscher, dass ein ungewöhnlich rascher Anstieg von Erkrankungen in der Provinz Gauteng von einer Variante ausgelöst wurde, deren Spikeprotein an über 30 Stellen von dem Wildtyp abwich. Darunter waren 15 Mutationen in der Rezeptorbindungsdomäne.

Dies verstärkte nicht nur die Infektiosität, was sich inzwischen auch in der raschen Zunahme der Erkran­kungen in England, Dänemark und zuletzt auch in Deutschland bemerkbar machte. Die WHO hat dies vorausgesehen und die Variante bereits am 26. November zur VOC erklärt.

Problematisch ist auch, dass die Rezeptorbindungsdomäne ein wichtiger Angriffspunkt von neutralisie­renden Antikörpern ist. Es muss deshalb mit einer verminderten Schutzwirkung der Impfung gerechnet werden. Die Befürchtungen bestätigten sich in eilig durchgeführten Laborexperimenten, in denen das Serum von Geimpften und auch Genesenen nicht mehr oder kaum noch in der Lage war, die Viren von der Infektion von Zellkulturen abzuhalten.

Die Labortests zeigten jedoch auch, dass eine Boosterung das Infektionsrisiko mindern kann. Mediziner aus Südafrika meldeten außerdem, dass Omikron zu weniger schweren Erkrankungen führt. Dennoch könnte es wegen der raschen Verbreitung im Januar zu einer Zunahme von Krankenhaus- und auch Intensivbehandlungen kommen.

Antikörperpräparate vor dem Aus?

Omikron gefährdet auch die Wirksamkeit der verschiedenen Antikörperpräparate, die seit September von der WHO empfohlen werden zur Behandlung von Personen, die seit wenigen Tagen unter COVID-19-Symptomen leiden, bisher aber noch ohne Sauerstoffbehandlung auskommen.

Casirivimab/Imdevimab von Regeneron, Regdanvimab von Celltrion und Sotrovimab von Vir Biotech­no­logy, die im November und Dezember zugelassen wurden, haben in klinischen Studien das Risiko auf einen schweren Verlauf von COVID-19 deutlich gesenkt. Die Wirksamkeit der Antikörperpräparate ist um­so höher, je früher die Behandlung erfolgt. Üblich ist eine eimalige Injektion, die dem Körper die Anti­körper zur Verfügung stellt, die sein Immunsystem noch nicht (in ausreichender Menge) produziert.

Durch chemische Modifikationen ist es einigen Herstellern gelungen, die Halbwertzeit der Antikörper im Körper zu verlängern. Dadurch werden die Antikörperpräparate auch für die Prophylaxe interessant. Eine einzige Infusion oder auch intramuskuläre Injektion hat in klinischen Studien Haushaltsangehörige von COVID-19-Patienten vor einer Infektion geschützt. In der Praxis dürfte die Prophylaxe vor allem für Men­schen mit einem geschwächten Immunsystem (etwa bei Organtransplantierten, HIV-Infizierten oder Rheumapatienten) infrage kommen.

Die Entwicklung der Antikörper ist kompliziert. Zunächst muss im Blut von Genesenen nach möglichen Kandidaten gesucht werden. Dann müssen die B-Zellen, die diese Antikörper bilden, identifiziert werden. Die Gene der Antikörper werden dann in rekombinanten Zellkulturen vermehrt. Dieser Prozess ist zeit­aufwändig. Die meisten Antikörper wurden 2020 aufgrund ihrer Wirksamkeit gegen den Wildtyp ausge­sucht. Inzwischen hat es mehrere Varianten gegeben, die sich stark vom ursprünglichen Virus unterschei­den.

Ein Nachteil ist die hohe Anfälligkeit gegenüber Mutationen. Da die monoklonalen Antikörper eines Präparates nur an eine bestimmte Stelle des Spikeproteins binden, können sie durch eine einzige Muta­tion wirkungslos werden. Dies könnte bei Omikron der Fall sein. In den 1. Laborstudien, deren Ergebnisse Ende des Jahres vorgestellt wurden, hat sich Omikron dem Zugriff der meisten zugelassenen (oder in der klinischen Entwicklung befindlichen) Antikörper entzogen. Einzig Sotrovimab war noch in der Lage, die Viren zu neutralisieren.

Auf und Ab für die Serumtherapie

Im Unterschied zu den monoklonalen Antikörpern kann die Serumtherapie die Patienten im Prinzip mit einem breiten Arsenal von Antikörpern ausstatten, mit dem ein anderer Mensch die Infektion bereits überstanden hat. Die Anfälligkeit gegenüber Mutationen des Virus sollte deshalb geringer sein. Qualität und Quantität der Antikörper können jedoch von Spender zu Spender stark schwanken. Die beste Wirk­samkeit ist zudem – wie bei den monoklonalen Antikörpern – bei einem frühzeitigen Einsatz zu erwar­ten.

Anfang des Jahres konnten Mediziner aus Argentinien die Häufigkeit von schweren Verläufen von COVID-19 durch eine Serumtherapie um bis zu 60 % senken. Möglich wurde dies durch eine frühzeitige Infusion, die innerhalb von 72 Stunden nach Symptombeginn ambulant durchge­führt wurde. Argentinien verfügt hierfür über die notwendige Erfahrung und Infrastruktur, da die Serumtherapie dort standardmäßig zur Behandlung des argentinischen hämorrha­gischen Fiebers eingesetzt wird, einer nur in Argentinien und Paraguay vorkommenden Virusinfektion mit hämorrha­gischen Komplikationen.

In Europa und Nordamerika wurde die Behandlung in Studien zunächst bei schwerer erkrankten COVID-19-Patienten erprobt – in den meisten Fällen ohne Erfolg. Im Dezember riet die WHO von einer Behand­lung mit Rekonvaleszenten­serum ab. Ende des Jahres konnten US-Mediziner dann in einer Studie die Hospitalisierungs­rate von COVID-19-Patienten halbieren.

In der Studie vergingen zwar bis zur Transfusion des Rekonvaleszentenplasmas median 6 Tage, also doppelt so lang wie in Argentinien. Die Antikörpertiter der Spender waren jedoch höher. Die Serum­therapie könnte deshalb eine – deutlich kostengünstigere – Alternative zu den monoklonalen Antikör­pern bleiben, vor allem, wenn deren Wirkung durch Mutationen in neuen Virusvarianten erlischt.

Virustatika: Oraler Ersatz für Remdesivir

Auch bei den Virustatika ist die größte Wirksamkeit in der Frühphase der Erkrankung zu erwarten. Dies erschwert den Einsatz von Remdesivir, das seit Juni in Deutschland zur Behandlung von Patienten zuge­lassen ist, die wegen einer Pneumonie hospitalisiert wurden und bereits auf eine zusätzliche Sauerstoff­zufuhr angewiesen sind. Die klinischen Vorteile von Remdesivir waren in dieser Patientengruppe auf eine Verkürzung der Krankenhausliegezeiten beschränkt. Eine Senkung der Mortalität konnte weder in der Zulassungsstudie noch in der SOLIDARITY-Studie der WHO eindeutig nachgewiesen werden.

Der wesentliche Nachteil von Remdesivir ist, dass es über 5 bis 10 Tage täglich als Infusion gegeben werden muss. Eine solche Behandlung ist bei nicht hospitalisieren Patienten in der Regel nicht durch­führ­bar. Eine Beschränkung der Infusion auf 3 Tage wäre eher realistisch. Sie hat in der internationalen PINETREE-Studie, deren Ergebnisse Ende im September bekannt gegeben wurden, die Zahl der Hospita­li­sierungen um 87 % gesenkt. Der Erfolg dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Studienteilnehmer zu Beginn der Studie erst seit maximal 7 Tagen unter COVID-19-Symptomen litten.

Noch besser als eine Beschränkung auf wenige Infusionen, wäre eine Einahme in Tablettenform. Bei Remdesivir ist dies wegen der mangelnden Resorption aus dem Darm nicht möglich. Im Herbst wurden jedoch Ergebnisse zu 2 oral verfügbaren Virustatika vorgestellt. Molnupiravir, das als falscher Baustein die Replikation des Virus stört, hat in einer Studie das Hospitalisierungsrisiko von Patienten, die maximal seit 5 Tagen symptomatisch waren, halbiert und bis auf 1 alle Todesfälle verhindert. Ärzte können das noch nicht zugelassene Mittel ab Anfang Januar an Risikopatienten verordnen.

Der Proteaseinhibitor Nirmatrelvir vom Hersteller Pfizer steht ebenfalls vor der Zulassung. Der Wirkstoff hat in einer Phase-3-Studie das Hospitalisierungsrisiko sogar um 87 % gesenkt (wenn die Patienten in­nerhalb von 3 Tagen behandelt wurden). Todesfälle sind in der Studie nur in der Placebogruppe aufge­treten. Die EMA hat grünes Licht für einen Einsatz vor der eigentlichen Zulassung gegeben. Die Erwar­tungen in die beiden Medikamente sind hoch, zumal sie bei allen bisherigen Virusvarianten wirksam sind.

Rheumamittel unterstützen die Behandlung

In fortgeschrittenen Stadien von COVID-19 ist seit Mitte 2020 Dexamethason das Mittel der Wahl. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die überschießende Immunreaktion zu dämpfen. Dexamethason hat hier in der RECOVERY-Studie das Sterberisiko vor allem bei den maschinell beatmeten Patienten ge­senkt.

Die WHO rät in ihrer „lebenden“ Leitlinie seit Juli neben Kortikosteroiden zusätzlich die Gabe eines Inter­leukin-6 (IL-6)-Antagonisten, Tocilizumab oder Sarilumab. Grundlage bilden vor allem die im Februar pub­lizierten Ergebnisse der britischen RECOVERY-Studie. Dort hatte die zusätzliche Gabe von Tocilizu­mab die Sterberate von schwer erkrankten Patienten deutlich gesenkt.

Für Sarilumab gibt es laut WHO ebenfalls Hinweise auf eine klinische Wirkung. Als Alternative zu IL-6-Antagonisten werden inzwischen auch JAK-Inhibitoren wie Tofacitinib genannt, die in ersten klinischen Studien ebenfalls günstige Ergebnisse erzielt haben.

Der präventive Einsatz von inhalativen Steroiden, die in der Behandlung von Asthma und COPD breit angewendet werden, wird von den Fachgesellschaften abgelehnt. Die Ergebnisse einer offenen Phase-2-Studie, in der Budesonid die Dauer einer milden COVID-19 um einen Tag verkürzt und die Häufigkeit von schweren Verläufen um 90 % gesenkt hatte, konnten in Anschlussstudien nicht bestätigt werden.

Negativstudien zu populären Medikamenten

Die Liste der Wirkstoffe, die die Erwartungen nicht erfüllt haben, hat sich in 2021 verlängert. Das Anti­parasitikum Ivermectin, das in Lateinamerika fast noch beliebter war als das Malariamittel Hydroxy­chlo­ro­quin in Nordamerika, hat im März in einer randomisierten Studie bei Patienten mit mildem Verlauf keine eindeutige Wirkung erzielt.

Das frühere Gichtmittel Colchicin, dem antientzündliche Wirkungen zugeschrieben werden, konnte in der britischen RECOVERY-Studie die Überlebenschancen von hospitalisierten Patienten nicht verbessern. Die enttäuschenden Ergebnisse einer Zwischenauswertung waren ebenfalls im März vorgestellt worden.

In der RECOVERY-Studie erwies sich die Gabe von Acetylsalicylsäure als unwirksam. Der Thrombozyten­aggregationshemmer, der bei anderen Erkrankungen die Bildung von Thrombosen erfolgreich verhindern kann, konnte COVID-19-Patienten nicht vor thrombotischen Komplikationen schützen.

Auch eine Behandlung mit Interferon beta, die im Prinzip die Erstabwehr von Viren verstärkt, hat in einer randomisierten Studie die Erholung von hospitalisierten Patienten mit einer COVID-19-Pneumonie nicht beschleunigt. Ein Teil der Studie musste wegen einer Zunahme von Komplikationen sogar vorzeitig abge­brochen werden.

Long COVID: Kein Ende in Sicht

Für viele Patienten ist die Erkrankung mit dem Ende der Infektion nicht vorüber. Von den ersten Patien­ten, die zu Beginn 2020 in der Jin Yin-tan Klinik in Wuhan behandelt wurden, klagte nach 1 Jahr jeder 2. über mindestens 1 Residualsymptom.

Teilweise lässt sich dies auf eine Schädigung von Herz und Lungen zurückführen, von denen sich die Pa­tienten nur langsam erholen, wenn überhaupt. So wies in einer Studie etwa die Hälfte aller Patienten, die wegen einer schweren COVID-19 mit Erhöhung des Troponinwertes im Krankenhaus behandelt wurden, auch Monate später noch in einer Magnetresonanztomografie Zeichen einer Schädigung des Herz­mus­kels auf. In den ersten Monaten nach der Erkrankung ist neben dem Herzinfarkt- auch das Schlag­anfall­risiko erhöht.

In den Lungen kommt es nach schweren Verläufen zu Vernarbungsprozessen, die auf Dauer die Sauer­stoffversorgung gefährden. Die körperliche Schwäche und schnelle Erschöpfung, über die viele Patienten in den Monaten nach der Erkrankung klagen, könnten hier ihren Ursprung haben.

Im Gehirn konnte mit der Positronenemissionstomografie eine Verminderung des Glukosestoffwechsels nachgewiesen werden. Sie könnte die kognitiven Defizite erklären, die als „brain fog“ ebenfalls zu den häufigen Long-COVID-Symptomen gehören.

Bei den meisten Patienten mit PASC („postacute sequelae of COVID-19“) lassen sich jedoch keine kör­perlichen Schäden nachweisen. Die Symptome können sehr vielfältig sein. In einer Umfrage gaben die Betroffe­nen mehr als 200 verschiedene Beschwerden an.

Einen Test, mit dem die Diagnose gesichert werden könnte, gibt es nicht, und in einer Querschnittstudie aus Frankreich hatten viele Menschen, die davon überzeugt waren, an Long COVID zu leiden, einen nega­tiven Antikörpertest. Eine andere Studie kam jedoch zu dem Ergebnis, dass das Sterberisiko für Men­schen, die eine schwere COVID-19 überstanden haben, im anschließenden Jahr erhöht bleibt. Long COVID dürfte deshalb auch 2022 ein Thema bleiben.

Herkunft von SARS-CoV-2 bleibt ungeklärt

Auch die Fragen nach der Herkunft von SARS-CoV-2 dürften Forschung und Öffentlichkeit noch länger beschäftigen. Wieso die Pandemie Ende 2019 in der chinesischen Großstadt Wuhan ausgebrochen ist und damit tausende Kilometer entfernt vom Verbreitungsgebiet der Tiere, die das Reservoir der nächsten Verwandten von SARS-CoV-2 sind, konnte 2021 nicht geklärt werden.

Dass Wuhan Sitz eines virologischen Instituts ist, das Ende 2019 gerade das Chaos eines Umzugs zu bewäl­tigen hatte, musste zwangsläufig die Fantasien beflügeln. Die WHO kam am 9. Februar gemeinsam mit chinesischen Behörden zu dem Ergebnis, dass die Hypothese von Laborvorfällen äußerst unwahr­scheinlich sei, um die Einschleppung des Virus in die menschliche Bevölkerung zu erklären. Vertreter der US-Geheimdienste hielten im Oktober einen Laborunfall für möglich, konnten jedoch keine Belege vorlegen.

Die meisten Wissenschaftler vermuten, dass das Virus in der Natur entstanden ist. Das Reservoir könnten Fledermäuse sein. Im September berichtete ein Forscherteam aus Laos, dass es bei den Tieren Sarbeco­viren entdeckt hat, deren Rezeptorbindungsstellen zum ACE2-Rezeptor sich nur in 1 oder 2 Aminosäuren von SARS-CoV-2 unterscheidet. Insgesamt war das Genom zu mehr als 95 % identisch mit SARS-CoV-2.

Ein mögliches Szenario ist, dass die Vorläuferviren beispielsweise von Guanosammlern auf Haustiere übertragen wurden, dort könnten sie sich in SARS-CoV-2 verändert haben. Als Delikatesse könnten sie auf den „Südchinesischen Großhandelsmarkt für Fische und Meeresfrüchte“ in Wuhan gelangt sein. Die Verbindung zum Feinkostmarkt wurden Ende des Jahres von Epidemiologen für möglich gehalten. Beweisen lässt sich das bisher nicht.

Tatsache ist allerdings, dass Tiere als Reservoir für SARS-CoV-2 infrage kommen. Dazu gehören nicht nur Nerze und Zootiere, sondern auch Hunde und Katzen. In den USA haben sich die Viren in Weißwedel­hirschen verbreitet, die weniger menschenscheu sind als ihre europäischen Verwandten. Selbst in Nagern kann SARS-CoV-2 existieren. In all diesen Tieren können sich neue Coronaviren bilden. Künftige Erreger von „emerging infections“ müssen deshalb nicht aus China kommen.

© rme/aerzteblatt.de

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